Neue Welt Ein Colt für alle Fälle

Die amerikanische Wildnis ist bezaubernd schön. Die Maler der "Hudson River School" in New York entdeckten vor über 200 Jahren die Reize ihres Kontinents und zogen tausende Schaulustige in den Bann.

Hamburg - Sie war eine der reichsten Frauen des Landes: Elisabeth Colt, Witwe des Erfinders, Fabrikanten und Lieferanten von Handfeuerwaffen, Samuel Colt. Einst war die weltbekannte Firma im amerikanischen Bürgerkrieg größter Waffenlieferant der Nordstaaten. Doch der Name Colt steht auch für etwas anderes als Pistolen oder Revolver. Elisabeth Colt, die nach dem Tod ihres Mannes die Geschäfte weiterführte, entdeckte ihre Liebe zu Landschaftsmalerei.

Die Kunstmäzenin baute im 19. Jahrhundert mit einem damals erfolgreichen US-Künstler, Frederic E. Church, in ihrem Heimatort Hartford (Connecticut) eine viel beachtete Kunstsammlung auf. Deren Werke gehören zu den wesentlichen Grundstöcken des ersten öffentlichen Kunstmuseums in den USA: dem Wadsworth Atheneum Museum  in Hartford, das der Kunstförderer und -sammler Daniel Wadsworth 1842 gründete.

Ikonen amerikanischer Kunst

Church war ein Schüler von Thomas Cole, dem Begründer der "Hudson River School", einer Schule nicht im herkömmlichen Sinne. Vielmehr handelte es sich um Künstler, die in New York und den Catskill Mountains nahe des Hudsons tätig waren und sich dort niedergelassen hatten. Sie befassten sich mit den Bergwäldern von New Hampshire, dem Hudsontal, den Adirondack-Bergen im US-Staat New York, aber auch mit Südamerika. Cole und Church sind Ikonen der amerikanischen Malerei, wie auch William Bradford, Albert Bierstadt oder Samuel Coleman.

In Deutschland sind die Künstler jedoch weitgehend unbekannt. Wenn man an amerikanische Kunst denkt, dann wohl eher an Lyonel Feininger oder Andy Warhol. Diese Wissenslücke zu beseitigen, hat sich das Bucerius Kunstforum  zur Aufgabe gemacht. Das Privatmuseum in Hamburg, dessen wichtigster Träger die Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius ist, plant eine Ausstellungstriologie zum Thema amerikanische Kunst von 1800 bis 1950.

Nur noch bis zum 28. Mai sind die Bilder der ersten Staffel "Neue Welt. Die Erfindung der amerikanischen Malerei" zu sehen, die weitgehend aus dem Wadsworth-Museum stammen. Den Betrachtern wird eine romantische Sicht der Natur - typisch für das 19. Jahrhundert - vorgeführt.

Der letzte der Mohikaner

Der letzte der Mohikaner

Das hierzulande bekannteste Bild dürfte wohl das "Scene from 'The last of the Mohicans'" von Thomas Cole sein. Das Gemälde ziert das eine oder andere Cover von James Fenimore Coopers berühmten Roman "Der letzte Mohikaner". Felsvorsprünge, ein tiefes Tal, die abendliche Sonne scheint auf die Bergspitzen und auf den Platz, auf dem Cora zu Füßen des alten Delaware-Häuptlings Tamenund kniet.

Die Künstler liebten es, die Gegenden als unberührte und wilde Naturlandschaften dazustellen, obwohl teilweise schon ein reges touristisches Treiben herrschte. Einer der ersten Naturschauspiele, das schon im 19. Jahrhundert Tausende anzog, waren beispielsweise die Niagarafälle.

Vielfach in dramatischer Weise überhöhen die Bilder der "Hudson River School" die Natur. Religiosität, Erhabenheit, Glück und Furcht schwingen mit, angefüllt mit all dem Stolz auf eine nationale Einheit. Die Maler formulieren dabei zum ersten Mal einen amerikanischen Stil, der sie von der dominierenden europäischen Malerei absetzte.

Kasse machen

"Church war ein Meister des Marketings", erzählt Museumsdirektorin Ortrud Westheider einer kleinen Besuchergruppe, die die American Chamber of Commerce eingeladen hat. Der Maler zeigte schon damals Bilder gegen Eintritt, wie beispielsweise "Das Herz der Anden" ("Heart of the Andes"), dass er nach seiner zweiten Südamerikareise kreierte.

In einem abgedunkelten Raum, beleuchtet von dem Schein silbern glänzender Gaslampen, strömten jeden Monat 12 bis 13.000 Menschen in seine New Yorker Galerie, um für 25 Cent Zeuge dieser Sensation zu werden. Das Bild wurde später auch in Europa gezeigt, in der Hamburger Ausstellung ist es allerdings nicht zu sehen. Sein Platz ist im Metropolitan Museum of Art.

Doch andere Meisterwerke präsentiert die Schau. Geradezu formvollendet inszeniert Church die Küstenlandschaft am Mount Desert. Dramatisch und energiegeladen peitscht das Meer gegen die Felsen. Fast blendet die Sonne die Augen des Betrachters.

Viele der Bilder wurden damals auf den Weltausstellungen gezeigt und präsentierten ein stolzes, aber auch romantisches Amerika. Im kommenden Jahr soll nun der zweite Teil der Ausstellungsreihe folgen. Dann wird der amerikanische Geldadel der Gründerzeit das Sagen haben. Man darf gespannt sein.