Modellbahn Amerika wartet drei Meter weiter

In Hamburg lockt eine der größten Modelleisenbahnen der Welt - seit Neuestem fahren die Züge sogar durch Amerika. Liebevoll gestaltet, mausert sie sich zum Publikumsliebling weit über die Stadtgrenzen. Dabei erntete ihr Erfinder bei seiner Bank anfangs nur Kopfschütteln.

Hamburg - Es wird Nacht über der kleinen Stadt ohne Namen. Im Schloss, das herrschaftlich auf einer Anhöhe über der Ortschaft residiert, gehen die Lichter aus. Ein paar Lkw sind noch unterwegs, schließlich soll morgen im Supermarkt alles frisch im Regal liegen. Plötzlich kracht es, Glas splittert. Einer der Brummis hat den Linienbus gerammt. Wie konnte das passieren, wo doch beide über ein Magnetsystem ferngesteuert werden?

Der Name "Miniatur-Wunderland" wurde mit Bedacht gewählt. Genauso gut hätte man von einer Riesen-Eisenbahnanlage sprechen können. 500 Züge, die auf einer Gesamtfläche von 500 Quadratmetern eine Gleislänge von acht Kilometern befahren: "Unser Ziel war, die größte Modellbahn der Welt zu bauen", erklärt Frederik Braun unbescheiden. Er hat das Projekt initiiert und leitet die Geschäfte zusammen mit seinem Bruder Gerrit, seinem Vater Jochen und dem langjährigen Freund Stephan Hertz.

Warum also der niedliche Name für das Modellbau-Großprojekt? "Eisenbahnanlagen sind etwas für Männer. Da fahren viele Züge auf vielen Schienen, aber die Landschaft drumherum wird nur gebaut, weil es ohne nicht geht", erklärt Braun. "Entsprechend technisch sieht meist alles aus." Und spricht nur die halbe Zielgruppe an.

Wie im Kino: Special Effects sind wichtig

Das Miniatur-Wunderland dagegen ist nicht nur ein Bahnverkehr, sondern eine detailverliebt gestaltete kleine Welt, in der die Züge genauso wichtig sind wie die Landschaft, durch die sie fahren. Da gibt es Ampeln, Hausbrände, Diskotheken und Straßenmusiker. Das Steuersystem für die kleinen Autos ist kaum weniger aufwändig als das für die Züge. Und immer wieder fällt das Wort "Special Effects", wenn die Chefs von ihrer Anlage sprechen. Fast alles ist möglich. Und, oh Wunder, der Grand Canyon steht nur wenige Meter vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt.

Schäferstunde: Ein Klassiker in Vatis Modellbahn

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Gebirgszug: Durch den Amerika-Abschnitt schlängeln sich schier endlose Züge ...

Gebirgszug: Durch den Amerika-Abschnitt schlängeln sich schier endlose Züge ...

Foto: MATTHIAS KAUFMANN
... mit bis zu 60 Waggons

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Foto: MATTHIAS KAUFMANN
Strebsam: Die schwarze Strebe im Hintergrund gehört nicht zum Modell. Sie trägt das Dach des Hauses, in dem das Wunderland untergebracht ist

Strebsam: Die schwarze Strebe im Hintergrund gehört nicht zum Modell. Sie trägt das Dach des Hauses, in dem das Wunderland untergebracht ist

Foto: MATTHIAS KAUFMANN
Arbeiterschließfächer: Amerikanische Wüstendörfer, verkehrsgünstig gelegen

Arbeiterschließfächer: Amerikanische Wüstendörfer, verkehrsgünstig gelegen

Foto: MATTHIAS KAUFMANN
Hamburg: Mal wieder Stau. Nur die Strebe hinter dem Turm des Michel ist nicht naturgetreu

Hamburg: Mal wieder Stau. Nur die Strebe hinter dem Turm des Michel ist nicht naturgetreu

Foto: MATTHIAS KAUFMANN


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Inzwischen scheint der Unfall von Bus und Brummi gemeldet worden zu sein. Mit lautem Tatütata brausen ein halbes Dutzend Polizei- und Rettungswagen durch die Nacht und sichern die Unfallstelle. Als der Morgen dämmert, ist die Kreuzung wieder frei. Die Nacht dauert nur zwei Minuten im Miniatur-Wunderland.

"Mehr so'n Angeberding"

"Mehr so'n Angeberding"

Ob in jenem backsteinroten Kontorhaus in der Hamburger Speicherstadt tatsächlich die größte Anlage ihrer Art steht, ist nicht sicher. Die weltweite Konkurrenz ist schwer zu überblicken. Immerhin: In Deutschland ist das Projekt einmalig. Und mit dem gerade neu eröffneten Amerika-Abschnitt gehört das Miniatur-Wunderland zweifellos in den Kreis der größten Eisenbahnanlagen, die je gebastelt wurden.

"Die Frage nach dem Superlativ ist ja mehr so'n Angeberding", grinst Frederik Braun. Er ist gerade 35 Jahre alt geworden und sein schwarzes Haar schon ein wenig schütter. Für gewöhnlich flitzt er durch die Flure des Wunderlands wie ein Schnellzug durch den Pappmaschee-Grand-Canyon. Für ein Gespräch hat er die Bremsen angezogen und macht es sich mit einer Dose Red Bull gemütlich.

Wer einen typischen Modellbastler erwartet hat, wird von dem gelernten Bürokaufmann enttäuscht. Der drahtige Braun hat sein erstes Geld mit Partys verdient und das Techno-Plattenlabel EDM gegründet. "Soso, wie wir darauf gekommen sind?", wiederholt er die Frage und seufzt kurz. Dann zählt er auf: Den Urlaub in Zürich, das kleine Modellbahngeschäft in der Fußgängerzone, die Idee aus heiterem Himmel, wie ihn sein Bruder am Telefon für verrückt erklärte.

Speerspitze: Hochgeschwindigkeitszüge der Vergangenheit

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Foto: MATTHIAS KAUFMANN
Größenverhältnis: Der Hamburger Michel und Kennerblicke

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Foto: MATTHIAS KAUFMANN
Faltporsche: Unfallursache überhöhte Geschwindigkeit

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Foto: MATTHIAS KAUFMANN
Traumschloss: Erstellt aus drei Modellen des Baden-Badener Bahnhofs

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Foto: MATTHIAS KAUFMANN
Geschwindigkeitsrausch: Die Signale stehen auf Grün

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Foto: MATTHIAS KAUFMANN
Nachtgewächse: Für zwei Minuten wird es dunkel

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Er erinnert sich, wie er Freunde, Verwandte und Bekannte überzeugen musste: Warum sollte irgendjemand Geld bezahlen, um eine Modellbahn zu sehen? Braun kommt in Fahrt. Die Geschichte vom Begeisterungwecken weckt seine Begeisterung.

In der Stadt ohne Namen muss sich derweil ein Kätzchen auf einen Baum verirrt haben. Zumindest hört man, wie es herzerweichend miaut. Zuschauer sammeln sich. Schließlich rückt die Feuerwehr mit dem Leiterwagen an. Zufriedene Gesichter. Derweil spielt ein 2,2 Zentimeter großer Flötist einen Raum weiter, in der Hamburger Fußgängerzone, die Weise: "Wer nur den lieben Gott lässt walten".

Die ominöse "Sony Spacestation"

Im Sommer 2000, als Braun sich an die Arbeit zum Miniatur-Wunderland machte, wusste auch er nicht, ob seine Idee vielleicht in ein finanzielles Fiasko führt. Also machte er eine bundesweite Umfrage - per Spam-Mail. In den unerwünschten Nachrichten bat er um Mithilfe: "Welche der folgenden Sehenswürdigkeiten in Hamburg würden Sie als Tourist besuchen?" Dazu ein paar statistische Angaben zur Person. Der Trick: In der Liste der Sehenswürdigkeiten fanden sich ein paar, die es gar nicht gibt, darunter eine ominöse "Sony Spacestation" und die größte Modellbahn der Welt.

Braun bekam 3000 Antworten und war begeistert. 50 Prozent der Männer interessierten sich für seine Bahn. Frauen allerdings ließen sich dafür kaum erwärmen. Doch das Ergebnis war gut genug, um ihn und seine heutigen Mitstreiter zu überzeugen. Und die Bank, für die er vor lauter Dankbarkeit noch heute einen Superlativ findet: "Sie ist die mutigste der Welt!"

"Die Bank hat mich erst ausgelacht"

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Der Kreditberater habe ihn damals zunächst fünf Minuten lang ausgelacht, erinnert sich Braun. Ein Geschäftskonzept, das auf zwei A4-Seiten Platz findet, das war ihm noch nicht untergekommen. 14 Tage später sagte die Bank zwei Millionen Mark zu. "Wir hatten bei dem Institut einen guten Ruf", erklärt er. "Zehn Jahre lang haben wir eine Szene-Disko, das Voilà in Hamburg, betrieben, ohne je Schulden zu machen."

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Foto: MATTHIAS KAUFMANN


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Unterdessen beobachten zwei kleine Mädchen im Publikum des Wunderlands, wie mehrere Sträflinge aus dem Gefängnis am See auszubrechen versuchen. Offenbar haben sie sich an zusammengeknoteten Bettlaken aus dem Fenster abgeseilt und flüchten in die Berge. Eins der Mädchen entdeckt den Alarmknopf an der Brüstung, die die Modellwelt vom Besucheransturm trennt. Einmal drücken, und die Sirene heult los, während die Suchscheinwerfer auf dem Gefängnisbau kreisen.

Bisher knapp eine Million Besucher

Während die Kleine blinzelnd in die Suchscheinwerfer blickt, entdeckt ihre Freundin eine andere Taste. Plötzlich erwacht das Leben auf einem nahe gelegenen Partydampfer, der über den See schippert. Bunte Lampions schimmern und leise Tanzmusik weht über das gläserne Wasser.

Zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung des Miniatur-Wunderlandes scheint sich der Mut der Bank gelohnt zu haben. Zu der ersten, kleinen Anlage gesellte sich 2002 ein liebevoll gestaltetes Hamburg-Modell, nun lockt der gerade fertig gestellte Amerika-Abschnitt die Stammgäste erneut. Inwischen wurden vier Millionen Mark investiert.

Im Januar, so die Prognose, kann das Miniatur-Wunderland den millionsten Besucher begrüßen. Um die laufenden Kosten zu decken und die Kredite zu bedienen, brauchen Braun und seine Partner etwa 400.000 Gäste jährlich. Kommt nichts dazwischen, sind die Schulden 2011 beglichen.

In der Mini-Welt regnet es nicht

Für die jüngste Investition haben 24 Modellbauer in 40.000 Arbeitsstunden amerikanische Häuser, Straßen und Höhenzüge gebaut, nach den Plänen des Nürnberger Energieanlagenelektronikers Gerhard Dauscher Kabel und Gleise verlegt und mit der 22 PCs starken Steueranlage verknüpft. Die größte Brücke mit 2,8 Metern Spannweite streckt sich zwischen den Rocky Mountains, ein 13,5 Meter langer Güterzug mit 60 Waggons schlängelt sich am dekadenten Glitzer von Las Vegas vorbei, Endstation auf einem einsamen Steg in den Everglades.

Die nächsten hundert Quadratmeter Fläche sind bereits in Planung. "Aber wir machen erstmal eine Baupause", kündigt Braun an. Vieles müsse neu geordnet werden, die Strukturen im Unternehmen, "und auch die Arbeitsmoral". Mit einem Mal wirkt er wie ein Chef, wenn er mahnend anhebt: "Viele der Modellkünstler haben sich zu richtigen Diven entwickelt".

Ein letzter Blick auf den bunt beleuchteten Cola-Truck, dann geht es nach Hause. Eine Familie aus Köln steigt gerade gemächlich die Treppen hinab. Die Rückkehr in die eigene, die große Welt fällt dem Sohnemann nicht leicht: "Guck mal, Mami, draußen ist es ja schon dunkel."

Wenig später setzt leichter Nieselregen ein. Den gibt es noch nicht im Miniatur-Wunderland.