Anna Amalia Bibliothek Neuer Glanz

Sie gilt als Ikone der deutschen Kultur. Sowohl Wieland als auch Goethe, Herder und Schiller haben aus ihr schon Bücher entliehen. Nach dem verheerenden Brand vor drei Jahren wurde die Anna Amalia Bibliothek für knapp 13 Millionen Euro saniert. Jetzt wurde sie in neuem Glanz wiedereröffnet.

Weimar - Die Aura des weltberühmten Rokokosaales zieht Kunst- und Bücherfreunde unwiderstehlich in ihren Bann: Der hohe, oval geschwungene Raum mit den Porträts der Weimarer Geistesgrößen strahlt in lichtem Blau, die Verzierungen glänzen in einem warmen Goldton.

Ein besserer Platz für Bücherschätze lässt sich kaum vorstellen, und auch Bundespräsident Horst Köhler kam bei der Wiedereröffnung der zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek am Mittwoch ins Schwärmen.

"Unter Benutzung dieser Sammlung sind die herrlichsten Werke der deutschen Literatur entstanden. Wieland, Goethe, Herder und Schiller haben aus der Weimarer Bibliothek Bücher entliehen", sagte Köhler. "In Weimar schlägt das kulturelle Herz Deutschlands." Hier habe sich in drei Jahrhunderten eine geistige Produktivität entfaltet, für die es in Europa kaum Parallelen gebe.

Für bange Augenblicke schien dieser Herzschlag auszusetzen, als in der Nacht von 2. auf den 3. September 2004 die Flammen aus dem Dachstuhl der Anna Amalia Bibliothek hoch in den Nachthimmel schlugen. Besonders tragisch war, dass sämtliche Bücher rund drei Wochen später ohnehin ausgelagert werden sollten, weil man das historische Bibliotheksgebäude sanieren und technisch auf den neuesten Stand bringen wollte.

So war es seit den 90er Jahren geplant. Doch nun hatte ein Kabelschmorbrand das Feuer ausgelöst, das diese Ikone der deutschen Kultur zu vernichten drohte. 67 Stunden wüteten die Flammen, während sich viele Weimarer Bürger an einer beispielhaften Rettungsaktion beteiligten.

Drei Jahre nach diesem verheerenden Feuer, bei dem über 50.000 Bücher verbrannten, präsentiert sich die Bibliothek jetzt wieder in alter Schönheit - wie zu ihrer Glanzzeit um 1850. Das Gebäude wurde für 12,8 Millionen Euro von Grund auf saniert und modernisiert.

Gerettet wurden rund 62.000 Bände, darunter eine kostbare Luther-Bibel aus dem Jahr 1534 mit kolorierten Holzstichen aus der Werkstatt von Lucas Cranach. Sie gehörte schon zum Besitz der Bibliothek, als Johann Wolfgang Goethe mit der Oberaufsicht betraut war.

Zu seiner Zeit war die Bibliothek bereits wie eine moderne Leihbücherei organisiert: Die von Goethe gemeinsam mit dem Minister Christian Gottlob Voigt aufgestellte Bibliotheksordnung erlaubte es nicht nur Vertretern des Adels, sondern auch Bürgersöhnen, an den Markttagen mittwochs und samstags Bücher jeweils für drei Monate auszuleihen.

Hochmoderne Technik versteckt eingebaut

Hochmoderne Technik versteckt eingebaut

Nach Goethes Tod 1832 war der Rokokosaal, der zu den schönsten Bibliotheksräumen Mitteleuropas zählt, immer mehr als Memorialstätte betrachtet worden. Das Goethehaus am Frauenplan war, ebenso wie das Schillerhaus, bewohnt und der Allgemeinheit noch nicht zugänglich. Und so pilgerten die Verehrer Goethes, Schillers, Herders oder Wielands bereits damals in diesen Saal, um den Dichtern nahe zu sein.

"Wir haben hier den Blick in das Allerinnerste der deutschen Klassik", sagte der Präsident der Klassik Stiftung, Hellmut Seemann, bei einem ersten Rundgang. In der unteren Etage stehen fast alle Bücher wieder an ihrem angestammten Platz. Dagegen gibt es einige Lücken in der ersten Galerie, die auf unwiederbringliche Verluste hindeuten.

"Es war ein Alptraum für mich, als die Bibliothek brannte, unfassbar!", sagte der verantwortliche Architekt Walther Grunwald.

"Dachstuhl und Treppe waren völlig abgebrannt. Im Inneren des Gebäudes gab es überwiegend Schäden von den rund 380.000 Litern Löschwasser. Es staute sich über dem Stuck, rann durch die Risse und drang ins Mauerwerk. 15 Monate haben wir gebraucht, um die Wasserschäden zu beseitigen." Weimar erlebte eine Welle der Hilfsbereitschaft. Bereits ein Jahr nach dem Brand konnte dem neuen Dach die Richtkrone aufgesetzt werden. In dem Rokokosaal wurden tragende Balken durch Stahlträger ersetzt. Dazu musste die gesamte Saalkonstruktion angehoben werden.

"Der Rokokosaal ist jetzt sogar authentischer als im Jahr 2004 vor dem Brand", erklärte Grunwald. "Eine der größten Herausforderungen war es, die Elektro-, Klima- und Sicherheitstechnik so zu verstecken, dass der Originaleindruck des Raumes erhalten bleibt", erklärte Grunwald. Unter anderem sei eine ultramoderne Sprühnebel-Löschanlage eingebaut worden, wie man sie bisher noch in keiner deutschen Bibliothek finden könne. Bei 57 Grad Lufttemperatur platze ein Sicherungsröhrchen, und Wasserstaub riesele rings um den Brandherd herab. Dabei werde die Temperatur merklich gesenkt, so dass sich der Brand nicht ausbreiten könne.

Die gasähnliche Ausdehnung des Hochdruck-Wassernebels garantiere, dass im Brandfall auch schwer zugängliche Stellen erreicht werden könnten.

Das vollständig verbrannte Mansardengeschoss wurde nicht rekonstruiert, sondern zu einem modernen Sonderlesesaal umgestaltet. In einem Glaskasten ist die Balustrade zum Rokokosaal zu sehen. Einige verkohlte Stellen im Holz wurden erhalten - zur Erinnerung an den Großbrand vom 2. September 2004.

Jochen Wiesigel, ap

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