Trend-Kolumne Das "Baby-Projekt"

Hat die Karriere erst einmal geklappt, steuern immer häufiger Akademikerinnen das "Projekt Baby" an. Nichts ist dann zu teuer, um das Wunschkind zu einem "Einstein" zu machen. Lernvideos, zweisprachige Kindermädchen und Musikpädagogen gehören von Geburt an dazu. Kinder werden zum Statussymbol.
Von Andreas Steinle

Kanzlerin Merkel und Familienministerin Ursula von der Leyen haben die Kinderfrage weit oben auf der politischen Agenda platziert und werden nicht müde, die Deutschen zur fruchtbaren Vermehrung aufzufordern. Die sogenannte "Gebärquote" hat dies zwar noch nicht nach oben katapultieren können – in Deutschland schlappe 1,3 Kinder pro Frau -, doch noch nie hat das Thema Nachwuchs in den vergangenen Jahren solch eine große Aufmerksamkeit erfahren.

Einher geht die Entwicklung mit dem Trend, dass Eltern ihre Kinder immer später bekommen. Das erste Kind bekommen Frauen heute im Schnitt mit 30 Jahren. Wer studiert hat, zögert die Familienplanung noch sehr viel länger hinaus. Wie das Statistische Bundesamt im Mikrozensus aufführt, verwirklichen die 41- bis 44-Jährigen Universitätsabsolventinnen ihren Kinderwunsch sogar häufiger als die Gruppe der 35- bis 39-Jährigen.

Wer so spät Kinder bekommt, geht das Projekt Familie sehr viel strategischer an. Die Entscheidung ist wohlüberlegt. Die späten Eltern sind in ihrem Job meist sehr erfolgreich. Der Kinderwunsch wird erst dann angegangen, wenn die beruflichen Ziele verwirklicht sind. Das "späte" Kind – häufig bleibt es bei einem, da die Frauen es erst Mitte 30 bis Anfang 40 bekommen – wird dann als schlüssiger Anschluss einer bis dato erfolgreichen Karriere betrachtet.

Dieselbe Leidenschaft, die früher in den Beruf investiert wurde, wird nun in das "Projekt Kind" gesteckt. In der aktuellen Studie des Zukunftsinstituts "Lebensstile 2020" werden diese Eltern als VIB-Familien (VIB = Very Important Baby) bezeichnet und ihre Zahl auf rund 1,7 Millionen geschätzt. Für diese Größenbestimmung finden Kriterien Eingang wie zum Beispiel: "Mein Kind muss ganz sicher auf die Privatschule". Für das "Projekt Kind" wird von Anfang an alles getan und auch kein finanzieller Aufwand gescheut, um bestmögliche Entwicklungsvoraussetzungen zu schaffen. Da beide Elternteile bereits Karriere gemacht haben, sind VIB-Familien finanziell gut situiert.

Kindermädchen spricht zwei Sprachen

In den überwiegenden Fällen übernimmt die Frau den Hauptteil der Kindererziehung und tritt bewusst für einige Jahre aus dem Berufsalltag heraus. Da die Elternteile berufsbedingt schon immer wenig Zeit für den Haushalt hatten, besteht bereits ein gut funktionierendes Servicenetzwerk, das nun aufgestockt wird und bei der Kinderbetreuung hilft. Die zweisprachige Nanny gehört ebenso dazu wie die tägliche Haushaltshilfe und der Musikpädagoge für die kindliche Früherziehung.

Für viele VIB-Familien sind Kinder nicht mehr nur einfach ein Teil des Familienstatus, sondern werden selbst zum Statussymbol. Eine der Theorien über den Antrieb solcher Phänomene ist das, was der Philosoph Alain de Botton als Statusangst bezeichnet: die Angst davor, was andere über uns und unsere Kinder denken – davor, ob wir und unsere Kinder als Erfolg oder Misserfolg beurteilt werden, als Gewinner oder Verlierer. In übersteigerter Form drückt sich diese Angst im sogenannten "Helicopter Parenting" aus: Eltern "umschwirren" ständig ihre Kinder und kontrollieren sie obsessiv.

20 Monate alt und ein voller Stundenplan

20 Monate alt und ein voller Stundenplan

Frank Furedi, Professor der Soziologie an der Universität von Kent und Autor des Buchs "Paranoid Parenting", behauptet, dass Eltern "das Vertrauen in ihre Instinkte verloren haben. Man hat ihnen gesagt, dass die ersten drei Jahre im Leben eines Kindes entscheidend sind. Das bringt 'elterlichen Determinismus' hervor, die Idee, dass alles, was dem Kind geschieht, die direkte Konsequenz dessen ist, was sie als Eltern tun. Eine übertriebene Kindererziehung ist eine offensichtliche Art und Weise, mit diesem Druck fertig zu werden."

Klassische Symptome diesbezüglich sind "Over-Scheduling" oder "Hothousing": den Alltag der Kleinkinder mit einem anstrengenden und strapaziösen Arbeitsplan ausfüllen. In London werden Kinder schon im Alter von 20 Monaten von ihren Eltern zum Französischunterricht, zu Musikveranstaltungen und sogar zum Fitnessstudio gebracht.

Es ist nicht unüblich, dass Kinder noch im Krabbelalter einen vollen Sozial- und Lernplan mit mindestens einem Unterricht am Tag zu bewältigen haben. Dieser Unterricht soll die "Qualifikationen" liefern, um den begehrten Platz in den privaten Super-Kindergärten zu bekommen.

Aufgrund ihres elterlichen Ehrgeizes sind die VIB-Familien äußerst empfänglich für entwicklungsförderne Dienstleistungen rund ums Kind. Eine der ersten Marken auf diesem Markt war "Baby Einstein" des Disney-Konzerns mit einem Programm von Lern-CDs und Büchern für Kunst, Poesie, Wissenschaft sowie Musik für Säuglinge und Kleinkinder. Die Produktpalette umfasst Videos wie "Baby Monet Discovering the Seasons" oder "Baby Beethoven Symphony of Fun".

Stolze Eltern prahlen damit, dass drei Wochen alte Säuglinge Spaß an den Videos haben und Riley, zwei Monate alt, von den Farben in "Baby van Gogh" fasziniert ist. Dass häufig Wunschdenken die Einschätzung trübt, steht außer Frage. Wie der Vater einer VIB-Familie selber zugibt: "Möglichst frühe Förderung, das war mir sehr wichtig. Ich war allen sinnigen und unsinnigen Dingen gegenüber sehr aufgeschlossen" (Quelle: Lebensstile 2020).

Der wichtigste Filter, den VIB-Eltern über all ihre Entscheidungen legen: Beeinträchtigt die Wahl für dieses oder jenes womöglich die Gesundheit oder geistige Entwicklung des Kindes. Das beginnt bei der Wahl des richtigen Kurses fürs Babyschwimmen und endet bei der Entscheidung, welcher Joghurt im Supermarkt in den Einkaufswagen kommt. Dabei wollen VIB-Eltern auf Nummer sicher gehen. Im Zweifel wählen sie immer das teurere Angebot, weil es das bessere sein könnte.

So erklärt sich auch der große Boom im Handel bei speziellen Gesundheitsprodukten für Kinder. Einer der großen Trends im Food-Bereich ist die Verwendung von Omega-3-Wirkstoffen. Während manche Studien behaupten, dass eine tägliche Gabe dieser in Fischölen enthaltenen Fettsäuren die Konzentration von Vorschulkindern verbessert, sagen andere, dass die Tests nicht streng genug sind oder die Ergebnisse überbewertet werden. Doch auch hier gilt: Im Zweifel keine Chancen links liegen lassen, solange es dem Kind nicht schadet.

So greifen sie begehrlich zur jüngsten Innovation von Unilever, der Margarine "Rama Idee" mit den Omega-3-Fettsäuren DHA und ALA – "für den optimalen Aufbau und die Funktion von Gehirn- und Nervenzellen". Sollte Ihr eigenes Kind also kein kleiner Einstein sein, so liegt es womöglich an der falschen Margarine.

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