Dienstag, 17. September 2019

Casino-Karriere Ich geb' mir die Kugel

Gehen Sie in das Casino. Gehen Sie direkt dorthin, heißt es für manche Studenten nach der Vorlesung. Dann tauchen sie ein ins Panoptikum der Zocker und Blender. Und finanzieren sich ihr Studium mit Glücksspiel, ganz legal und ohne Risiko.

Wenn Hendrik genug hat von Algorithmen, Differenzialgleichungen und Reihenentwicklungen, geht er ins Casino. Der Informatikstudent finanziert sein Studium mit Glückspiel. Ganz legal und ohne Risiko - denn Hendrik ist die Bank: Er arbeitet zusammen mit einigen anderen Studenten als Croupier am Black-Jack-Tisch im Casino Aachen.

 Wohin des Weges, Kügelchen? Roulette-Tisch in Baden-Baden
DPA
Wohin des Weges, Kügelchen? Roulette-Tisch in Baden-Baden
Hendrik ist 23 Jahre alt und kommt aus Indonesien. Vor vier Jahren zog er nach Deutschland, lernte die Sprache, machte das Abitur und studiert nun im dritten Semester an der Fachhochschule Aachen. Nach Vorlesungen zu Datenbanken, numerischen Verfahren oder den Feinheiten der C++-Programmierung begibt er sich in ein völlig anderes Umfeld: Hendrik schlüpft in ein weißes Hemd, zurrt sich eine Fliege um, zieht ein schwarzes Sakko über. So sitzt er dann hinter einem Kartenschlitten, der bis spät in die Nacht automatisch gemischte Karten ausspuckt.

Bevor Hendrik sein Geld mit Glück verdienen konnte, musste er büffeln: Zwölf Wochen lang besuchte er Kurse der Spielbank, um dort Zahlenkolonnen und -kombinationen zu pauken - neben der Uni und unbezahlt. Es waren dieselben Kurse, die auch hauptberufliche Croupiers absolvieren müssen. Trotz der guten Vorbereitung war der Einstieg dann alles andere als ein Kinderspiel. "An meinem ersten Abend war ich so aufgeregt, dass ich am Tisch gezittert habe", sagt Hendrik, "ich habe mich nicht getraut, den Gästen in die Augen zu gucken."

Erst um vier Uhr morgens ist Feierabend

Alice Treusacher ging es vor dreieinhalb Jahren ähnlich - zumal sie schon am ersten Abend ganze Jahresgehälter hin- und herschieben musste. Die 23-Jährige studiert an der Fachhochschule Köln Dolmetschen. Gerade schreibt sie ihre Diplomarbeit und absolviert eine Ausbildung zur Polizistin. Bis vor kurzem saß sie zwei Abende in der Woche am Roulette-Tisch, und auch jetzt arbeitet sie noch im Casino, wenn Zeit bleibt.

Der Einsatz ist hoch: Wenn die Croupiers morgens um vier Uhr aus dem Personalsausgang trotten, sind sie müde und geschafft. Und bei rund zehn Euro Stundenlohn für ihre Nachtarbeit würde sich für Treusacher und die 85 anderen Studenten der drei Westspiel-Casinos in Nordrhein-Westfalen eine eigene Spielhölle im Studentenwohnheim mehr lohnen.

Treusacher liebt ihre Arbeit trotzdem: "Das Schönste an der Arbeit im Casino ist die Atmosphäre", sagt sie. "Das hat etwas Glamouröses. Es ist eine andere Welt." In der anderen Welt geht es bisweilen zu wie an der Börse. Ein Gast gibt Alice Treusacher einen 100-Euro-Jeton und ruft durch einen Menschenpulk hindurch: "Finale sechs à zehn." Flink legt Treusacher je einen 10-Euro-Jeton auf die Felder mit den Zahlen 6,16,26 und 36. Die restlichen 60 Euro bekommt der Gast zurück. Diese "Annonce" ist nur eine von rund 180 chiffrierten Kombinationen.

Roulettecroupiers müssen die Anordnung der Zahlen im Kessel im Schlaf herunter beten können. Das ist nicht jedermanns Sache. In Treusachers Croupier-Kurs waren anfangs 70 Leute. Aber nur acht haben durchgehalten und drehen jetzt die Schüssel für die Gäste ins Glück. Fingerfertig sein muss ein Croupier, ein Kopfrechenkünstler dazu.

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