Filmbranche "The Teutonic Terror"

Er ist Regisseur, Produzent und Verkäufer in einer Person. Jetzt aber stellt Uwe Boll auch noch die teuerste deutsche Filmproduktion aller Zeiten vor - und seine Kritiker lauern schon: Niemand wird für seine Kinostreifen so verachtet wie er.
Von Karsten Stumm

Vancouver/Düsseldorf - Es ist das teuerste deutsche Filmprojekt aller Zeiten. Umgerechnet knapp 54 Millionen Euro hatte der deutsche Regisseur Uwe Boll für seinen neuesten Streifen zur Verfügung, der im Frühherbst dieses Jahres in Deutschlands Kinos zu sehen sein wird.

Damit durfte Boll sogar mehr Geld für die Zauberer-und-Monster-Saga "In the Name of the King" ausgeben als Regiekollege Tom Tykwer für den Kinoschlager "Das Parfum"; der Filmhit des Vorjahres sollte ursprünglich für 47 Millionen Euro gedreht werden.

Tykwer kam mit den vielen Millionen allerdings nicht ganz über die Runden. Zum Schluss kostete "Das Parfum" rund 50 Millionen Euro, argwöhnen Insider der Filmbranche. Boll reichte sein Budget für "In the Name of the King" dagegen aus. Es ist nicht der einzige Unterschied, der die beiden Regisseure trennt.

Tykwer hatte Patrick Süskinds Roman "Das Parfum" als Vorlage für seinen Film, einen Weltbestseller. Bolls Job war es, nur ein Videospiel zu verfilmen. Und während Tykwer gemeinsam mit seinem Produzenten Bernd Eichinger sowie Hauptdarsteller Ben Whishaw die Filmtrophäe "Bambi" für seinen Kinoerfolg im vergangenen Jahr verliehen bekam, wird Uwe Boll wohl auf eine ähnliche Auszeichnung für sein Werk verzichten müssen - trotz des Millionenbudgets.

Mit der Verfilmung des Action-Videospiels "Dungeon Siege" unter dem Kinotitel "In the Name of the King", in dem sich Heerscharen mittelalterlich verkleideter Legionäre blutige Schlachten liefern, sind Filmkritiker wahrscheinlich wieder nicht zu beeindrucken.

Spektakel mit Starbesetzung

Spektakel mit Starbesetzung

Das allerdings hat Boll in den vergangenen Jahren nur selten angefochten, und genau deshalb ist er vielleicht zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten deutschen Unternehmer im Filmbusiness aufgestiegen. "Klar hatte ich Lust, etwas für die Galerie zu drehen, so etwas Unvergängliches. Aber das rechnet sich wirtschaftlich zumeist nicht, und deshalb habe ich die Finger davongelassen", sagt Boll zu manager-magazin.de.

Stattdessen spezialisierte er sich auf das, wovon "In the Name of the King" mit Topmimen wie Burt Reynolds, John Rhys-Davies und Model Eva Padberg im Aufgebot vielleicht die aufwendige Krönung ist: die Verfilmung erfolgreicher Videospiele. Die haben schließlich eine Fangemeinde, die weltweit in die Hunderttausende geht. Und entsprechend hoch ist die Chance, dass sich zumindest ein Teil der Daddel-Fans das Ganze auch noch im Kino anschaut. Oder wenigstens die DVD kauft.

Weil diese Geschäftsidee auf viele Anleger Eindruck machte, hat Boll für seine Filmproduktionen in den vergangenen Jahren die riesige Summe von knapp 270 Millionen Euro anvertraut bekommen. Das allerdings auch deshalb, weil der Fiskus seine Filmfinanzierungsvehikel mit üppigen Steuervorteilen ausstattete - und Boll den Investoren somit eine sichere Rendite versprechen konnte. Und das jahrelang, wie andere Medienfondsanbieter auch.

Bald allerdings bemerkte Boll, dass es damit nicht getan war. Zu viel Geld drohte verloren zu gehen, wenn er sich nur auf seinen Job im Regiestuhl beschränkte. Die Kosten der Filmproduktionen drohten ein ums andere Mal aus dem Ruder zu laufen und so die Rendite seiner Projekte zu drücken. Kurzerhand entschloss sich Boll, auch die Produktion zu überwachen. Und weil er eigentlich immer am liebsten alles selbst macht, nahm er irgendwann sogar den Vertrieb seiner Werke in die eigene Hand.

"Das kann von Vorteil sein", sagt Kai Grüneke zu manager-magazin.de, der selbst jahrelang im Film- und TV-Lizenzrechtehandel arbeitet, aktuell für die Filmrechtegesellschaft Entertainment Value Associates (EVA).

"Es ist schließlich immer besser, seinem Geld entgegenzugehen als zu warten, dass es zu einem selbst kommt. Ob Boll sich aber nicht vielleicht zu viel zumutet, neben dem Produktionsgeschäft auch noch allein den Weltvertrieb zu stemmen, wird er mit der Zeit herausfinden müssen. Wir denken, dass ein Outsourcing an einen spezialisierten externen Partner noch deutlich höhere Erlöspotenziale bringen kann."

Die verhasste Ein-Mann-Armee

Die verhasste Ein-Mann-Armee

Boll hatte immerhin versucht, den Flaschenhals des fremden Weltvertriebs zu umgehen, indem er aus sich selbst eine Art Ein-Mann-Armee aus Fondsmanager, Regisseur, Produzent und Filmvermarkter macht. Geholfen hat ihm das oft, auch wenn manche seiner Filme floppten. Seine Medienfonds erwirtschafteten nach Analysen unabhängiger Fondsbeobachter in der Vergangenheit immerhin oft höhere Erträge als im Branchenschnitt üblich.

Filme mit eindringlichen Namen wie "House of the Dead", "Alone in the Dark", "Bloodrayne" oder "Seed" hat er damit über die Jahre finanziert - ein gewaltiges filmisches Dokument des deutschen Steuerrechts. Es erlaubte Boll ganz nebenbei, sich seinen Traum von der Filmemacherei zu erfüllen.

Genau das scheint ihm die Heerschar seiner Kritiker bis heute übel zu nehmen. Kaum jemand will ihm, Dr. Uwe Boll, dem promovierten Literaturwissenschaftler, das Prädikat des Geschichtenerzählers gehobener Leinwandkunst zugestehen. Im Gegenteil, immer wieder muss er kurz vor den jährlichen Oscar-Verleihungen fürchten, für den angeblich schlechtesten Film des Jahres mit der "Goldenen Himbeere" gebrandmarkt zu werden.

Zuletzt kam es gar knüppeldick. Die Himbeeren-Jury nominierte Bolls Film "Bloodrayne" gleichzeitig in den Kategorien "schlechtester Film" und "schlechtestes Drehbuch". Er selbst wurde als "schlechtester Regisseur" zur Wahl gestellt und einige seiner Darsteller in den Klassen "schlechteste Schauspielerin" und "schlechteste männliche Nebenrolle". Mit dem Schmäh-Preis bestraft wurde schließlich Sharon Stone für ihr Machwerk Basic Instinct 2.

"Es nervt ungeheuer, dass viele Kritiker schlecht über meine Filme schreiben, ohne dass die sie gesehen haben oder beachten, was meine Aufgabe war. Was erwarten die, wenn ich einen Zombie-Film mit dem Titel 'House of the Dead' drehen soll? Schindlers Liste?", fragt sich Boll - und lud einige seiner zähesten Kritiker kürzlich halb scherzhaft, halb ernst zur Klärung des Disputs kurzerhand zu einem Boxkampf ein. Was die nicht ahnten: Boll, der feinsinnige Germanist, ist ein passabler Amateurboxer. Und er hatte sich auf diesen Abend vorbereitet.

Boll ließ seine Kontrahenten vor dem Kampf einen Haftungsausschluss unterschreiben. Nur für den Fall, dass was passiert im Ring. Man weiß ja nie.

Der Boxkampf von Vancouver

Der Boxkampf von Vancouver

Als dann die Spot-Strahler in der Open-Air-Arena vor der Messe in Vancouver aufblendeten, erleuchteten sie eine bizarre Szenerie.

Unten auf dem Platz, der wie ein Suppenteller in der Mitte tiefer als an den Rändern geformt ist, war ein professioneller Boxring aufgebaut worden. Drum herum standen Tischreihen für geladene Gäste des Spektakels; Bolls Filmcrew nahm eine ganze Reihe davon ein. Und dahinter, mit ein paar Metern Abstand zum Ring, erhoben sich die Tribünentreppen aus Betonsteinen.

Auf ihnen saßen etwa tausend Menschen, die Eintritt bezahlt hatten, um "Raging Boll" zu sehen, wie sein Kampfname an diesem Abend lautete. "Die ganze Sache hier ist komplett lächerlich. Für solche Dinge liebe ich Uwe", sagte die Schauspielerin Kristanna Loken gegenüber manager-magazin.de zu dem Schaukampf.

Es wurde ein kurzer Auftritt für Boll, er hatte keine große Mühe mit seinen Gegnern, zumeist Bloggern aus der Internetunterwelt. Zwei versuchten gar nicht erst zu boxen, sondern flüchteten vor ihm im Ring. Die beiden anderen fingen sich schnell entscheidende Treffer.

"Sie haben mich schlechtgemacht. Aber jetzt sind sie hirntot und werden meine Filme mögen", sagte Boll anschließend. Dann ging er mit seinen Hunden spazieren.

Ob sie schon seinen neuen Film mögen werden, kann Boll vermutlich schon in einigen Wochen in den einschlägigen Internetforen lesen. Dann nämlich wird er "Postal" vorgestellt haben. Und dieser Streifen hat es in sich, denn der rheinische Regisseur und Drehbuchschreiber hat aus der Verfilmung des Computerspiels "Postal" eine blutrünstig-bittere Satire auf den 11. September 2001 gemacht.

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Jungfrauen zur Attentäterbelohnung

Jungfrauen zur Attentäterbelohnung

Natürlich könnte man jetzt Bolls Sprecher zu Wort kommen lassen, der dann berichtet, dass Bolls Film im Cockpit eines der beiden Flugzeuge startet, die einige Stunden später das World Trade Center in New York zum Einsturz bringen sollen. Allerdings gibt es laut Drehbuch Schwierigkeiten, der Plan der Filmterroristen scheint zu scheitern.

"Die Attentäter geraten in Streit darüber, wie viele Jungfrauen sie im Paradies als Belohnung für ihren Terrorangriff zu erwarten haben werden. Kurzerhand vergewissern sie sich telefonisch bei Al-Qaida-Führer Osama bin Laden, doch die in Aussicht gestellten 20 Damen erscheinen den beiden nicht genug - und sie wollen ihren Flieger deshalb gar nicht mehr ins Gebäude stürzen lassen", sagt Hasso Mansfeld.

Damit nimmt eine andere Art der Katastrophe ihren filmischen Lauf, und so sollte man jetzt den Regisseur fragen, wie das alles passieren konnte und wie man solch einen Film am besten vermarktet.

mm.de: Herr Boll, keine Angst, dass Ihnen dieses Werk niemand im Ausland abkaufen könnte?

Boll: Die Angst ist verflogen. Ich habe das Drehbuch bereits allen Agencies in den USA angeboten, doch die lehnten es komplett ab. Dieser Film wird in den USA niemals eine Verleihfirma finden!

mm.de: Darf ich Ihnen etwas sagen? Das überrascht mich nicht, bei dem Anschlag sind Tausende Menschen umgekommen. Keine Furcht vor Protestmärschen aufgebrachter New Yorker Feuerwehrmänner?

Boll: Das müsste ich hinnehmen, denn es geht mir bei diesem Film um mehr, als die Leute heute erkennen. Es geht um die Freiheit, zu reden und zu denken, ohne Selbstzensur. Deshalb spiele ich selbst in dem Film eine kleine Rolle, in bayerischer Tracht gekleidet, und behaupte, dass ich meine Filme stets mit Nazigold aus dem Konzentrationslager Auschwitz finanziere.

Meinungsfreiheit im Videospielkino

Meinungsfreiheit im Videospielkino

mm.de: Och, Herr Boll! Konnte Ihnen niemand den Weltkriegs-Einfall ausreden? Wenigstens den? Eigentlich wollten Sie doch nur ein Videospielchen verfilmen …

Boll: Nein, den konnte mir keiner ausreden. Wir dürfen uns doch nicht das Recht nehmen lassen, im eigenen Land Witze über Religion oder Moslems zu machen. Kennen Sie schon den Spitznamen, den mir einige meiner wirrsten Kritiker gegeben haben?

mm.de: Sie verraten ihn mir jetzt, oder?

Boll: "The Teutonic Terror"

Die vermeintliche teutonische Terrorwelle dürfte in nächster Zeit allerdings an Kraft verlieren. Zwar schaffte es Boll, einzelne Streifen in Amerikas Kinos sogar in die Top Ten der erfolgreichsten deutschen Filmproduktionen überhaupt zu bringen - noch vor "Lola rennt" und "Der Name der Rose"; ein Aufsehen erregender Erfolg. Doch seit die Bundesregierung den Medienfonds einen großen Teil ihrer Steuervorteile gestrichen hat, ebbt auch Bolls Geschäft ab - und damit seine Möglichkeiten, große Filme zu drehen; die Berliner Abgeordneten gingen schon im Jahr 2003 mit besonderen Steuererlässen gegen die Filmfonds vor. Im November 2005 änderten sie schließlich die einschlägigen Paragrafen des Einkommensteuerrechts. Das war's.

Boll trägt die Narben dieser Zeit mit dem Stolz, sie irgendwie überlebt zu haben, und es scheint undenkbar, dass ihn eines Tages etwas aus der Bahn werfen könnte.

Was das heißt, können Fans seines Genres schon jetzt an einem anderen Boll-Projekt ablesen. Er hat es geschafft, kurzfristig eine Fortsetzung seines Horrorschockers "Bloodrayne" zu drehen - trotz der schwierigen Finanzierung nach der großen Medienfondszeit. Kostenpunkt für den Film: gerade mal vier Millionen Euro.

Damit hatte Boll für die gesamte "Bloodrayne"-Ergänzung weniger Geld zur Verfügung, als er noch kürzlich allein für die Computer-Nachbearbeitung seines Millionendickschiffes "In the Name of the King" ausgegeben hat. "Man wird bescheiden", sagt Boll dazu. "Aber das Geschäft mit Rendite bringenden Filmfonds wird wieder kommen.