Kunst Der Maler-Macher

Amerikanische Sammler zahlen Höchstpreise für Bilder von jungen Malern aus Leipzig. Zu verdanken ist der Höhenflug vor allem dem geschäftstüchtigen Galeristen Gerd Harry Lybke.

Die Sonne streicht in breiten Strahlen durch das kleine von gläsernen Wänden abgetrennte Chefbüro in dem alten Haus in der Auguststraße in Berlin-Mitte. Ein Tisch, zwei Stühle, Notebook, Telefon, mehr nicht: Gerd Harry Lybke (44), von Freunden Judy genannt, trägt einen sonnengelben Nadelstreifenanzug. Er ist guter Dinge. Wie immer, wenn er in diesen Tagen über die Künstler seiner Galerie redet, leuchten und lachen die Augen aus dem runden, rötlich beflaumten Gesicht. Lybkes Gesamtgemütslage: sonnig und heiter.

"Es ist eine große Sehnsucht nach Malerei da gewesen, gerade in den vergangenen Jahren", sagt er, auf der Suche nach einer Erklärung für den Erfolg, den er und die Künstler seiner Galerie Eigen + Art zurzeit haben. Die meisten Maler hätten diese Sehnsucht aber nicht mehr bedient.

"Und dann", fügt er hinzu, "hat es da diese Leute in Leipzig gegeben, denen man wohl nicht gesagt hatte, dass Malerei nicht mehr sexy sei. Und die deshalb immer weitermalten, gerade so, als ob man mit Malerei noch Mädels bekommen könnte." Und auf einmal sind die Deppen von gestern die Leinwandhelden von heute. Vornweg Neo Rauch, ihm nach die jungen Maler aus der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst: Tim Eitel, Martin Kobe, David Schnell oder Matthias Weischer, alle zwischen 32 und 37 Jahre alt.

Sie können nicht nur Mädels haben, sondern auch Interviews in den angesehensten Magazinen, Ausstellungen in den feinsten Museen, Dollar von den reichsten Sammlern. Die Leipziger erleben einen Erfolg in der internationalen Kunstszene wie selten zuvor junge Maler aus Deutschland.

Schwermütige Figuren- und Landschaftsmalerei, klaustrophobisch gestimmte Raumbilder, möglichst in düsteren Farben, bevölkert von ziel- und sinnlos agierenden Gestalten - all dies gilt als besonders schick und angesagt in Sammlerkreisen weltweit.

Gekauft - etwa von Guido Westerwelle - werden allerdings auch die höchst munteren, im Stil des Sowjet-Pop gepinselten Knabenbilder eines Norbert Bisky, Sohn des Chefs der Linkspartei. Oder die plakativen Bildspiele eines Eberhard Havekost. Es wird gekauft, was die (ost-)deutschen Ateliers hergeben.

"Die Reichen können nichts Besseres mit ihrem Geld anfangen", ätzte jüngst das "SZ-Magazin" über den Hype in Sammlerkreisen: "Das Sammeln von Kunst bedeutet sozialen Aufstieg für Millionäre." Ist es wirklich so einfach? So viel ist gewiss, die Malerei aus dem Osten hat sich auf dem Kunstmarkt etabliert. Bilder des Vorreiters Neo Rauch kosten zwischen 120.000 und 180.000 Euro, die seiner jungen Nachfolger zwischen 4000 und 60.000 Euro. Interessenten stehen Schlange. Wer etwa ein Bild von Rauch will, muss sich bis 2008 gedulden.

"New Power, new Pictures"

Auch die Museen tragen bei zum florierenden Bildergeschäft: So durfte im deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig erstmals ein junger Maler aus dem Osten, Thomas Scheibitz, Deutschland repräsentieren.

In London präsentiert die Saatchi Gallery in einem über zweijährigen Ausstellungsmarathon auch Bilder aus Leipzig unter dem Titel "The Triumph of Painting".

Geradezu vernarrt in hiesiges Malgut aber zeigen sich die Amerikaner: Vom Cleveland Museum of Art bis zu legendären Institutionen wie dem MASS MoCA in North Adams oder dem MoMA in New York stellen sie Ostkunst vor und aus.

"Gib diesen jungen Deutschen Pinsel und Farbe, und sie zeigen es dir", überschrieb das Stilmagazin der "New York Times" kürzlich einen Bericht über die "Neue School". Das Fachblatt "Art and Auction" versetzte in einer Titelgeschichte die Leipzig-Boys gleich in "eine eigene Liga": Binnen drei Jahren seien sie zu "Superstars" geworden. Und das Magazin "Flash Art" jubelte: "New Power, new Pictures".

Die publizistischen Huldigungen entfachen erwartungsgemäß eine rege Nachfrage. Zu Judy Lybkes Kunden gehören etwa der amerikanische Immobilientycoon Don Rubell, der ehemalige Disney-Chef Michael Ovitz oder der Time-Warner-Spitzenmanager Michael Lynne. Aus Deutschland kommen Frieder Burda und Friedrich Christian Flick, Thomas Olbricht oder Rudolf Scharpff.

Der Internationale Erfolg ist größtenteils Judy Lybke zu verdanken. Der quirlige, stets hellwache 44-Jährige ist die Achse im Leipziger Kunstgetriebe. Er hat den Maler Neo Rauch Mitte der 90er Jahre entdeckt, und er hat den Nachwuchs ausgewählt und betreut.

"Ich bin mit den Künstlern, die ich vertrete, seit Jahren bekannt, oftmals auch befreundet", erzählt er. "Junge Künstler beobachte ich sehr lange, sechs, sieben Jahre, bevor ich sie in mein Programm aufnehme." Worauf er Wert legt bei einem Künstler? Problembewusstsein, Ausdauer, Handwerk und "ob sich die Arbeit, die er macht, bewusst im Gesamtweltgeschehen bewegt".

Immer wieder besucht Lybke die Ateliers seiner Künstler, fühlt sich als ihr Sparringspartner. Sein Meisterstück allerdings ist die gewiefte Vermarktung seiner neuen Maler. Mit viel Geschick hat Lybke den Meinungsführern unter den Museumsbetreibern und Galerien seine Künstler angedient und damit einen neuen Markt geschaffen.

Inzwischen erscheint freilich selbst ihm der Erfolg nicht mehr ganz geheuer. Die wenigen verfügbaren Bilder muss Lybke - davon träumt ein Kaufmann - unter den vielen Kaufwilligen verteilen. Er muss überdies seine Artisten gegen den Medienrummel abschirmen, damit ihnen der Freiraum bleibt, in Ruhe ans Werk und die Leinwand zu gehen. Denn "so schnell malen die Sachsen nicht", höhnte unlängst die "Süddeutsche Zeitung" über die handwerklich ebenso anspruchsvolle wie bedächtige Malweise.

Die Erhöhung des Bilderausstoßes würde zwar die Einnahmen erhöhen, weiß Lybke, aber auch die Qualität der Kunst beeinträchtigen. Er weiß dies deshalb, weil er eben nicht ein schlichter Kunsthöker ist, dem bei bemalten Leinwänden nur die Dollarzeichen in den Augen blitzen.

Vater Zimmermann, Mutter Kaltmamsell

Der Selfmade-Ossi, geboren 1961, im Jahr des Berliner Mauerbaus, wuchs in Meusdorf auf, einem Kaff im Süden Leipzigs. Sein Vater war Zimmermann, seine Mutter Kaltmamsell und Wäscherin. Nach der Schule versuchte sich Gerd Harry Lybke als Schauspieler an einer Off-Bühne, später betreute er Clubs und Discos für den Rat des Stadtbezirks.

Schließlich verdiente er sein Geld an der Hochschule: Er, ein Verworfener des DDR-Systems, stand Modell für Maler. Gleichzeitig unternahm er die ersten Gehversuche als Galerist. Das war zwar verboten. Aber weil Lybke eine Hinterhofwohnung als Werkstatt ausgab, musste die Stasi die ausgestellten "Arbeiten von Künstlern und Dilettanten" hinnehmen, weil sie zugleich Untermieter waren. Untergrundarbeit als Lebensschule.

Als 1989 die Mauer fiel, hatte Lybke nur wenige Tage zuvor noch die Kunstmesse in Köln besucht, den wichtigsten Marktplatz für moderne Kunst in Deutschland. Er hatte die Westkollegen an ihren Ständen kurzerhand gefragt: Wie machen Sie das - Kunst verkaufen? Doch die, erinnert sich Lybke, hätten den freundlichen Anfänger aus dem Osten für "gaga" gehalten - bis er im Frühjahr darauf zur Kölner Kunstmesse wieder erschien. Nun schlug Lybke seinen eigenen Stand auf. Das Startkapital, 50.000 Mark, hatte ihm - zinslos - der Industrielle Arend Oetker vorgestreckt.

Lybke legte Kataloge von den Arbeiten jener Künstler auf, mit denen er damals in einer Art Wohngemeinschaft in einem Abbruchhaus der Leipziger Zentralstraße logierte, und verschickte sie an Museen und Sammler. Er ließ kaum eine Kunstmesse aus, zog für drei Monate jeweils Zweigstellen in Sydney und New York auf, in Paris und Tokio. Und die Sammler rissen ihm die neue und fremde Kunst aus den Händen.

Bereits wenige Jahre später, 1997, war Lybke mit fünf seiner besten Maler auf der Weltspitzenschau der Künste, der Kasseler Documenta X, vertreten. Ein Aufstieg ohne Beispiel. Und damals hatte Lybke noch nicht einmal seinen heutigen Star unter Vertrag, den bärbeißigen Maler Neo Rauch aus Aschersleben im Harz.

Rauchs ironisch-depressive Rätselbilder, stilistisch verpflichtet sowohl dem Sozialistenrealismus Ost als auch der 50er-Jahre-Werbung West, versetzten die Sammler auf den Messen von Basel bis Miami seither in Kaufräusche. Derlei Entrückung und Verzücken scheint auf die Maler aus Leipzig und ihren Galeristen ("Ich bin nicht konsumorientiert") noch nicht übergesprungen zu sein. Und so haben sie sich denn in Leipzig, in einer "Stadt, die keine Sperrstunde kennt und in der viele schöne und liebesfreudige Mädchen zu Hause sind", in einer aufgelassenen Baumwollspinnerei niedergelassen. Dort, in den weiten Klinkerwerkhallen, führen sie ein Künstlerleben jenseits des bürgerlichen Alltags, eine Kunstmanufaktur-Wohngemeinschaft.

Ihre Werke hängen zurzeit in drei neuen Galerien am Rosenthaler Platz im angesagten Stadtteil Berlin-Mitte, zum Beispiel im Kunstladen von Christian Ehrentraut, der sich in einem Altbau in einem vermüllten Hinterhof befindet. Galerist Ehrentraut zeigt Feinkunst wie die recht düsteren Szenerien eines Ruprecht von Kaufmann. Zur Eröffnung der Galerien im März kamen mehr als 1000 Besucher an einem Abend. Angela Merkel war auch dabei.