Modellbahn Schienen-Liliput erobert Skandinavien

Die Bastelpioniere der größten Modelleisenbahn der Welt haben die Eismeerküste erreicht. Mit dem Themenbereich Skandinavien samt schiffbarer Ostsee wurde in der Hamburger Speicherstadt das bislang größte Teilstück der Touristenattraktion fertiggestellt. Doch Vorsicht: Nicht alles, was zu sehen ist, ist auch jugendfrei.

Hamburg - Der eisige Winter in Schweden ist Pippi Langstrumpf egal. Sie tollt mit ihren Freunden im verschneiten Garten der Villa Kunterbunt durchs Hamburger "Miniatur Wunderland". Sollte es der kleinen Schwedin einmal zu kalt werden, kann sie einfach in den Zug steigen und ein paar Meter weiter nach Dänemark fahren. Denn dort ist gerade Sommer.

An der Eisenbahnstrecke in der Hamburger Speicherstadt herrscht unter großen und kleinen Feriengästen knisternde Spannung. Der Programmierer testet Zugläufe auf dem Laptop, Elektroniker verdrahten letzte Kontakte und von hängenden Arbeitsbühnen sich herabstreckend wechseln Techniker Weichen aus. "Wenn der da abrutscht, kostet das einen Tag zusätzliche Arbeit", sagt Frederik Braun und zeigt auf einen der über Norwegen schwebenden Modellbauer. Der Geschäftsführer vom "Miniatur Wunderland" möchte am liebsten weggucken. Am 13. Juli soll Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) den neuesten Abschnitt der Anlage offiziell in Betrieb setzen.

Nachbildung des Mount Rushmore: Ohne Techniker geht es nicht

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Foto: DPA
"Miniatur-Wunderland"-Chef Freddy Braun: Planetenbauer lieben Fjorde.

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Berge, Täler, Seen: Techniker beim Tüfteln

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Die Minen von Kiruna: Millimeterarbeit.

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Der Themenbereich Skandinavien übertrifft alles, was die Modellbauer in dem historischen Speichergebäude bislang geschaffen haben. Denn von nun an können die Züge der Spur H0 im Maßstab 1:87 praktisch von der finnischen Eismeerküste bis in die Alpen durchfahren. Dass Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland zusammen mehr als dreimal so groß sind wie Amerika, stört die Baumeister elektrischen Eisenbahnwelt nicht. Mit 301 Quadratmetern ist Skandinavien der bislang größte Teilabschnitt, das 2004 eröffnete Amerika misst nur 99 Quadratmeter.

An 27 Knöpfen können Besucher auch selbst das Geschehen beeinflussen. Da kommt Leben in ein schwedisches Erzbergwerk, startet ein Wetterballon oder schweben winzige Elfen über einem Flecken Märchenland. Währenddessen donnert ein Express über die Storebaelt-Brücke, deren echtes Vorbild die dänischen Inseln Fünen und Seeland verbindet.

"Der Besucher wird unzählige Details erst auf den dritten, vierten Blick erkennen."

"Der Kreativität unserer Modellbauer waren auch hier keine Grenzen gesetzt - und das haben sie ausgenutzt", sagt Braun. "Der Besucher wird unzählige Details erst auf den dritten, vierten Blick erkennen." So auch manch erotische Szene, die im freizügigen Skandinavien nun das eine oder andere Novum im Vergleich zur übrigen Anlage aufweist. Da geraten Pärchen beim versteckten Liebesspiel jetzt richtig in Bewegung oder ein Auto in der Landschaft verdächtig ins Schaukeln. Alles jedoch wohlweislich vor Kinderaugen verborgen, wie Braun extra betont. "Keine Mutter muss sich Sorgen machen."

Die Minen von Kiruna: Noch ist nicht alles perfekt.

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Nachbildung des Hamburg Michels: Monumente und Alltagsszenen ergänzen sich

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Miniatur-Kunststoffbaum: Lange Finger sind gefragt

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Sankt Pauli-Landungsbrücken: Die Originale vor der Tür

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Straßenszene: Techniker bei der Arbeit

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AOL-Arena: UI-Cup in Liliput

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Geschäftsführer Frederik Braun: Mitten in Las Vegas.

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Das Spektakulärste allerdings sticht jedem Besucher sofort ins Auge: In Skandinavien gibt es erstmals echtes Wasser, Ebbe und Flut inbegriffen. Wie von Geisterhand navigiert, befahren 40 Schiffe die "Nord-Ostsee". Die beiden Superfast- und Scandlines-Fähren messen immerhin zwei Meter. Das längste der acht Containerschiffe immerhin noch 1,70 Meter.

Dieser Teil sei die größte Herausforderung gewesen, sagt Braun: "Anfangs dachten wir, wir bauen einfach eine Art Aquarium. Doch da haben wir uns schwer verschätzt." Alle Schiffe sollten so per Computer über Funk gesteuert werden, dass zum Beispiel die Fähren vor dem Hafen wenden, rückwärts einlaufen, sich die Heckklappe öffnet und Autos von und an Bord rollen, ehe die Fähre wieder ablegt. Währenddessen fährt ein anderes Schiff über ein automatisches Schleusensystem einen Fluss hinauf.

"Navigations- und Schiffbauexperten hoben die Hände und wünschten uns nur viel Glück", erinnert sich Braun, dessen Bruder Gerrit als Programmierer fast verzweifelte. Denn satellitengestützte Systeme wie GPS navigieren zwar auf den Meter genau, doch im "Miniatur Wunderland" geht es natürlich um Millimeter. Mittlerweile aber ist auch dieses Problem gelöst. Der Computer kann mittels Ultraschall, Infrarot und anderer Kniffe zehn Mal pro Sekunde die Lage jedes Schiffes erfassen und beeinflussen. Doch wehe, wenn der Strom ausfällt.

Michael Best, DDP

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