Alte Meister Zerquält, aber standhaft

Nackte Frauen, fiese Monster und Goldberge - nichts ließ der Satan unversucht, um den heiligen Antonius vom Eremitendasein abzubringen. Das Sujet faszinierte Künstler von Hieronymus Bosch über Lovis Corinth bis zu Max Ernst. Das Hamburger Bucerius Kunst Forum zeigt eine Jahrhunderte umfassende Schau mit spektakulären Leihgaben.

Hamburg - Der Sohn reicher Eltern suchte die ultimative Gotteserfahrung: Antonius, um 251 in Mittelägypten geboren, entschied sich schon in jungen Jahren für ein Eremitendasein. In der Leere und Einsamkeit der Wüste fand der Einsiedler seine Dämonen.

Dem Satan, so heißt es in der Vita des Heiligen, sei dessen gottgefälliges Leben ein solcher Dorn im Auge gewesen, dass er ihn mit quälenden Visionen plagte: Verführerische Weibsbilder erschienen ihm, herrliche Gaumenfreuden, lockende Reichtümer - und, als er standhaft blieb, grauenerregende Dämonen, die ihn bis aufs Blut prügelten.

In der Ikonografie des Abendlandes nimmt die Gestalt des gequälten und versuchten Eremiten eine Sonderstellung ein. "Die christliche Überlieferung ist reich an Geschichten von ganz tollen Heiligen, aber keiner ist so toll wie der heilige Antonius", meint Michael Philipp, neuer Hauskurator im renommierten Hamburger Bucerius Kunst Forum . Er hat die erste umfassende Themenschau über die künstlerische Umsetzung des Antonius-Motivs konzipiert, die das private Museum unter dem Titel "Schrecken und Lust" bis zum 18. Mai zeigt (Katalog im Hirmer Verlag, 24,80).

Streifzug durch 600 Jahre Kunstgeschichte

Etwa 80 Werke sind zu sehen, davon 40 Gemälde - ein exemplarischer Streifzug durch mehr als 600 Jahre mit internationalen Leihgaben und viel kunsthistorischer Prominenz von Cranach über Bosch und Bruegel, Salvator Rosa und Pietro Longhi bis zu Lovis Corinth, James Ensor, Otto Dix und Max Ernst. Eine Pergamenthandschrift von 1320 ist das älteste Exponat zum Thema.

Im Zentrum der Schau stehen elf Werke aus der direkten Nachfolge von Hieronymus Bosch, ergänzt um eine eigenhändige Originalzeichnung des Meisters. Den zeitlichen Abschluss bildet Max Ernsts Antonius-Darstellung von 1945 - angesichts des Weltenbrandes der Kriegszeit schließt sich hier der Kreis zu den in den bunten Wimmelbildern stets dräuenden Endzeiterwartungen des späten Mittelalters.

Flattermänner und Fabelwesen

Flattermänner und Fabelwesen

In der Variation des Themas spiegelt sich der Geist der Zeiten, und durch die klare, chronologische Struktur der Ausstellung lässt sich dessen Wandel auch ohne umfassende kunsthistorische Vorbildung intuitiv nachvollziehen. Durch die Jahrhunderte wurde der Heilige zur idealen Projektionsfläche.

Exemplarisch konnten die Künstler in der Gestalt des versuchten Eremiten die Grundkonditionen des Menschseins jenseits religiöser Stereotypen darstellen: Das Schwanken zwischen Wollen und Sollen, die Einsamkeit, die Formen und die Macht des Begehrens und die menschliche Größe, die in dessen Überwindung liegt.

Antonius begegnet dem Betrachter zuweilen als abgeklärter Greis, der den Versuchungen den Rücken zukehrt und sie geduldig erträgt - bei den späteren Bosch-Epigonen scheint der Heilige sogar eher genervt als ernstlich bedroht von den skurrilen Flattermännern, Fabelwesen und Maschinengeschöpfen. Aber es gibt auch den anderen, den jungen Antonius, der angesichts der lebensprallen Versuchung um Fassung ringen muss.

Die Versucherin am Kruzifix

Nachdem Gustave Flaubert mit seinem Antonius-Roman im 19. Jahrhundert eine kolossale Renaissance des Themas und die Wende zum Erotischen initiiert hatte, tobten sich die Künstler richtig aus - und Félicien Rops wagte 1878, vier Jahre nach Erscheinen des Romans, den ultimativen Tabubruch: Antonius' letzte Waffe im Kampf gegen den Teufel, das Kruzifix, wird zum satanischen Instrument der Versuchung - der Satan selbst tritt auf den Plan, kippt den Leidensmann vom Kreuz, und statt seiner windet sich eine nackte Schönheit an den Balken.

So überdreht wird das Thema zur Sensation, der Tabubruch zum gekonnt inszenierten Selbstzweck - und darin hatte Rops Erfahrung, hatte er doch schon zwanzig Jahre zuvor einen beleibten und sinnenfrohen Antonius in seliger Umarmung mit einem zufriedenen Schwein gezeigt, einträchtig aneinandergeschmiegt, beide mit güldenem Heiligenschein versehen. Auf diesem Bild macht es nicht den Eindruck, als hätte der Eremit irgendeiner Versuchung widerstanden oder auch nur die Absicht gehabt, sich ernsthaft darum zu bemühen.

Vom Eremiten zum Emigranten

Vom Eremiten zum Emigranten

Aber in der gleichen Epoche zeigt Domenico Morelli noch seine berührend ironiefreie Version, ein Gemälde voller Pathos: Sein Antonius ist jung, und er ringt wirklich. Unter der Strohmatte des Heiligen rekelt sich ein üppiges Weib, begleitet von einer lüsternen Gespielin - und selbst die Felswand, an die der Eremit sich presst, erstarrt, mit schreckgeweiteten Augen und vor der Brust verkrampften Händen, bietet ihm keinen Schutz, sondern bringt einen verführerischen Frauenmund hervor, dessen Einflüsterungen er widerstehen muss.

Otto Dix schließlich lässt 1940 seinen Antonius als altersweisen Stoiker die Versuchung einfach aussitzen - das Weib, die Monster, können in die Innenwelt nicht vordringen, in die er sich zurückgezogen hat. So wird das Religiöse zum Politischen und aus dem einsamen Eremiten ein innerer Emigrant.

Das Leitmotiv der Versuchung in seinen beiden Ausprägungen, dem Schrecken und der Lust, der Peinigung und der Verführung, wird durch die Jahrhunderte konjugiert, wandelt sich zu immer neuen Formen und bleibt doch in einer Hinsicht konstant: Das Individuum stemmt sich einer Welt voller Herausforderungen entgegen, stets vom Scheitern an den eigenen Ansprüchen bedroht. Die Metaphysik der Heiligengeschichte ist, so lehrt diese Ausstellung, eher Beiwerk, denn die gefährlichsten Dämonen lauern stets im eigenen Ich.

Bildergalerie: Die Versuchung des Antonius

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