Dienstag, 20. August 2019

Trend-Kolumne Das "Baby-Projekt"

Hat die Karriere erst einmal geklappt, steuern immer häufiger Akademikerinnen das "Projekt Baby" an. Nichts ist dann zu teuer, um das Wunschkind zu einem "Einstein" zu machen. Lernvideos, zweisprachige Kindermädchen und Musikpädagogen gehören von Geburt an dazu. Kinder werden zum Statussymbol.

Kanzlerin Merkel und Familienministerin Ursula von der Leyen haben die Kinderfrage weit oben auf der politischen Agenda platziert und werden nicht müde, die Deutschen zur fruchtbaren Vermehrung aufzufordern. Die sogenannte "Gebärquote" hat dies zwar noch nicht nach oben katapultieren können – in Deutschland schlappe 1,3 Kinder pro Frau -, doch noch nie hat das Thema Nachwuchs in den vergangenen Jahren solch eine große Aufmerksamkeit erfahren.

Kinderwunsch: Wer spät Kinder bekommt, geht das Projekt Familie sehr viel strategischer an
Einher geht die Entwicklung mit dem Trend, dass Eltern ihre Kinder immer später bekommen. Das erste Kind bekommen Frauen heute im Schnitt mit 30 Jahren. Wer studiert hat, zögert die Familienplanung noch sehr viel länger hinaus. Wie das Statistische Bundesamt im Mikrozensus aufführt, verwirklichen die 41- bis 44-Jährigen Universitätsabsolventinnen ihren Kinderwunsch sogar häufiger als die Gruppe der 35- bis 39-Jährigen.

Wer so spät Kinder bekommt, geht das Projekt Familie sehr viel strategischer an. Die Entscheidung ist wohlüberlegt. Die späten Eltern sind in ihrem Job meist sehr erfolgreich. Der Kinderwunsch wird erst dann angegangen, wenn die beruflichen Ziele verwirklicht sind. Das "späte" Kind – häufig bleibt es bei einem, da die Frauen es erst Mitte 30 bis Anfang 40 bekommen – wird dann als schlüssiger Anschluss einer bis dato erfolgreichen Karriere betrachtet.

Dieselbe Leidenschaft, die früher in den Beruf investiert wurde, wird nun in das "Projekt Kind" gesteckt. In der aktuellen Studie des Zukunftsinstituts "Lebensstile 2020" werden diese Eltern als VIB-Familien (VIB = Very Important Baby) bezeichnet und ihre Zahl auf rund 1,7 Millionen geschätzt. Für diese Größenbestimmung finden Kriterien Eingang wie zum Beispiel: "Mein Kind muss ganz sicher auf die Privatschule". Für das "Projekt Kind" wird von Anfang an alles getan und auch kein finanzieller Aufwand gescheut, um bestmögliche Entwicklungsvoraussetzungen zu schaffen. Da beide Elternteile bereits Karriere gemacht haben, sind VIB-Familien finanziell gut situiert.

Kindermädchen spricht zwei Sprachen

In den überwiegenden Fällen übernimmt die Frau den Hauptteil der Kindererziehung und tritt bewusst für einige Jahre aus dem Berufsalltag heraus. Da die Elternteile berufsbedingt schon immer wenig Zeit für den Haushalt hatten, besteht bereits ein gut funktionierendes Servicenetzwerk, das nun aufgestockt wird und bei der Kinderbetreuung hilft. Die zweisprachige Nanny gehört ebenso dazu wie die tägliche Haushaltshilfe und der Musikpädagoge für die kindliche Früherziehung.

Für viele VIB-Familien sind Kinder nicht mehr nur einfach ein Teil des Familienstatus, sondern werden selbst zum Statussymbol. Eine der Theorien über den Antrieb solcher Phänomene ist das, was der Philosoph Alain de Botton als Statusangst bezeichnet: die Angst davor, was andere über uns und unsere Kinder denken – davor, ob wir und unsere Kinder als Erfolg oder Misserfolg beurteilt werden, als Gewinner oder Verlierer. In übersteigerter Form drückt sich diese Angst im sogenannten "Helicopter Parenting" aus: Eltern "umschwirren" ständig ihre Kinder und kontrollieren sie obsessiv.

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