Pokern Der Haifisch in Dir

Einst galt Pokern als verruchtes Zockerspiel - doch die Zeiten ändern sich. Inzwischen begeistern sich Jung und Alt für das Kartenspiel. Der James-Bond-Film "Casino Royale" brachte es auf den Punkt: Pokern ist ein Massenphänomen.

Berlin - James Bond spielt Poker, Stefan Raab auch. Casinos und Online-Anbieter verzeichnen einen Ansturm auf ihre Pokertische, in Kneipen und Wohnzimmern treffen sich private Zockerrunden - aus dem einst verruchten Kartenspiel ist ein Massenphänomen geworden.

Suchtexperten verfolgen die Entwicklung jedoch mit Sorge. "Beim Poker handelt es sich um ein Glücksspiel mit rascher Spielabfolge, das eine hohe Suchtgefahr birgt", erklärt der Leiter des Instituts für Psychologie und Kognitionsforschung an der Universität Bremen, Gerhard Meyer. Die plötzliche Begeisterung der Deutschen für das Spiel um Straße, Flush und Drilling führt der Experte für Glücksspielsucht vor allem auf die vielen Übertragungen im Fernsehen und das Internet zurück.

Auf zahlreichen Seiten kann man im Netz rund um die Uhr gegen Menschen aus der ganzen Welt antreten. Um ein paar Runden zu spielen, muss man kein Geld einsetzen und nicht einmal die Regeln beherrschen - Anfängerfehler werden automatisch verhindert.

Doch die unbegrenzte Verfügbarkeit senke bei vielen Menschen die Hemmschwelle, warnt Meyer. "Über das Spiel um Punkte wird das Interesse geweckt. Der Übergang zum Spiel um Geld ist dann fließend - man kann ja auch erstmal nur um Centbeträge spielen." Wenn ein Spieler am heimischen PC jedoch immer höhere Geldbeträge setze und sogar eine Sucht entwickele, falle das kaum jemandem auf. "Es gibt keine soziale Kontrolle wie im Casino", sagt Meyer. "Ich kann sogar betrunken an einem Spiel teilnehmen." Auch die Live-Übertragung von Poker-Turnieren im Sportfernsehen findet der Suchtexperte bedenklich. "Es wird suggeriert, dass es sich um einen Wettbewerb handelt wie bei anderen Sportarten auch.

Das verschleiert den Glücksspielcharakter des Spiels", sagt Meyer. "Viele Leute verdrängen, dass Poker ein Glücksspiel ist", bestätigt der Poker-Experte Jochen Braun, der in der Duisburger Spielbank für klassische Casinospiele wie Roulette, Poker und Black Jack zuständig ist. "Sie glauben, dass es sich um ein Geschicklichkeitsspiel handelt, das mit Denkvermögen und Intelligenz zu tun hat." Natürlich kommt es beim Poker - anders als bei anderen Glücksspielen - auch auf Erfahrung und Menschenkenntnis an. Ein guter Pokerspieler kann abschätzten, ob das eigene Blatt gut genug ist, um weiterzuspielen. Ansonsten muss er möglichst zeitig aussteigen oder mit hohen Einsätzen geschickt bluffen.

Poker ist auch in Spielbanken wieder gefragt

Poker ist auch in Spielbanken wieder gefragt

"Poker hat eigentlich nur einen Sinn: Dem Mitspieler klarzumachen, dass man selber das bessere Blatt hat", erklärt Braun. "Auf lange Sicht spielen solche Fähigkeiten schon eine Rolle", bestätigt Suchtexperte Meyer. Man dürfe sein Können jedoch nicht überschätzen: "Poker ist und bleibt ein Glücksspiel, bei dem auch der Zufall eine Rolle spielt." So habe kein Spieler Einfluss darauf, wie gut die Karten sind, die ausgegeben werden. Auch ein Profi bleibe vom Zufall abhängig. "So kann auch ein völliger Nobody die Poker-WM gewinnen", erklärt der Professor.

Durch den Hype in Fernsehen und Internet erhält auch das klassische Kartenspiel wieder Zulauf. Inzwischen treffen sich immer mehr Leute zu privaten Pokerrunden oder nehmen an organisierten Turnieren teil. Um Geld darf bei derartigen Veranstaltungen allerdings nicht gespielt werden. Wer Glücksspiele anbieten will, braucht in Deutschland eine staatliche Konzession - und die bekommen nur die Spielbanken. "Poker ist momentan auch in Casinos der absolute Renner", weiß Jochen Braun.

Für Suchtexperten wie Gerhard Meyer steht jedoch fest: Durch Poker-Turniere - ob online oder mit echten Mitspielern - können Menschen spielsüchtig werden. Gerade die Online-Casinos seien schwer zu kontrollieren, da die Betreiber oft im Ausland säßen. Ein Verbot sei daher schwer umzusetzen. "Hier ist der Staat gefordert", findet Meyer. Er plädiert dafür, ein staatlich legalisiertes Angebot wie im Casino auch für das Internet zu schaffen - inklusive Präventions- und Beratungsangeboten.

Als so ernst schätzt der Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim, Tilman Becker, die Situation noch nicht ein. Zwar gebe es Schätzungen zufolge bundesweit zwischen 250.000 und 400.000 süchtige Glücksspieler. Um mögliche Gefahren des Poker-Booms einschätzen zu können, reichten die bisherigen Erkenntnisse jedoch nicht aus, meint Becker. Erhebungen in Beratungsstellen für Glücksspielsüchtige hätten ergeben, dass Geldspielautomaten ein viel größeres Problem darstellten als klassische Casinospiele, Lotto- oder Sportwetten. Seiner Meinung nach handelt es sich beim Pokern ohnehin um ein Mode-Phänomen: "In ein, zwei Jahren ist vielleicht alles schon wieder vorbei."

Fides Middendorf, ap