Käthe-Kruse Die Puppe, der Zahnarztfrauen vertrauen

Weil sie nichts Besseres fand, bastelte Käthe Kruse ihrer Tochter zu Weihnachten die erste Puppe, mit der man kuscheln konnte. 100 Jahre später werden deren Urenkel heiß geliebt - allerdings nicht unbedingt von Kindern.

Donauwörth - Das Rezept für ein gutes Kinderspielzeug ist einfach: eine Kartoffel, ein Handtuch und viel warmer Sand. Aus diesen Zutaten bastelte die 22-jährige Käthe Kruse 1905 ihrer Tochter Maria, genannt "Mimerle", eine Puppe zu Weihnachten. "Ein Kind für das Kind" sollte es sein, eine "Puppe zum Liebhaben".

Und damit eine Revolution. Denn bis dahin waren Puppen aus Porzellan, hart, steif und zerbrechlich. Und leicht. Zu leicht um den Puppenmütter das Gefühl zu geben, ein richtiges Baby auf dem Arm zu haben. All das behob Käthe Kruse, die mit dem 30 Jahre älteren Bildhauer Max Kruse in der Intellektuellenszene in Ascona lebte, indem sie ein Handtuch mit Sand füllte, Arme und Beine herausformte und als Kopf eine Kartoffel hineinsteckte.

Mit Werkzeugen aus der Urzeit der Puppe: Käthe-Kruse-Puppenproduktion in Donauwörth

Mit Werkzeugen aus der Urzeit der Puppe: Käthe-Kruse-Puppenproduktion in Donauwörth

Foto: AP
Gesicht aus einer Hand: Feinzeichnen an blauen Augen

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Foto: AP
Das Los, eine von 36.000 im Jahr zu sein: Puppenköpfe auf Halde

Das Los, eine von 36.000 im Jahr zu sein: Puppenköpfe auf Halde

Foto: AP
Charakterkopf mit finsterem Blick: Puppenmodell "Schlamperchen" in der Hand des Kinderbuchautoren Max Kruse

Charakterkopf mit finsterem Blick: Puppenmodell "Schlamperchen" in der Hand des Kinderbuchautoren Max Kruse

Foto: DPA
Wir können auch liebe Mädchen: Kruse-Puppe

Wir können auch liebe Mädchen: Kruse-Puppe

Foto: Frank Schumann/DER SPIEGEL
Tausende folgten ihr: Rattenfängerpuppe

Tausende folgten ihr: Rattenfängerpuppe

Foto: DPA


Die Entstehung des Charakterkopfs
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"Unsere Puppen können gar nichts"

100 Jahre später sind Käthe-Kruse-Puppen dem Original zumindest noch in einem Punkt ähnlich: "Unsere Puppe kann gar nichts, nur geliebt werden", sagt Andrea Christenson, die das Unternehmen mit ihrem Mann 1990 von der Gründerfamilie übernahm.

Etwa 36.000 neue kleine Käthe-Kruse-Kinder finden inzwischen jedes Jahr eine neue Liebhaberin. Puppen sind noch immer Frauensache. Weil in jeder etwa 24 Arbeitsstunden stecken und sie zwischen 45 und 1050 Euro kosten, ist nur noch ein Teil als Kinderspielzeug gedacht.

Stattdessen landen sie bei Managerinnen und Zahnarztfrauen, oft als Geschenk, etwa 20 Prozent der Kunden kaufen aber direkt für sich selbst ein. Sehr häufig würden die Puppen über Generationen vererbt, sagt Firmenchefin Christenson: "Unsere Puppe bleibt ein Leben lang treu" - und wenn nicht, kommt der Puppendoktor und kuriert die Wehwehchen.

Puppen wie die eigene Familie

Puppen wie die eigene Familie

Seit 54 Jahren sitzt die Puppenfirma im bayerisch-schwäbischen Donauwörth, wohin Käthe Kruse 1950 aus der damaligen Ostzone floh. Dort hatte Käthe Kruse nach der Rückkehr aus Ascona im Wohnzimmer ihr Unternehmen aufgebaut, das sie 1911 ins Handelsregister eintragen ließ. Mit einem Maler und fünf Näherinnen fabrizierte die ehrgeizige und unermüdliche Firmenchefin Puppen und schickte sie von Berlin aus in die ganze Welt. Als Vorbilder nahm die Mutter von sieben Kindern ihren eigenen Nachwuchs: Kruse fertigte beispielsweise eine Kopie ihres Sohns Friedebald; auch jede andere Puppe sollte eine kleine Persönlichkeit sein.

Bis zu ihrem Tod 1968 war die Gründerin selbst im Familienbetrieb aktiv, unterstützt von zweien ihrer Kinder. Sohn Max verließ das Unternehmen, um zu schreiben, etwa die Kindergeschichte "Urmel aus dem Eis". 1990 verkaufte Hanne Adler-Kruse aus Altersgründen die Firma.

Käthe Kruses Motto "Die Hand geht dem Herzen nach" gilt noch immer in dem familiären Betrieb. Gleich geblieben sind auch der hohe Qualitätsanspruch und die Herstellungsweise - in kompletter Handarbeit. Die Puppenkörper mit den beweglichen Gliedmaßen werden mit graubraunen Reh- und Rentierhaaren gestopft, so dass das Spielzeug später im Arm sofort warm wird. Die Kleidung aus Naturfasern, darunter Klassiker wie blaues Kleid mit weißer Schürze oder auch moderne Jeans und Filzhüte, wird ebenfalls in der Werkstätte entworfen, genäht, bestickt oder gestrickt. Mit feinen Pinselstrichen erhalten Augen, Mund und Bäckchen ihre Farben.

"Wir brauchen den deutschen Geschmack"

Besonders viel Arbeit machen die Perücken aus Echt- oder Kunsthaar: Zwei bis drei Härchen zieht eine Mitarbeiterin mit einer Art Häkelnadel durch ein Stück Seide und knüpft sie fest. Jede Frisur verlangt eine unterschiedliche Anordnung der Haare, so dass es meist zwischen vier und sieben Stunden dauert, bis eine Perücke fertig ist. Wenn der Haarschopf auf den Puppenkopf aufgeklebt ist, wird er von einer Friseurin gewachst, gebürstet und in Form gebracht. Vor dem Verpacken wird die fertige Puppe nochmals auf Fehler kontrolliert.

"Bei der Handarbeit sind wir wirklich einzigartig", sagt Chefin Christenson. Die meisten Puppen kämen heute aus Fernost, weil sie dort billiger herzustellen seien. Die Firma mit einem Umsatz von etwa 15 Millionen Euro will aber weiter in Deutschland bleiben, wo Käthe Kruse 75 Beschäftigte hat. Weil die Arbeiter hier "viel Gefühl fürs Produkt und die Liebe zum Detail" mitbringen. Weil Käthe Kruse als Unternehmen, das 75 Prozent des Absatzes im Inland mache, "den deutschen Geschmack" brauche. Weil der Betrieb durch den Sitz in Deutschland viel schneller auf Nachfragen aus dem Kernmarkt reagieren könne.

Nachdem das Angebot 2003 um Accessoires fürs Kinderzimmer wie Kissen oder Teppiche erweitert worden ist, sollen demnächst weitere Produkte folgen. Im Jubiläumsjahr 2005 setzt die Firma aber erstmal wieder auf Puppen: Eine Sonderkollektion soll aufgelegt werden. Mit altem Stil. Aber ohne Kartoffel im Kopf.