Trend-Kolumne Die wahren Avantgardisten

Die Feuilletonisten lieben es derzeit, den Werteverfall und den Niedergang von Familie und Glauben anzuprangern. Kommen nun die alten Bürgerlichen wieder zurück? Nein, es ist Zeit für die neuen Spießer und deren Familien. Von kleinen Zellen und Laboratorien für innovative Lebensformen.
Von Andreas Steinle

"Papa, wenn ich groß bin, dann will ich auch mal Spießer werden", sagt das kleine Mädchen aus dem populären Werbespot einer deutschen Bausparkasse und drückt damit eine aktuelle Sehnsucht in Deutschland aus.

Heim, Hof und Familie erfahren eine kulturelle Aufwertung, die Feuilletonisten quer durchs Lande folgern lässt: Die Ära der neuen Bürgerlichkeit bricht an. Wenn sich Utopien nicht mehr um alternative Gesellschaftsformen ranken, sondern um die Kleinfamilie im bausparfinanzierten Wohneigentum, dann übernehmen die Spießer das Ruder.

Auf den ersten Blick scheint es so. Auf den zweiten Blick stellen sich die vermeintlichen "Spießer" als Avantgardisten der anbrechenden Kreativitätsgesellschaft heraus. Denn sie bieten neue Antworten auf das bestehende Work-Life-Paradox.

Familie wird vor dem Hintergrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Mobilität und Flexibilität zum Laboratorium für innovative Lebensformen. Bestes Beispiel ist Boris Becker, der als moderner Home Heroe vorführt, wie die Patchwork-Familie der Zukunft aussehen kann. Über Neujahr verbrachte er die Feiertage im Kreis seiner Ex-Frau Barbara und den gemeinsamen Kindern in Miami.

Später kamen hinzu die Ex-Wäschekammer-Kurzliebe Ermakova samt gemeinsamer Tochter sowie die "Miami-immer-mal-wieder-Freundin" Lilly. Auch sein letzter Sommer-Flirt "Michelle" soll vor Ort gesichtet worden sein. Hier herrscht nicht Pragmatismus, sondern übergreifender Familiensinn, den man sonst nur von bizarren Tantra-Sekten kennt. Familie präsentiert sich als vitales Netzwerk, dessen Mitglieder autonom und zugleich aufeinander bezogen sind. Das gemeinsame Ziel ist ein gemeinsames Familienleben in den Momenten des Zusammentreffens.

Boris Becker ist gleichsam der Prototyp des coolen Daddys, der lässig mit seinen Kindern an der Hand am Strand von Miami herumtollt. Im Kontext höherer Wettbewerbsorientierung wird dieses (zeitweise) Aussteigen aus dem Job nun wieder als Privileg gedeutet. Wer nicht muss, sondern wer "es sich leisten kann", verfügt über Zeitautonomie, die dem angestellten Normalverdiener verwehrt bleibt.

Wer es durchsetzen kann, aus familiären Gründen seinen Fulltime-Job zu reduzieren, ist wahrscheinlich ein High-Potential. So bemüht sich gerade die Unternehmensberatung Roland Berger um Familienfreundlichkeit und einigt sich auf Teilzeitmodelle. "Nur wenige Bewerber entsprechen unseren hohen Anforderungen, und gerade die fragen immer öfter gezielt nach Work-Life-Balance", so Friederike Woermann-Seiger, Leiterin des Projekts Beruf und Familie bei Roland Berger.

Auch wenn die bekannte Elternzeit noch immer zu 95 Prozent von Frauen und nur zu 5 Prozent von Männern genutzt wird, wollen die neuen Väter nicht nur Ernährer, sondern auch Erzieher sein. Nach einer britischen Studie verbringen sie achtmal so viel Zeit mit dem Nachwuchs wie ihre Vorgänger vor 30 Jahren.

Die neuen männlichen Home-Heroes

Die neuen männlichen Home-Heroes

Der Wunsch nach Häuslichkeit ist durchaus vorhanden. Nach einer Umfrage der Zeitschrift "Brigitte Balance" sagten 57 Prozent der befragten berufstätigen Männer, dass sie gerne zu Hause bei den Kindern bleiben würden, wenn sie nicht aus finanziellen Gründen arbeiten müssten. Mehr als bei den Frauen. Hier wären nur 46 Prozent bereit, den Job für das Kinderhüten aufzugeben.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx schreibt in seinem "Trendreport 2007" über die neuen Rollenmuster: "Entscheidend bei männlichen Home-Heroes ist, dass ihnen durch 'feminisierte' Rollenklischees nicht die Würde und die Männlichkeit genommen werden." In der Küche brauchen sie daher die Profi-Utensilien aus blankpoliertem Stahl. Die neuen Kult-Köche im Fernsehen dienen ihnen als Vorbild, wie man ein männliches Verhältnis zum Kochtopf aufbaut.

Kaum jemand bringt den neuen Typus des Haushalts-Helden so illustrativ auf den Punkt wie der englische Kochstar Jamie Oliver. Er ist kein verschwulter Hetero, sondern verstrubbelter Naturtyp, der zupacken kann und sogar vor laufender Kamera mal ein Tier geschlachtet hat. Er ist gleichsam liebevoller Familienvater, Haus-Mensch mit Sinn für Ästhetik und fürs Detail.

In den Koch-Shows lernen die Männer, dass "am Herd stehen" ein harter, männlicher Job sein kann und erweitern damit die häusliche Sphäre als Identifikationsfläche und potenziellen Raum zur Selbstverwirklichung.

Dies mag sich als Einflugschneise für neue Kooperationsmodelle zwischen Mann und Frau erweisen. So wächst die Zahl der Hausmänner: In London bleiben bereits 40 Prozent aller Männer, in deren Beziehung die Frau mehr verdient, zu Hause. Auf dem aufsteigenden Ast sind auch Working Couples, die Familie und Partnerschaft als professionelles Unternehmen managen. Auf diese Weise entsteht eine völlig andere Partnerschaftskultur, auf deren Basis sich Familie in den modernen Lebensalltag leichter integrieren lässt.

Es gibt also Hoffnung: Die sinkenden Geburtenraten in Deutschland müssen nicht sein. Die neuen "Spießer" werden das Ruder rumreißen. A propos Spießer: Wie Campino, Lead-Sänger der Toten Hosen, sagt: "Krampfhaftes Nicht-Spießigsein ist das Spießigste, was es überhaupt gibt."

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