100 Jahre Hagenbeck Vergesst Knut!

Vor 100 Jahren revolutionierte Claus Hagenbeck die Zootierhaltung. Als Erster zeigte der Hamburger seine Tiere in weitläufigen Gehegen ohne Gitter. Zum 100. Jubiläum präsentiert Deutschlands größter Privatzoo nicht nur sein Elefantenbaby Shila, sondern hat auch eine völlig neue Attraktion in petto.
Von Dominik Baur

Aber ja doch, es ist möglich: Man kann über Zoologische Gärten diskutieren, ohne sich ausschließlich über Wohl und Wehchen eines heranwachsenden Berliner Eisbären zu ergehen.

Aber früher oder später, es lässt sich dieser Tage einfach nicht vermeiden, landet man doch bei "Cute Knut". Joachim Weinlig-Hagenbeck zeigt sich jedoch wenig beeindruckt von dem polaren Fellknäuel. "Bei uns wird alle zwei, drei Jahre ein Eisbärenbaby geboren. Bloß hier wird es nicht von der Mutter verlassen."

Der 51-Jährige, einer von zwei Direktoren des Hamburger Tierparks Hagenbeck, sitzt bei Espresso und Croissant im Café des Orang-Utan-Hauses und betrachtet die herumturnenden Menschenaffen. Ein besonders Kleiner hängt kopfüber an einem Seil und wickelt sich in einen Stofffetzen ein. "Was die nur immer mit ihren Tüchern haben?"

Shila zieht an

Weinlig-Hagenbeck wohnt selbst auf dem Tierparkgelände. "Gleich hinter den Eisbären." Dort, wo vor rund anderthalb Jahren das Eisbärenmädchen Victoria zur Welt gekommen ist - weiß, süß und von der Welt weitgehend unbeachtet. Ganz anders als das artgenössische Flaschenkind aus Berlin. "Wer ist denn schon dieser Knut, haben wir uns in Hamburg gefragt", erzählt Weinlig-Hagenbeck.

Schließlich hat Europas größter Privatzoo seine eigene Babyattraktion: Shila. Das Elefantenkalb wurde am 11. April geboren, rechtzeitig zum 100. Geburtstag des Tierparks an diesem Montag. "Doppelte Besucherzahlen haben wir auch. Aber wir sind da etwas hanseatischer. Wir machen nicht so einen Wirbel." Außerdem weiß auch Weinlig-Hagenbeck, dass für den Andrang nicht nur flauschige und flaumige Tierbabys verantwortlich zeichnen - sondern vor allem das ungewöhnlich gute Wetter der letzten Wochen.

Am Anfang war der Seehund

Am Anfang war der Seehund

Mai 1907: Es ist der erste Dienstag im Monat, als der Tierpark Hagenbeck seine Pforten öffnet. Der Zoo, heute eines der Hamburger Wahrzeichen, liegt damals noch gar nicht in der Hansestadt. Der heutige Stadtteil Stellingen gehört noch zu Preußen. Eine Mark kostet der Eintritt, für Kinder 50 Pfennig.

Felsenpanorama mit Flamingos

Felsenpanorama mit Flamingos

Foto: Dominik Baur

Angefangen hatte alles noch viel früher. Im Revolutionsjahr 1848, Carl Hagenbeck war noch keine vier Jahre alt, nahm die Geschichte des Tierparks ihren Lauf - mit dem Auftritt von sechs Seehunden. Fischer hatten die Tiere als Beifang im Netz. Gemäß dem Vertrag, wonach sie alles, was ihnen ins Netz ging, abzuliefern hatten, übergaben sie ihre Beute dem Hamburger Fischhändler Gottfried Clas Carl Hagenbeck. Zunächst etwas verdutzt, packte der die Tiere schließlich in zwei Holzbottiche und stellte sich mit ihnen auf den Spielbudenplatz. Für einen Schilling pro Person durften die Hamburger die Meeresbewohner betrachten. Die Geschäftsidee ging auf.

Vom Neuen Pferdemarkt nach Stellingen

Der alte Hagenbeck erkannte, dass mit Tieren auf mancherlei Weise Geld zu machen war. Vier Jahre später bot ihm ein Kapitän einen ausgewachsenen Eisbären an, den er aus Grönland mitgebracht hatte. Der Grundstein für seine kontinuierlich wachsende Tierschau war gelegt, Sohn Carl besorgte den Rest. 1874 eröffnete er - damals noch mit beschränkten Mitteln auf engem Raum - am Neuen Pferdemarkt den ersten "Thierpark". 1907 zog man dann mit der Menagerie nach Stellingen. Der Hamburger Zoo am Dammtor, 1863 von Alfred Brehm gegründet, hatte gegen die übermächtige Konkurrenz auf Dauer keine Chance. 1930 musste er schließen.

Der Tierpark Hagenbeck unterschied sich bei seiner Eröffnung deutlich von den anderen Zoos seiner Zeit. Carl Hagenbeck präsentierte die exotischen Bewohner auf bislang ungewohnte Art und Weise. In sogenannten Panorama-Anlagen, die den Heimatlandschaften der Tiere nachempfunden waren, wurden sie - zum Teil mehrere Tierarten in einem Gehege - den Besuchern gezeigt.

Und vor allem: Die Gitter waren weg. Statt hinter Stäben waren die wilden Tiere jetzt nur noch durch Gräben von ihren Betrachtern getrennt. Eine Idee, auf die Hagenbeck so stolz war, dass er sie sich patentieren ließ. Obwohl diese Art der Tierhaltung bald von anderen aufgegriffen wurde und sich bis heute in den meisten Zoos durchsetzte, konnte die Familie aus dem Patent keinen Profit mehr schlagen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ging es wie die übrigen Patente an die Alliierten.

"Animals on stage"

"Animals on stage"

Der Erfinder Thomas Alva Edison erlebte das neue Zookonzept bei einem Besuch 1911. Sein Kommentar: "The animals are not in the cage, they are on stage." Ein anderer prominenter Zeitgenosse erwies sich ebenfalls als Fan des neuartigen Tierparks: Kaiser Wilhelm II. Dreimal soll er zu Besuch gekommen sein. Oder waren es viermal? Die Berichte variieren. Viel wichtiger war den stolzen Hamburgern ein anderes Detail: Die Konkurrenz vor der eigenen Haustür, den Berliner Zoo, so heißt es, habe der Monarch kein einziges Mal besucht.

Im Mittelpunkt des neuen Zookonzepts standen freilich nicht die Bedürfnisse der Tierparkbewohner, sondern die ihrer Besucher. Den menschlichen Augen missfielen die Gitter, sie wollten die Illusion einer kompletten exotischen Landschaft. Für die Tiere hatte das mitunter positive Nebeneffekte, mehr nicht. Noch immer war Hagenbeck vor allem ein besonders erfolgreicher Tierhändler.

Zucht spielte damals in Zoologischen Gärten keine Rolle. Die Tiere wurden gefangen. In Afrika, in Amerika, in Asien waren die Tierfangexpeditionen unterwegs, um die Nachfrage nach möglichst vielen, möglichst exotischen Tieren zu befriedigen. Ende des 19. Jahrhunderts finanzierte Hagenbeck sogar eine Expedition nach Afrika, um zu sehen, ob dort nicht vielleicht doch noch Saurier überlebt hätten. Wer anders als diese nicht die Gnade des frühen Aussterbens hatte, musste quälende Transporte durchleben - wenn er sie überhaupt überlebte. Viele der gefangenen Kreaturen kamen nie lebend am Ziel an.

Der Wunsch, die Tiere in möglichst authentischem Ambiente zu zeigen, trieb zum Teil seltsame Blüten. Zu der exotischen Umgebung gehörten dann auch die entsprechenden Menschen. Fremde Völker konnten schon am Pferdemarkt begafft werden: Lappen, Nubier, Singhalesen, Kalmücken, Indianer. Im neuen Tierpark wurden die Völkerschauen noch verstärkt.

Manche Tierart überlebte nur im Zoo

Shila ist noch etwas wacklig auf den Beinen. Angestrengt versucht das Elefantenbaby, die Kontrolle über die rund 40.000 Muskeln seines Rüssels zu erlangen - bislang noch ohne sichtbaren Erfolg. Widerborstig baumelt die lange Nase knapp über dem Boden, während Shila ihrer Mutter Lai Singh durch die geräumige Freilaufhalle hinterhertappst. Shila ist bereits das achte Elefantenbaby, dass bei Hagenbeck lebendig zur Welt gekommen ist. Auf seine Elefantenzucht, die erfolgreichste in einem Zoo, ist der Tierpark besonders stolz (siehe Kasten).

Seit dem Washingtoner Artenschutzabkommen von 1973 können Zoologische Gärten ihren Tierbestand nicht mehr durch Wildfänge aufrechterhalten. Internationale Zuchtprogramme sollen nun sicherstellen, dass - zu einem großen Teil gefährdete - Tierarten auch weiterhin im Zoo zu besichtigen sind. Allerdings nur Tiere, die auch in Gefangenschaft geboren wurden. Hagenbeck etwa koordiniert die Zucht der Onager, einer persischen Wildeselart, und des chinesischen Leoparden. 1990 funktionierte hier auch zum ersten Mal außerhalb Südamerikas die Zucht des sehr seltenen brasilianischen Riesenotters.

Abtauchen in die Unterwasserwelt

Und mitunter wird der Natur dann zurückgegeben, was man ihr einst entnommen hat. Neuerdings laufen im südlichen Afrika wieder ein paar mehr der bedrohten Spitzmaulnashörner umher. Geburtsort: Frankfurt. Auch nordamerikanische Bartgeier, europäische Wisente und mongolische Przewalski-Pferde gäbe es nicht mehr, hätten die Arten nicht im Zoo überlebt - die Letzteren bei Hagenbeck. Heute sind alle drei Arten in der freien Wildbahn mit überlebensfähigen Populationen vertreten.

Dazu beruft sich Tierparkdirektor Weinlig-Hagenbeck auf den aufklärerischen Wert von Zoos. Wer sich bei einem Tierparkbesuch etwa für die Orang-Utans begeistere, dem sei auch deren Überleben in Freiheit ein Anliegen. So arbeite man zum Beispiel mit dem Orang-Utan-Projekt des Niederländers Willie Smits auf Borneo zusammen. Im Orang-Utan-Haus wird darüber auf Tafeln informiert. Demnächst soll es zudem eine Zusammenarbeit mit dem WWF geben, der an Ständen im Zoo über bedrohte Tiere aufklären will.

Manchmal gelingt es, beides zu bieten - den Tieren eine möglichst artgerechte Heimat und den Menschen ein attraktives Freizeitangebot. Mit dem vor wenigen Jahren fertiggestellten Orang-Utan-Haus, dessen riesige Kuppel an sonnigen Tagen geöffnet werden kann, und der Ende 2006 bezogenen Freilaufhalle für die Elefantenherde, die im Stil einer indischen Tempelruine errichtet wurde, hat Hagenbeck neue Attraktionen geschaffen.

Am Tag des Jubiläums kommt mit dem neuen Tropen-Aquarium, dem größten in Nordeuropa, eine weitere hinzu. Auf Dschungelpfaden geht es darin durch tropischen Urwald, vorbei an Krokodilen, Lemuren und Schlangen, in eine Meeresgrotte mit einem 1,8-Millionen-Liter-Becken für Haie und die Unterwasserwelt, in der es zu Begegnungen mit Höhlenfischen und Fledermäusen kommt. Wenige Wochen nach den Geburtstagsfeierlichkeiten soll dann auch Spatenstich für ein Themenhotel am Rande des Parks sein. Schon seit Jahren finden im Sommer die Dschungelnächte statt, künftig soll man auch das Tropenaquarium für abendliche Events mieten können. "Ich bin nicht bereit", so Weinlig-Hagenbeck, "zu akzeptieren, dass Erlebnis immer mit Amerikanisch gleichgesetzt wird."

Und dann gibt es noch diesen Traum vom Eismeer. Eine große Anlage für Tiere aus den Polarregionen wünscht sich der Direktor in seinem Park. Dann soll es auch endlich wieder ein Walross in einem deutschen Zoo geben. Bis zu seinem Tod 2003 war Walross Antje 30 Jahre lang der unangefochtene Star des Tierparks. Der NDR erkor Antje, die in Wirklichkeit ein Männchen war, zu seinem Maskottchen, auch als Protagonist eines Bilderbuches musste das Tier herhalten. Und so wartet man in Stellingen auf die Ankunft des neuen Stars. Denn: Wer ist denn schon dieser Knut?

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