100 Jahre KaDeWe Süße Sünde

Berlin in Feierlaune - 100 Jahre Hotel Adlon, 100 Jahre KaDeWe. Mit einer über sechs Meter hohen Torte aus Sahne und Marzipan, die an zahlreiche Schaulustige verteilt wurde, begannen am Donnerstag die Feierlichkeiten für das Kaufhaus des Westens. Eine Zeitreise.

Berlin - Wenn sich am Morgen die Türen am Berliner Kaufhaus des Westens öffnen, entströmt er immer wieder aufs Neue: der Hauch von Luxus. Er ist umhüllt von einer zarten Wolke feinsten Parfüms oder er manifestiert sich in den delikaten Düften der größten deutschen Delikatessen-Abteilung. Das ist seit 100 Jahren so. Das Kaufhaus richtet die erste Jubiläums-Feier zum runden Geburtstag ganz nach Berliner Geschmack aus.

Gerade hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Geburtstagstorte angeschitten. 6,50 Meter war sie hoch und wog 1,3 Tonnen. Acht Wochen hatten zehn Konditormeister an der 1,3 Tonnen schweren Torte gebacken. Immerhin verwendeten sie 190 Kilogramm Butter, 190 Kilogramm Puderzucker, 35 Kilogramm Vanille und 189 Liter Eier. Für die Dekoration, die Nachbildung des KaDeWe en miniature, wurden 800 Kilogramm Puderzucker und 350 Kilogramm Marzipan benötigt. Knapp fünfzig handgefertigte Marzipanfiguren stehen alleine auf einer der sieben Plattformen.

Ein solcher Superlativ mag Balsam sein für die Seelen der rekordsüchtigen Hauptstädter. Sie waren in Scharen gekommen und guckten, wie immer, wenn es etwas umsonst gibt. Denn 5000 Stücke der Riesentorte wurden kostenlos an die zahlreichen Besucher verteilt. Schon vor Eröffnung des Kaufhauses hatten sich am frühen Morgen lange Menschenschlangen vor den Eingangstüren gebildet.

"Das KaDeWe steht in wunderbarem Glanz und setzt auf Qualität", verkündete Wowereit, der für den Tortenanschnitt mit einer Hebebühne auf die entsprechende Höhe gefahren worden war. Schon bei der Gründung 1907 sei das Kaufhaus des Westens innovativ und stilgebend für die Konkurrenz gewesen. Der Regierende Bürgermeister erinnerte aber auch an die NS-Zeit, als die Eigentümer und viele Mitarbeiter des Kaufhauses wegen ihres Glaubens von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Das Haus habe immer wieder aus seiner Geschichte gelernt und sich dann neu positioniert.

Kaufhausgründer Adolf Jandorf eröffnete im März 1907 im Westen der Stadt das Warenhaus für den gehobenen Bedarf. und wurde von so mancher Konkurrenz belächelt. Der Westen Berlins, das waren zu dieser Zeit die Stadtgemeinden Schöneberg und Charlottenburg, mit Wohnstraßen und gepflegter Bürgerlichkeit. Wer in Berlin investierte, der versuchte es im Osten - am Leipziger- oder am Alexanderplatz.

Jandorf aber nannte sein Haus sehr bewusst "Kaufhaus des Westens". Er ahnte, dass aus dieser Gegend nahe dem Kurfürstendamm etwas werden würde. Es wurde ein zweites Stadtzentrum, das lange vor dem eingemauerten West-Berlin die Gunst der Flaneure gewann.

Für die Berliner war das Kaufhaus schnell das KaDeWe. Mit seinem ausgewählten Sortiment auf fünf Etagen orientierte sich der Konsumtempel an Amerika und an Paris zugleich. Bereits Wertheim hatte in Berlin Maßstäbe gesetzt und den Einkauf von einer notwendigen Tätigkeit zu einer Art Familienausflug erhoben. "Kommen Sie, schauen Sie, staunen Sie" - das war das Motto einer inszenierten Erlebnis-Warenwelt, die bis heute wenig von ihrem Spaßfaktor verloren hat.

Tratsch von der Rolltreppe

Tratsch von der Rolltreppe

Das Sehen und Gesehenwerden kam dazu, der Klatsch, der Tratsch, ein erhaschter Blick auf Marlene Dietrich oder Billy Wilder. Das KaDeWe, das war ein Mittelpunkt in der Stadt, ein Mikrokosmos. Berlins Tourismuschef Hanns-Peter Nerger sagt noch heute, dass er nur mit gespitzten Ohren die Rolltreppen des KaDeWe hinauffahren müsse. Er wisse dann, was läuft in Berlin.

Die Historie des KaDeWe ist eine deutsche Geschichte. Gründer Jandorf verkaufte sein Haus 1927 an die jüdische Kaufmannsfamilie Hermann Tietz (Hertie). Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurden die Eigentümer aus der Geschäftsleitung verdrängt. 1943 stürzte ein amerikanisches Kriegsflugzeug auf das Gebäude, das KaDeWe begann einen Notverkauf. 1950 eröffnete der Neubau. Der Luxus dieser Zeit war die Grundversorgung - mit Kleidung und Lebensmitteln. Mit dem Kalten Krieg und der Teilung Berlins fiel dem Kaufhaus eine neue Rolle zu: Es wurde zu einem Schaufenster des freien Westens und besann sich bald wieder auf sein Luxussegment.

In den Tagen nach dem 9. November 1989 stürmten tausende von DDR- Bürgern das KaDeWe - es war zur Legende geworden, zum Symbol für eine paradiesische Warenwelt. Dass das Haus zu dieser Zeit eher ein wenig angestaubt wirkte, tat dem Mythos keinen Abbruch.

Mit der Übernahme von Hertie durch die Karstadt AG begann das Kaufhaus sich wieder zu einem Flaggschiff zu mausern, mit gläsernen Aufzügen, Luxus-Boulevard, Beauty-Department, Wellnessbereich - und Kinderbetreuung. Heute sieht sich das Kaufhaus wieder in einer Reihe mit Harrods in London oder den Galeries Lafayette in Paris. 50.000 Besucher kommen jeden Tag, inzwischen sind 40 Prozent von ihnen Touristen. 2000 Mitarbeiter haben 400.000 Artikel auf heute sechs Etagen, vom Knopf bis zum Kaviartöpfchen, für die Kundschaft arrangiert. Über Umsatzzahlen wird hartnäckig geschwiegen.

Doch die neuen Ladenöffnungszeiten, die an der Friedrichstraße im Osten der Stadt die Nacht zum Tag werden lassen, lässt das KaDeWe für sich nicht gelten. Das Haus schließt - Hauptstadtgefühl hin oder her - um 20.00 Uhr, nur am Freitag zwei Stunden später. So viel Luxus muss sein.

manager-magazin.de mit Material von dpa