Kunstauktion Teurer als ein echter - Gerhard Richters gemalter Düsenjäger

Für satte 11,2 Millionen Dollar hat Gerhard Richters Bild "Düsenjäger" beim New Yorker Auktionshaus Christie's den Besitzer gewechselt. Die Auktion zeitgenössischer Kunst brach Rekorde - und wirft die Frage auf: Sind die exorbitanten Preise gerechtfertigt?
Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

Montagabend, Punkt 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit, war es endlich soweit: Beim New Yorker Auktionshaus Christie's begann der von Kunstsammlern auf der ganzen Welt seit Monaten herbeigesehnte "Post-War and Contemporary Art Evening Sale". Der Auktion mit 66 Werken war ein beispielloses Raunen vorausgegangen: Würden sich die prestigeträchtigen Arbeiten von Künstlerstars wie Andy Warhol, Jeff Koons, Damien Hirst oder Gerhard Richter, die in dieser Nacht zum Aufruf gelangen sollten, tatsächlich für die exorbitanten Summen, auf die sie geschätzt worden waren, verkaufen? Oder würde es zu einem spektakulären Breakdown des hochgepuschten Auktionsbooms kommen?

Der Alptraum eines jeden Auktionators, so tuschelte man, sei kurz davor, wahr zu werden: Topwerke hätten dann mühsam unter dem Schätzpreis verkloppt werden müssen oder wären gar liegen geblieben.

Enttäuschende Auktionsergebnisse hatte es in diesem Herbst ja schon gegeben: Ein Gauguin-Gemälde war bei Sotheby's hinter den Erwartungen zurück geblieben und ein Van Gogh fand gleich gar keinen Käufer.

Doch dann geschah, allen Unkenrufen zum Trotz, das Unglaubliche. Christie's fuhr ein sensationelles Ergebnis von 325 Millionen Dollar ein. Gleich 16 Werke kamen zu Rekordpreisen unter den Hammer. "Das war übernatürlich", zitiert die "New York Times" heute einen New Yorker Kunsthändler, "eine Million Dollar sind wie 10.000 Dollar", sagte er im Hinblick auf die enormen Bieterschritte, mit denen sich die Kaufwütigen ins Gefecht gestürzt hatten.

Es scheint, das Ende dessen, was Sammler und Investoren für moderne Kunst zu zahlen bereit sind, ist noch lange nicht erreicht. Das teuerste Werk des Abends war das zuvor auf 30 Millionen Dollar geschätzte Rothko-Gemälde "Untitled (Red, Blue, Orange)", das für 34,2 Millionen Dollar an einen Telefonbieter verkauft wurde. Danach folgten Rekordpreise wie am Schnürchen: Eine Lucian-Freud-Arbeit brachte 19,3 Millionen, ein Ed Ruscha 6,9 Millionen, ein Richard-Prince-Werk sechs Millionen.

So ging es munter weiter, bis zu dem Bild, das im Fokus des Interesses der Medien und Marktbeobachter stand: "Düsenjäger" des in Köln lebenden deutschen Malers Gerhard Richter, das er 1963 malte.

"Existenzielle Angst" - teuer bezahlt

"Existenzielle Angst" - teuer bezahlt

Auch diese Arbeit enttäuschte nicht: Sie brachte 11,2 Millionen Dollar ein, ein weiterer Rekord. "Düsenjäger" ist somit das teuerste Bild eines noch lebenden deutschen Malers - und, beiläufig, um ein Vielfaches teurer als das fliegende Original: Die einer F-86F Sabre vergleichbaren Jet-Oldtimer werden heute zwischen 50.000 und 200.000 Dollar gehandelt.

So ein Spitzenergebnis ist ohne Frage eine schöne Sache. Angebot und Nachfrage regeln bekanntlich den Markt, und wenn jemand bereits ist, so viel Geld für ein Bild zu bezahlen - bitte schön. Doch die Fragen, die sich aufdrängen, lauten: Wie werden solche Preise eigentlich gemacht und sind sie gerechtfertigt? Wer steht dahinter und wer hat eigentlich etwas davon?

Beispiel "Düsenjäger". Wie steht es mit der Verkaufsstrategie? Im luxuriös aufgemachten Auktionskatalog beschreibt Christie's das frühe Richter-Bild als einen künstlerischen Kommentar auf die Zeit des Kalten Krieges. Es mache "existenzielle Angst" spürbar und "sein Stachel" sei fast 50 Jahre nach seiner Entstehung und gerade in Zeiten globalen Terrors "so scharf wie nie zuvor". Ist das nun typisch angelsächsische Auktionshaus-Prosa mit verkaufsfördernden Assoziationen und pathetischem Unterton - oder eine kunsthistorisch korrekte Beschreibung?

Der Maler selbst profitiert nur indirekt

Dietmar Elger ist in seiner Einordnung vorsichtig: "Das Thema der Militärflugzeuge taucht 1963/64 in mehreren Werken auf und geht zurück auf Richters Erfahrungen als Jugendlicher gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, als er nicht nur die Angriffe der "Bomber", so der Titel eines anderen Gemäldes aus der Zeit, sondern auch die Angriffe der Jagdflugzeuge auf die Flüchtlingstrecks miterlebte. Mit der aktuellen politischen Situation um 1963 hat das Werk eigentlich weniger zu tun." Elger gilt als einer der wichtigsten Richter-Experten. Er war über lange Jahre Assistent des Malers, gab eine umfassende Richter-Biographie heraus und leitet heute das 2005 eröffnete Gerhard Richter Archiv der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Doch Rekordpreise hin oder her. Der Maler selbst profitiert vom dramatisch anschwellenden Preisniveau seiner Bilder nicht direkt. Ein Bild wie "Düsenjäger", ursprünglich für einige Tausend Mark an eine rheinische Privatsammlung verkauft, hat in der Regel schon etliche Besitzerwechsel - und Preissteigerungen - hinter sich, ehe es zur Auktion gelangt. Nach einer Odyssee durch deutsche und amerikanische Galerien wurde der "Düsenjäger" jetzt von seinen siebten Besitzern, dem Sammlerpaar Susan und Lewis Manilow aus Chicago, erstmals zu einer Auktion eingeliefert.

Die Manilows gelten als "Chicago"s First Couple of the Arts". Lewis Manilow, Jurist, Projektentwickler, Immobilientycoon und großzügiger Kunstmäzen, ist dabei alles andere als ein Spekulant. Der jetzige Verkauf dürfte eher mit einer Neuordnung seines Besitzes zu begründen sein - Manilow ist gerade 80 Jahre alt geworden.

"Der Markt ist frei!"

"Der Markt ist frei!"

Doch was passiert jetzt? Wie groß sind die Chancen, dass ein Bild wie dieses, etwa als Dauerleihgabe, in ein öffentliches Museum gelangt? Oder ist angesichts der galoppierenden Kunstmarkthausse nicht eher damit zu rechnen, dass diese plötzlich prominent gewordene Richter-Ikone endgültig zum Spekulationsobjekt degradiert wird und alle paar Jahre wieder auf Auktionen auftaucht? Galerien können sich schließlich aussuchen, an wen sie verkaufen. Auktionshäuser nicht. Sie leben vom Wiederverkauf. Sich als selbstlose Hüter des Schönen, Wahren und Guten zu positionieren, widerspräche ihrem Geschäftsprinzip.

Andreas Rumbler, Geschäftsführer von Christie’s Deutschland, sieht das Geschäft mit der Kunst daher auch ganz kaufmännisch: "Die Einlieferer erwarten von uns, dass wir für sie den gegenwärtig höchsten Preis erzielen. Das ist für uns Aufgabe, Verantwortung und Ziel. Ob ein Werk wenige Jahre später wieder auf dem Markt auftauchen soll, ist allein dem Käufer überlassen. Merke: Der Markt ist frei! Wer Kunst kauft, kann mit seiner Kunst machen, was und wann er will. Da muss man realistisch sein."

Doch der Kunstmarkt wird offenbar nervöser: In den letzten Wochen wurden zunehmend Vorwürfe laut, Galeristen drehten kräftig an der Preisschraube, indem sie bei Auktionen anonym mitbieten und so die Preise der von ihnen vertretenen Künstler künstlich nach oben treiben. Auch bei der erfolgreichen Christie's-Auktion war das zu beobachten: Stargalerist Larry Gagosian sorgte selbst für einen Preisrekord, indem er für 11,8 Millionen Dollar eine Skulptur des von ihm vertretenen Künstler Jeff Koons kaufte. Und selbst der britische Schockkünstler Damien Hirst musste am Ende zugeben, dass auch er zu den Mitgliedern jenes ominösen "Konsortiums" gehörte, das sein bisher teuerstes Kunstwerk, die mit Brillanten besetzte Schädelskulptur "For the Love of God", für geschätzte 100 Millionen Dollar erwarb.

Abschotten gegen die Kunstmarkt-Exzesse

Hat etwa auch beim Richter-Deal jemand kräftig an der Preisschraube gedreht? "Nein", sagt Linde Rohr-Bongard. Die Herausgeberin des "Capital-Kunstkompass" beobachtet den internationalen Kunstmarkt seit fast 40 Jahren. Ihre jährlich aktualisierte Rangliste der 100 bedeutendsten internationalen Künstler verzeichnet Richter bereits seit 2004 auf Platz 1. "Im Falle von Richter braucht es kein funktionierendes Räderwerk, um seine Preise ins Uferlose zu steigern", sagt sie, "Richter ist schon zu Lebzeiten eine Malerlegende. Für ihn ist dieser exorbitante Preis eine Zementierung seiner weltweiten Bedeutung."

Wie aber geht ein Maler wie Gerhard Richter damit um, dass den Auktionspreisen seiner Bilder in den Medien inzwischen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als ihren künstlerischen Qualitäten? "Richter wird ja bereits seit einigen Jahren immer wieder als der teuerste lebende deutsche Künstler beschrieben, daran hat er sich inzwischen gewöhnt, auch wenn ihm diese Reduzierung auf den ökonomischen Erfolg nicht gefällt", beschreibt Dietmar Elger den pragmatischen Umgang des Künstlers mit solcherlei Etikettierungen.

Linde Rohr-Bongard sieht das ähnlich: "Dem Meister ist dieser Kunstmarkt-Exzess sehr zuwider. Er schottet sich - in aller Stille - ab."

Und was wird Lewis Manilow mit dem Erlös anstellen? Vielleicht steckt er die Düsenjäger-Millionen ja in den US-Wahlkampf. Manilow unterstützt seit Jahrzehnten die Demokraten. Hillary Clinton oder Barack Obama hätten gegen eine großzügige Spende bestimmt nichts einzuwenden.