50 Jahre Documenta Massenhaft Kunst

Die Documenta hat Künstlern wie Joseph Beuys den Aufstieg ermöglicht und gilt als wichtigste Ausstellung moderner Gegenwartskunst. Jetzt wird sie 50. Dabei war sie ursprünglich nur als einmaliges Beiwerk geplant.

Kassel - Als die erste Documenta vor 50 Jahren am 15. Juli 1955 öffnete, war sie nichts weiter als Begleitprogramm zur Kasseler Bundesgartenschau. Jedenfalls war das die Idee: Der Kunstprofessor Arnold Bode (1900-1977) wollte mit der Ausstellung die von den Nazis geächtete moderne Kunst vorführen, die die Deutschen im Wiederaufbaufieber vergessen hatten. Zur Überraschung der Organisatoren stieß die Schau im In- und Ausland auf enorme Beachtung. Sie traf einen Nerv der Nachkriegszeit, denn mit ihr konnte die deutsche Kunstszene der Welt ein "anderes Deutschland" präsentieren.

Die Werküberblicke von klassischen Meistern wie Picasso, Mondrian oder Klee, die die Nazis als "entartete Kunst" gebrandmarkt hatten lockten 130.000 Besucher kamen, um die Bilder und Plastiken der 148 Künstler zu sehen. Angespornt vom Erfolg wurde die Documenta fortan alle vier bis fünf Jahre wiederholt und lockte immer mehr Besucher. 1964 wurde erstmals die Konsumwelt Thema der Kunst, 1972 hielt der politische Anspruch Einzug in Kassel. 1977 kamen Film, Fotografie und Video hinzu, und 1992 wurden ein Toilettenhäuschen und Boxkämpfe als Kunst deklariert.

"Das Museum der 100 Tage"

Der Aufstieg vieler Künstler wurde von der Documenta mitgeprägt. Joseph Beuys etwa war fünf Mal in Kassel vertreten und wäre ohne dieses Forum wohl nicht zu einer derartigen Symbolfigur moderner Kunst geworden. Das "Museum der 100 Tage" verhilft den beteiligten Künstlern zu mehr Ansehen, steigert ihren Marktwert jedoch nicht automatisch und auch nicht für immer. Galeristen versuchen dennoch, ihre Künstler in Kassel zu präsentieren. Über die Auswahl der Künstler entscheidet jedoch allein der stets wechselnde Documenta-Leiter - Spekulationen über die Auserwählten gehören zum festen Ritual vor jeder Documenta.

Vorgeworfen wurde der Documenta lange Zeit eine zu starke Westorientierung. Manchem Kritiker galt sie als Instrument an der Kulturfront des Kalten Krieges. Erst 1977 waren erstmals offizielle DDR-Maler vertreten - einige Künstler hängten ihre Bilder daraufhin aus Protest wieder ab. 1997 wurde die Globalisierung zu einem Thema der Documenta, und 2002 rückte der erste nicht europäische Documenta-Leiter, der aus Nigeria stammende Okwui Enwezor, die Lage in den Dritte-Welt-Ländern nach dem Ende des Kolonianismus in den Mittelpunkt. Kunst aus allen Regionen der Welt will auch der Kurator der 2007 anstehenden zwölften Documenta, Roger M. Buergel, nach Kassel holen.

Für die während der deutschen Teilung lange ins Abseits gedrängte Provinzmetropole Kassel erwies sich die Documenta nicht nur wirtschaftlich als Erfolg. Auf der Weltkarte des Kunstbetriebs tauchte die Stadt nun ebenso auf wie Paris, New York oder Düsseldorf.

"Das Publikum kann es nicht verstehen"

Jubiläumsausstellung zum 50. Geburtstag

Das Verhältnis der Kasseler zu der Ausstellung blieb aber lange Zeit gemischt. In den ersten Jahrzehnten konnten viele Bürger nicht verstehen, warum der Staat überhaupt Geld für schwer zugängliche Kunst ausgeben sollte. Inzwischen wirbt Kassel als Documenta-Stadt für sich, und auch die Einwohner sind stolz darauf - auch wenn sie oft stirnrunzelnd vor den Kunstwerken stehen.

Zum 50-jährigen Bestehen der Documenta sollen in einer Jubiläumsausstellung Arbeiten von 65 der mehr als 2000 beteiligten Künstler erneut in Kassel gezeigt werden. Für die Ausstellung vom 1. September bis 20. November sollen als Leihgaben unter anderem Exponate von Wilhelm Lehmbruck, Joseph Beuys, Richard Hamilton und Claes Oldenburg zurückkehren. Dabei soll die von Michael Glasmeier konzipierte Ausstellung nicht nur einen Abriss der modernen Kunstgeschichte liefern, sondern auch die von der Documenta geförderte Erweiterung des Kunstbegriffs aufgreifen.

Documenta-12-Leiter Buergel möchte das Publikum mit Künstlern überraschen, die sonst nicht zum Repertoire internationaler Großausstellungen gehören. An der Auswahl der Künstler arbeite er deshalb im Austausch mit 70 renommierten Kunstzeitschriften aus aller Welt. Die Kunst aus fremden Ländern wolle er dem Publikum eingebettet in ihren lokalen Zusammenhang erklären. Hauptthemen der Documenta 12 vom 16. Juni bis 23. September 2007 seien die Frage der Moderne, der Bildung und der reinen Existenz.

"Oft kann das Publikum die Kunst nicht mehr verstehen"

"Dieses Zeitschriftenprojekt dient mir, wenn ich die Ausstellung mache, wie eine Suchmaschine", sagte Buergel. "Die Idee war herauszufinden, was die Moderne, die immer als universales Thema behandelt wird und unser Leben formt, in Afrika, im postsowjetischen Raum, im arabischen Raum und in Lateinamerika bedeutet." "Das ist ein großes Problem, was die Documenta hat: Da kommen zwar Sachen aus Latein-Amerika oder Afrika, die dort etwas Bestimmtes bedeuten, aber für ein Publikum der Documenta überhaupt nicht mehr verstehbar sind."

Zur Vorbereitung der Documenta und Verdeutlichung ihrer Inhalte plant Buergel drei Documenta-Zeitschriften im Frühjahr und Herbst 2006 sowie im Frühjahr 2007. Die Beiträge sollen von den 70 an der Vorbereitung beteiligten Kunstzeitschriften kommen. "Ich denke aber, dass man durch die Ausstellung auch ohne diese Magazine zu kennen fröhlich trällernd schlendern kann und etwas davon hat."

Buergel (42) wurde vor anderthalb Jahren zum Leiter der Documenta 12 bestimmt. Der gebürtige Berliner lebt in Wien und gilt als kompetenter Kunstkritiker und Theoretiker. Über seine Arbeit bei der Kunstzeitschrift "Springerin" knüpfte er Kontakte mit bedeutenden Gegenwartskünstlern. Er unterrichtet an der Kunsthochschule Lüneburg.

Von Michael Evers, DPA