Kunstmarkt Hemmungslos

Rekordpreise für zeitgenössische Gemälde, endlose Warteschlangen vor Museen, bunte Unterhaltungsblätter, die über Wohl und Wehe angesagter Künstler berichten - der Kunsthype nimmt kein Ende. Trickreiche Strategen verknappen die gesuchte Ware. Aber es deuten sich Korrekturen auf dem überhitzten Markt an.

Düsseldorf - Das Signal war unübersehbar: Gerhard Richters "Düsenjäger"-Gemälde wurde Mitte November in New York zum Rekordpreis von 7,7 Millionen Euro versteigert. Und allen tagesaktuellen Medien war das eine Meldung auf der ersten Seite wert. Der Hype um Kunst und Kunstmarkt ist damit in der viel beschworenen "Mitte der Gesellschaft" angekommen.

Wohl nie zuvor sind zwischen Moskau und Miami, Kapstadt und Kiel so viele Menschen in Ausstellungen gegangen, hat die Publikumspresse so viel über Wohl und Weh der angesagten Künstler zwischen Leipzig und New York berichtet. Bunte Unterhaltungsblätter, so monieren manche Kritiker, seien die eigentlichen Kunstzeitschriften der Gegenwart, die den Run auf Großformatfotos oder neo-realistische Malerei anheizen.

Kunst zu sammeln, möglichst aus dem Strom stetig produzierender Jungmaler und Fotografen, ist "Lifestyle" und Erkennungszeichen derjenigen geworden, die gestern noch Rennpferde und Motoryachten liebten - und die Branche freut sich. Gegenwärtige Sammler, die bereit sind für qualitätvolle Ware Unsummen zu zahlen, sind besser als ihr Ruf, meint der Geschäftsführer von Christie's Deutschland, Andreas Rumbler: "Es scheint für marktfrische Spitzenwerke derzeit kein Limit nach oben zu geben."

Auf Jagd in den Akademien

Dass es doch Grenzen gibt, machten die Herbstauktionen in New York klar, wo Werke wie van Goghs auf bis zu 35 Millionen Dollar geschätztes "Weizenfeld" (1890) liegen blieben oder eine Südseeszene Gauguins knapp unter dem Schätzpreis an einen Sammler nach Hongkong ging. Offenbar, so meinen Insider, waren die Preiserwartungen schlicht überzogen. Nun könnten sich erste Korrekturen auf dem überhitzten Markt andeuten.

Allein das Auktionshaus Christie's konnte in der ersten Jahreshälfte 2007 seinen Umsatz an Nachkriegs- und Gegenwartskunst um stolze 132 Prozent auf 914 Millionen Dollar steigern. Impressionisten und Klassische Moderne, absolute "Renner" früherer Jahrzehnte, legten lediglich um 41 Prozent auf 865 Millionen Dollar zu.

Kein Wunder, dass eine Finanzzeitung im März ihren Lesern riet, auf der Jagd nach frischer Ware doch direkt in die Kunstakademien zu gehen. Aber offenbar gibt es auch im Handel noch genug Kunstwerke für den boomenden Markt, der sich notfalls auch von der Rückgabe geraubter Bilder aus ehemals jüdischem Besitz speist, die Erben nun zu spektakulären Auktionen tragen.

"Das ist kein dummes Geld"

"Das ist kein dummes Geld"

Die vielgeschmähten Investoren ohne Kunstambition, die mehr mit den Ohren als den Augen kaufen, sind im Marktgeschehen kein Problem, meint Christie's "International Specialist" Rumbler. Dank der Medienpräsenz von Kunst und des rasant gewachsenen Kunstbüchermarktes sowie der zahlreichen Messen, Ausstellungen und damit verbundenen Vergleichsmöglichkeiten komme man heute schneller zu einem Qualitätsurteil.

"Wir haben es auf keinen Fall mit dummem Geld zu tun. Es ist vielleicht schnell verdient, wird aber dennoch mit Bedacht ausgegeben." Jedoch scheint der Liebhaber, der genussreich ein Leben lang etwa niederländische Barockbilder sammelt, gegenüber denjenigen Sammlern deutlich auf dem Rückzug, die schnell kaufen und - bei sicherem Gewinn - ebenso schnell verkaufen, berichten Marktkenner.

Vor allem aus der Russischen Föderation und China drängen, nicht nur für Nobel-Möbel und Asiatika, zunehmend kundige Käufer nach Westen, wissen Beobachter des Messegeschehens. Die "Newcomer" frequentieren, der besseren Ware wegen, vor allem die bedeutenden nicht-deutschen Kunstmessen von Maastricht bis Miami.

Galeristen schauen derweil scheel auf die permanenten Auktionsrekorde: Den Augenblickspreis, der mit dem Fall des Hammers von russischen Oligarchen oder texanischen Öl-Milliardären erzielt wird, können sie in ihren Häusern nicht realisieren. Hier gibt es für sie nur die Strategie, hoffnungsvolle Namen auf den weiter sprießenden Modernemessen - oft "Ableger" der Großveranstaltungen in Basel, London oder Köln - trickreich zu platzieren und die Ware Kunst genau dann zu verknappen, wenn die Nachfrage anspringt.

"Hemmungslos, mein Wort des Jahres", kommentiert Kölns Kunstmessen-Direktor Gerard A. Goodrow den Blick auf das Kunstjahr 2007. Die Großereignisse des Sommers von Münster über die documenta in Kassel und die Biennale in Venedig bis zu Messen an allen Ecken der Welt hätten eher zur Erschlaffung und Verunsicherung als zur Belebung des Marktes und der Szene beigetragen.

900 Euro Durchschnittseinkommen

Künstler verdienen im Schnitt 900 Euro im Monat

"Erfreulich, dass Kunst so im Fokus des Interesses steht", meint hingegen Klaus Gerrit Friese, Vorsitzender des Bundesverbandes deutscher Galerien und Editionen (BVDG). "Ohne es genau belegen zu können" rechne er für 2007 im international kaum bedeutenden deutschen Kunsthandel mit einem Umsatz von etwa 600 Millionen Euro.

In den Galerien - wie auch beim Gros der Messekäufe etwa in Köln - liegt der Durchschnittspreis für ein Werk im fünfstelligen Euro-Bereich. Etwa die hohen Kosten zur notwendigen Teilnahme an immer mehr Messen sorgen laut Friese dafür, dass die deutsche Galerieszene nicht auf Rosen gebettet ist.

Und dass Deutschlands Künstler ohnehin eher ein Talent als Hungerkünstler haben müssen, ermittelt regelmäßig die Künstlersozialkasse: Das Durchschnittseinkommen der Maler, Bildhauer oder Fotografen liegt derzeit bei rund 900 Euro monatlich.

Gerd Korinthenberg, dpa