Ozeaneum Stralsund In die Tiefe

Deutschlands größter Museumsneubau steht in Stralsund: In zwei Jahren Bauzeit entstand für rund 60 Millionen Euro das "Ozeaneum" von Behnisch Architekten. Am Wochenende wird die Schau der Meereswunder eröffnet - allerdings mit Lücken.

Stralsund - Die Meere bedecken sieben Zehntel der Erdoberfläche, sie sind der evolutionäre Ursprung allen Lebens und gigantische Nahrungsquelle für Krebse, Fische, Meeressäuger und Menschen. Trotzdem behauptet der Direktor des Deutschen Meeresmuseums, Harald Benke: "Die Meere unserer Erde sind schlechter erforscht als die Oberfläche des Mondes."

Nur 2,4 Quadratkilometer der Tiefsee, ein nicht mal stecknadelgroßer Punkt auf dem Globus und damit statistisch gesehen ein nahezu vernachlässigbarer Teil, seien bisher mit automatischen Tauchrobotern gründlich untersucht worden. "In der Tiefsee leben noch viele Arten, die wir nicht kennen", ist der Experte überzeugt.

In das unbekannte Universum "Meer" können vom kommenden Wochenende an die Besucher von Deutschlands größtem Museumsneubau eintauchen. In den zurückliegenden zwei Jahren entstand in der Unesco-Welterbestadt Stralsund für rund 60 Millionen Euro das "Ozeaneum" zusätzlich zum bestehenden Ausstellungsgebäude des Deutschen Meeresmuseums.

Wie vier Eiszeitfindlinge

Wie vier riesige, vom Wasser blank geputzte und umspülte Eiszeitfindlinge thront die Anlage zwischen mittelalterlichen Speichergebäuden. In dem Bau des Stuttgarter Büros Behnisch Architekten kann der Besucher entlang von künftig 39 Schaubecken auf eine Unterwasserreise durch die Kaltwassermeere der nördlichen Erdhalbkugel gehen. Die Reise beginnt an einer Nachbildung des Stralsunder Hafenbeckens, in dem Plötzen und kleine Rotfedern über einem entsorgten Fahrrad schwimmen - und endet am Tiefsee-Atlantik-Aquarium mit skurrilen Seewölfen sowie am Grönlandbecken, das die Tierwelt unter dem Eis abbildet.

Endpunkt der Ausstellung ist der von der Umweltorganisation Greenpeace mit 1,45 Millionen Euro finanzierte Bereich "1:1 Riesen der Meere" mit künftig sieben lebensgroßen Modellen von Meeresgiganten wie Blauwal, Schwertwal oder Buckelwal. "Wir wollen den Menschen erlebbar machen, was sie durch die Bedrohung der Wale verlieren", sagt Greenpeace-Projektleiter Thomas Henningsen.

Die Aquarien, wenn sie denn alle in Betrieb sind, haben ein Gesamtfassungsvermögen von 60.000 Badewannenfüllungen (sechs Millionen Liter Wasser). Rund 200 Tonnen Salz benötigen die Aquarianer, um das Trinkwasser, das zuvor vollkommen entkeimt wurde, entsprechend den Originalgewässern aufzusalzen.

Pinguine mit Verspätung

Pinguine mit Verspätung

Das Deutsche Meeresmuseum will mit dem neuen Ausstellungskomplex mehr bieten als ein Großaquarium. "Als Museum haben wir den Auftrag, zu bilden", erklärt Benke.

In den Ausstellungen über das Leben in der Ostsee oder über die Weltmeere mit klassischen Vitrinen, Präparaten und Bildschirmen erhalten die Besucher Antworten auf Fragen wie "Müssen Fische trinken?" oder "Welche Extreme birgt die Tiefsee?". Wer sich in wissenschaftliche Fakten vertiefen will, habe dazu eine Vielzahl von Möglichkeiten, erklärt Benke.

Von dem Museumsneubau, der sich wegen des einzigartigen Konzepts Experten zufolge in die weltweit führenden Aquarien einreiht, erwartet vor allem die Tourismusbranche an der Küste positive Effekte. "Das Ozeaneum passt ausgezeichnet in das Image des Landes Mecklenburg-Vorpommern als naturnahes Urlaubsziel und ist ein Topfreizeitangebot für Touristen", erklärt der Geschäftsführer des Landestourismusverbandes, Bernd Fischer. Mindestens 550.000 Besucher benötigt das Museum pro Jahr für einen wirtschaftlichen Betrieb.

Doch über der Eröffnungsfreude liegen auch Schattenwölkchen. Fünf Tage vor der Eröffnung weist die Ausstellung noch Lücken auf - und nicht alle, das weiß Museumschef Harald Benke, werden bis dahin geschlossen sein. Das Schwarmfischbecken, mit insgesamt 2,6 Millionen Liter das größte, wird aus Zeitgründen bis zur Eröffnung nicht mit Tieren bestückt sein.

Die Pinguinanlage und das Heringsbecken dürfen derzeit gar nicht gebaut werden, weil die Kosten angesichts gestiegener Baupreise aus dem Ruder liefen. 60 Millionen Euro und damit zehn Millionen Euro mehr als ursprünglich geplant kostete der Bau. Die Zusatzkosten teilten sich Bund und Land, die sich insgesamt mit 30 Millionen (Bund) und 17, 5 Millionen Euro (Land) beteiligten.

Insgesamt flossen 52,6 Millionen Euro öffentliche Gelder in das "Ozeaneum", das künftig den Betrieb aus den Einnahmen finanzieren muss. Weil nicht alle Ausstellungsabschnitte fertig sind, werden in der Eröffnungsphase Ticketrabatte eingeräumt. Erwachsene kommen für zehn (später 14) und Kinder für fünf (später acht) Euro in die Ausstellung.

Martina Rathke, dpa

Ozeaneum: Die Wunder der Meere

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