Freitag, 23. August 2019

Gegenwartskunst Der Panzermaler

Michel Granger hat es nicht so mit den filigranen Bildstrukturen: Der französische Maler trägt seine Farben gerne dick auf - mit 50 Tonnen schweren Kampfpanzern, die über riesige Leinwände rasseln.

Paris - Was bin ich? Würde es das "heitere Beruferaten" mit Robert Lembke aus den 70er und 80er Jahren heute noch geben, wäre für Michel Granger das "Schweinderl" voll, in das bei jedem "Nein" auf die Fragen des Rateteams ein 5-DM-Stück fiel. Der Franzose ist Maler.

Doch seine Pinsel sind weder aus Dachs- noch Rehhaar, sondern aus massivem Stahl. Granger malt mit Panzern. Auf seine Anweisungen und Zeichen hin rollen bis zu 50 Tonnen schwere Leclerc-Kampfmaschinen über riesige Leinwände.

Wenn die stählernen Giganten mit ihren rasselnden Gleisketten über 500 Liter Acryl rollen, steht die Welt für den 61-Jährigen still. "Dieser Moment schnürt mir den Hals zu", sagt der Künstler. Wie bei einem Glücksspiel entscheidet in diesem Augenblick der Zufall: Wie werden die Spuren sein, die das eiserne Gefährt hinterlassen wird? "Retouchieren ist mit einem Panzer nicht möglich. Ich kann nur jedes Mal hoffen, dass ich mich mit meinen Farbmengen und den Anweisungen nicht getäuscht habe", erzählt er.

Die Farbe wird unter den Stahlriesen nicht vermischt, sondern zerdrückt. "Das war für mich eine erstaunliche Feststellung. Die Farben werden seitlich auseinandergedrückt und erzeugen fantastische Linien und Strukturen", erklärt der in Roanne, 85 Kilometer westlich von Lyon, geborene Künstler.

Für Granger funktioniert der Panzer wie ein gewöhnlicher Pinsel, denn je nach Menge und Dichte der Farbe und der Geschwindigkeit der Bewegung verändert sich auch das Ergebnis. "Dieselben Kriterien wie bei einem Pinsel", meint Granger amüsiert. Letztendlich sei das, was er mache, Magritte hoch zehn. "René Magritte zeichnete eine Pfeife und sagte, das ist keine Pfeife. Ich arbeite mit einem Panzer, der kein Panzer ist, sondern ein Pinsel."

Granger ist bekannt für seine Zweckentfremdung von Gegenständen. Schon vor mehr als 20 Jahren ließ er Pferde über seine riesigen Leinwände galoppieren oder fuhr mit seinem Auto darüber. Wie er jedoch auf Kampffahrzeuge gekommen sei? "Das war 1989, als ich am Fernsehen die Bilder von Wang Weilin auf dem Platz Tiananmen gesehen habe, der sich alleine gegen eine Kolonne anrollender Panzer stellte. Ich war fasziniert von diesem jungen Mann und seinem Mut. Ich wollte ihm eine Hommage zuteil werden lassen."

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