Trend-Kolumne Spend smart, live rich

Das Jammern muss ein Ende haben, die neue Losung lautet: ackern, Augen zu und durch. Nun ist aber die Forderung, den Gürtel enger zu schnallen, weder populär noch visionär. Wer will schon gerne auf Stil und Luxus verzichten? Jetzt machen Amerikaner vor, wie es gelingt, mit weniger Geld besser und glücklicher zu leben.
Von Andreas Steinle

Egal welche Zeitung man aufschlägt, ob Boulevardblatt oder Wirtschaftszeitung: Die Appelle an die Leserschaft gleichen sich. Die Deutschen müssen schleunigst mit dem Jammern aufhören, kräftig in die Hände spucken und die Anstrengungen der Aufbaugeneration nach dem Zweiten Weltkrieg fortführen.

Der US-Botschafter Richard Fisher rät in der "Bild"-Zeitung: "Deutschland muss seinen Verlierer-Komplex ablegen!" Es darf nicht mehr hinnehmen, auf so vielen Feldern geschlagen zu werden. Von den Japanern in der Unterhaltungselektronik, von den USA in der Computertechnologie und vom Rest der Welt in der Finanzwirtschaft.

Sein Lösungsvorschlag für die Misere ist einfach und findet sich in der Bibel - nämlich im Petrusbrief: "Komm, mach' Ernst, und diszipliniere dich!" Deutschlands Führungskräfte müssten jetzt Ernst machen, aufhören zu jammern und sich disziplinieren. Ähnliche Worte hören wir von unserem neuen Bundespräsidenten Horst Köhler, der in seiner Antrittsrede forderte, "dass Führungspersönlichkeiten der Wirtschaft gerade heute eine Kultur der Verantwortung und Mäßigung vorleben" müssen. Dies aber bitte mit Spaß: Denn "fröhlicher, optimistischer, voller Ideen und Tatendrang", wünscht sich der neue Präsident das Deutschland des Jahres 2009.

Einer jammert, der andere nicht

Währenddessen wartet der deutsche Durchschnittsverdiener gespannt darauf, ob sich die selbst verordnete Mäßigung der Wirtschaftselite durchsetzt und stellt sich selber auf längere Arbeitszeiten und schrumpfende Einkommen ein. Dass die Deutschen eine bittere Pille zu schlucken haben, setzt sich allmählich durch.

Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung spricht es deutlich aus. Seiner Meinung nach müssen die Löhne drastisch sinken, will Deutschland wettbewerbsfähig bleiben und neue Jobs schaffen. Kein Wunder also: Die Stimmung ist im Keller und hat durch das frühe Ausscheiden der deutschen Elf in der Europameisterschaft einen zusätzlichen Abwärtsschub erfahren. Ein verregneter Sommer tut sein übriges. Und wer jetzt in den Süden flieht, wird sich über die steigenden Spritpreise ärgern - natürlich genau zur Urlaubssaison.

Versinkt Deutschland nun endgültig in einer tiefen Depression? Gibt es noch Hoffnung? Es ist nicht anzunehmen, dass die Appelle, mit dem Jammern aufzuhören, fruchten werden. Nicht zuletzt, weil sie von denen erhoben werden, die meist nichts zu Jammern haben.

Gucci-Jacken zu Wal-Mart-Preisen

Gucci-Jacken zu Wal-Mart-Preisen

Das Mentalitätstief lässt sich nicht mit abstrakten Forderungen oder Petrusbriefen beheben, sondern am ehesten noch mit gesundem Pragmatismus. Und in dieser Disziplin sind die Amerikaner besonders bewandert. Von daher lohnt sich der Blick über den Teich.

In den USA haben findige Zeitungsmacher den steigenden ökonomischen Belastungen der Privathaushalte einen neuen Lifestyle entgegengesetzt. Mit "Budget Living" wurde erfolgreich ein neues Blatt auf dem Markt etabliert, das folgende Losung ausgibt: "Spend smart, but live rich."

Es versteht sich als Ratgeber und Lebenshilfe für all jene, die sparen müssen, aber nicht auf Stil und Luxus verzichten wollen. Es zeigt, wo man die Gucci-Jacke zum Wal-Mart-Preis bekommt. Es gibt Anleitung, wie man effektiv seine privaten Finanzen managt und versucht, eine Schneise durch den Angebotsdschungel privater Finanzdienstleister zu schlagen - ob es sich um die Kreditkarte oder die Krankenversicherung handelt.

Mit weniger Geld besser leben

Das Magazin verkündet die frohe Botschaft, mit weniger Geld besser zu leben. "Budget Living's look is luxurious, hip, and modern." Wer das Blatt liest, bekommt das Gefühl, Trendsetter innerhalb einer modernen Bewegung zu sein. Vielleicht braucht Deutschland keine weiteren Hau-Ruck-Reden, sondern ein deutsches "Budget Living".

Mit Pragmatismus und Cleverness auf das veränderte gesellschaftliche Umfeld zu reagieren, erscheint das probatere Mittel zu sein. Die Not zur Tugend, beziehungsweise zum Lifestyle zu machen, wird zwar die großen Probleme der deutschen Strukturkrise nicht lösen, würde aber zumindest mental in die richtige Richtung führen.

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