Trend-Kolumne Luxus ... find' ich gut

In Deutschland begegnet man Reichen mit Missgunst und Neid. Nur wer arm ist, gilt als rechtschaffen. Nach Hartz und Tiefpreis-Hysterie kommt es einem Sakrileg gleich, sein Geld laut und mit Lust zu verjubeln - dabei braucht das Land nichts dringender als Hedonisten. Denn wenn alle sparen, vertrocknet der Wohlstand.
Von Andreas Steinle

Es ist schon ein ausgemachtes Dilemma. Seit Jahren verzeichnet der Handel in Deutschland ein kräftiges Umsatzminus. Die Ware stapelt sich in den Regalen. Selbst der Sommerschlussverkauf brachte keine Besserung. Und das, obwohl ein großer Anteil der Bevölkerung mehr Geld denn je zuvor zur Verfügung hat.

Insgesamt wächst das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland beträchtlich. Ende 2003 waren es fast vier Billionen Euro - 1,5 Billionen mehr als vor zehn Jahren. Zugegeben, dieses zusätzliche Geld ist ungleich verteilt. Es ist jenen zugeflossen, die schon vorher viel hatten und ihr Kapital investieren konnten.

Doch auch kinderlose Paare, gut verdienende Singles und nicht zuletzt wohlhabende Rentner erfreuen sich einer größeren Kaufkraft. Mittlerweile macht dieser Anteil an der Bevölkerung rund zwei Drittel aus, so die Angaben der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung. Was ist nur los mit dieser kaufkräftigen Klientel? Warum ist sie nicht ein wenig verschwenderischer und hilft dabei, die hiesige Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, Beschäftigung und Löhne im Handel zu sichern?

Spaßfreie Gesellschaft

Deutschland hat kein ökonomisches, sondern ein mentales Problem. Die jahrelangen Debatten über die deutsche Gesellschaft als Spaßgesellschaft haben ihr jegliche Lust an der genussvollen Verschwendung ausgetrieben.

Als nach dem Anschlag auf das World Trade Center die Wirtschaft in New York einen schweren Dämpfer erlitt, appellierte Bürgermeister Giuliani an alle Amerikaner, jetzt erst recht Big Apple zum Shoppen zu besuchen. Und trotz der großen Trauer sollten bitte alle weiterhin in Restaurants, Kinos und Theater gehen. Konsumieren wurde zur nationalen Pflicht erhoben, der man landestreu nachkam. Bei uns ist der Begriff der "Freizeitgesellschaft" zur mahnenden Metapher geworden.

Zu Unrecht: Wenn ein Bereich der Wirtschaft wächst, dann die Freizeit- und Tourismusindustrie. Ein Beispiel ist der florierende Wellnessmarkt. Für Entspannung und Wohlbefinden wird viel Geld ausgegeben. Früher ging man in die Sauna oder zur Reha, heute ins Beauty-Spa, zahlt aber dafür das Doppelte.

Volkswirtschaftlich ist das äußerst produktiv, denn dieser Markt wird von Träumen geleitet. Wellness bedeutet mehr als Gesundheitsvorsorge. Dahinter steht eine Vision - länger jung bleiben.

Den Teuro gönn' ich mir

Am Wellnessmarkt lässt sich ein Beispiel nehmen: Die Deutschen brauchen für sich als Konsumenten wieder eine Vision. Anstatt immer nur vom Sparen zu reden, sollte die Freizeitgesellschaft als Leitstrahl dienen.

Die Wohlhabenden sollten ihr Erbe nicht mehren, um es an jene weiterzugeben, die es wiederum nur auf der Bank horten, sondern in vollen Zügen zu Lebzeiten ausgeben. Davon profitieren alle: Die Wirtschaft wächst, es entstehen neue Jobs, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Stimmung hellt sich auf.

Doch für Visionen braucht es Fürsprecher und Vorbilder, daran mangelt es hier zu Lande. Von den reichsten Deutschen, so zum Beispiel den Aldi-Brüdern, weiß man nichts, wofür sie ihr Geld ausgeben. Von Bertelsmann-Gründer Reinhard Mohn heißt es, dass er den Weg zur Firmenzentrale stets mit dem Fahrrad zurückgelegt hat. Und blickt man in die Politik, so reagiert auch hier Bescheidenheit. Kanzler Schröder wohnt im Endreihenhaus, privat fährt er einen VW-Touran. Nun ist Bescheidenheit eine edle Tugend, der man Achtung zollen sollte. Doch wie kann bei solchen Vorbildern die Lust am Konsumieren entstehen?

Richten wir kurz den Blick aufs Ausland. Dort gestaltet sich die Lage anders: Gouvernator Arnold Schwarzenegger hat sich erst kürzlich für zwölf Millionen Dollar ein neues Häuschen in der Nähe seines Amtssitzes zugelegt. Berlusconis Ferienresidenz auf Sardinien ist eine 27-Zimmer Villa, gelegen auf einem 40 Hektar großen Grundstück mit künstlichen Wasserfällen und einem Theater aus weißem Granit nach antikem Vorbild. Derlei würde sich kaum ein hiesiger Volksvertreter trauen, zu groß wäre die Angst vor dem kollektiven Neid.

Einäscherung - in Tschechien billiger

Doch wenn selbst die Reichen ihre Lebensmittel bei Aldi und die Möbel bei Ikea kaufen, darf sich keiner wundern, wenn die Vielfalt im Handel verloren geht. Dann werden die deutschen Innenstädte weiter veröden, weil sich nur noch Ramschläden ausbreiten. Es ist gefährlich, wenn sich Slogans wie "Billig will ich" (Plus) oder "Geiz ist geil" (Saturn) ins kollektive Bewusstsein brennen. Irgendwann fällt alles unter das Diktat des Preises. Selbst der Tod ist dann günstiger zu haben. So wirbt das Berliner Bestattungsunternehmen "Berolina-Sarg-Discount" bereits mit der Einäscherung in einem tschechischen Krematorium.

Auch wenn es schwer fällt: Es muss sich wieder ein Sinn für Genuss und konstruktiver Verschwendung entwickeln. Es fehlt an eingängigen Parolen wie "Luxus ... find' ich gut" oder "Den Teuro gönn ich mir". Angesichts der steigenden Belastungen, die auf Grund der Sozialreformen auf die privaten Haushalte zukommen, mag dies vordergründig zynisch anmuten. Angesichts der steigenden Kaufkraft bei einem großen Anteil der Bevölkerung ist dieser Appell jedoch vertretbar. Schließlich profitieren alle von einem besseren Konsumklima.

Nicht der Spaß am Sparen, sondern der Spaß, etwas zu erwerben und zu gebrauchen, sollte im Vordergrund stehen. Wir müssen alle hedonistischer werden, und zwar in einem Sinne wie es die in der Antike begründete philosophische Lehre verstand. Demnach führt hemmungslose Bedürfnisbefriedigung nicht zu Lust, sondern zu Unlust. Genussfähigkeit ist nur dem Weisen beschieden, indem er seinen Gelüsten nicht blindlings folgt, sondern über sie zu herrschen vermag. In diesem Sinne: Herrschet über eure Gelüste.

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