Mode im Museum Wespentaille hinter Glas

Weit schwingt der Rock, schmal ist die Taille - Christian Diors Kollektionen wirkten einst geradezu revolutionär. Nun widmet Berlin dem Modeschöpfer eine Ausstellung. Immer häufiger entdecken Museen bekannte Designer als Publikumsmagneten.

Berlin - Normalerweise wäre die Wand wohl für einen Monet oder ein anderes wertvolles Gemälde reserviert gewesen. Aber das, was in den schlichten Silberrahmen zu sehen ist, sind Modefotografien oder Skizzen. Denn in der "Dior"-Ausstellung in der Berliner Kunstbibliothek dreht sich alles um Kleider. Tweedkostüme, Rüschenroben, Mantel- und Cocktailkleider, entworfen von Christian Dior (1905-1957). Die Kuratoren haben edle Stoffe über schmale Puppen gestülpt, die in einem Glaskorridor Spalier stehen.

Die Kunstbibliothek gehört unter das Dach der Staatlichen Museen zu Berlin. Und auch wenn das Wort "Kreation" durchaus einen künstlerischen Anspruch von Mode verkündet - Mode ist Kleidung ist Alltag ist Gebrauchsgegenstand, sagen Rationalisten. Und selbst der Schöpfer ordnet sein Schaffen eher dem Handwerk zu: "Im Grunde geht es in der Mode nur um Betonung", soll Christian Dior gesagt haben, "um die Betonung der Schönheit der Frau." Was also haben Kleider im Museum zu suchen?

Zur Beruhigung: Hier wird keine Straßenkluft gezeigt. Dior begründete mit seinen schmalen Taillen und ausladenden Röcken den "New Look" der Fünfziger. Seine Modelle sind Haute Couture. Also das Gegenteil von dem, was im Kaufhaus - wenn auch in einem schicken - an der Stange hängt. Wer einen echten Dior will, muss in eine Boutique in Paris, München oder Sao Paulo fahren, um sich das Kleid auf den Leib schneidern zu lassen. Heute designt der Brite John Galliano für die Marke Dior. Neben ihr können sich nur eine Handvoll Modehäuser weltweit, darunter Chanel, Givenchy und Gaultier, Haute Couturiers nennen.

Statt einem Monet gibt es Don Johnsons Arbeitskleidung

Doch nicht nur die Couture schafft es ins Museum. Ein Stockwerk höher sind Mäntel des italienischen Mode-Imperiums "Max Mara" ausgestellt: Pret-à-Porter-Modelle, die zwar nicht für jeden, aber für viele gemacht sind. Und 2003 sorgte die "Armani"-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie für Aufruhr. Damals wetterten Kritiker und Publikum gegen den Einzug von Konfektionsware in den Tempel der Moderne. Sie empörten sich darüber, dass Anzüge, in denen Don Johnson einst für "Miami Vice" Cabriolets zu Schrott fuhr, an Stellen hängen, die sonst für einen Monet gedacht sind.

Anderswo wird die Verschmelzung von Mode und Kunst weniger eng gesehen. In den Modemetropolen sind Designer-Ausstellungen gang und gäbe. Mehr noch: Paris und New York haben ihre eigenen Modemuseen, und auch das New Yorker Metropolitan Museum of Art lockte schon mit einer "Chanel"-Schau. Das Londoner Victoria and Albert Museum reserviert seit Jahren eine Fläche für wechselnde Mode-Ausstellungen: Derzeit können Besucher in einer Kylie-Minogue-Schau die Bühnenkostüme der Sängerin beäugen.

Kleider hinter Glas

Opulente Blickfänger

Wenn dann die goldenen Hotpants aus dem "Spinning Around"-Video oder die nicht weniger freizügige cremefarbene Schlitz-Kutte der Sängerin den Glaskasten schmücken, avanciert Mode im Museum zum Blickfänger, der erst in Verbindung mit der Trägerin zum Kunstprodukt wird.

Mode ist eben Populärkultur, und große Namen wie Chanel, Armani oder Versace schleusen auch Menschen ins Museum, die mit den Bildenden Künsten wenig anfangen können. Jedenfalls halten die "Kylie"-Kuratoren nicht mit der Information hinter dem Berg, dass ihre Ausstellung gerade Besucherrekorde bricht.

In Deutschland ist man vorsichtiger und versucht, den Mode-Schauen einen tieferen Sinn zu geben. Bei der "Max Mara"-Ausstellung "Coats!" wurde das Vorurteil, es würde eine Ladung angestaubte Mantelware als Kunst verkauft, geschickt widerlegt: Etwa mit einem intelligenten Ausstellungs-Layout, das die Modelle in einen kulturhistorischen Kontext einordnete. Die Düsseldorfer Retrospektive über Vivienne Westwood im vergangenen Jahr war gleichzeitig eine Hommage an die Punkbewegung. Und die "Dior"-Schau soll auch etwas über deutsch-französische Beziehungen lehren.

Hat Mode Museumswert?

Fest steht: Wenn Mode und Kunst aufeinander treffen, ergibt das etwas, was Marketing-Fachleute eine "Win-Win-Situation" nennen. Große Museen können sich mit zugkräftigen Namen schmücken und bekommen Zuschüsse von den Modehäusern. Für die Modemacher bedeutet der Modell-Transfer vom Schaufenster in ehrwürdige Ausstellungshallen Reputation und Imagepflege.

"Kleidung hat ganz klar einen Museumswert", sagt Adelheid Rasche, Kuratorin der "Dior"- und "Max Mara"-Ausstellungen in Berlin. Nur sei das Bewusstsein dafür in den USA oder Frankreich viel ausgeprägter. "Die meisten Ausstellungen dort werden von privaten Mäzeninnen bestückt, die ihre wertvollen Kleider in die Obhut der Museen geben." Hier in Deutschland sei - ähnlich wie in anderen Künsten - diese Form von Sammlerkultur verloren gegangen, sagt Rasche.

Die Staatlichen Museen zu Berlin können seit einiger Zeit auf einen eigenen textilen Fundus zurückgreifen: Vor ein paar Jahren kaufte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz für das Berliner Kunstgewerbemuseum die weltweit größte Privatsammlung von Mode des 18. bis 20. Jahrhunderts. Auf Anweisung der Generaldirektion soll Modedesign künftig stärker in das Ausstellungsprofil der Häuser verankert werden. Nach "Coats!" und "Christian Dior" setzen die Berliner wieder auf heimische Modeplayer und huldigen dem ersten Deutschen, dessen Mode es auf den Titel der französischen "Vogue" schaffte: Die Werkschau des Designers Uli Richter ist für diesen Herbst angesetzt.

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