Kamerahandys Spannen und Spionieren

Fotohandys sind ein Muss geworden, ihr Absatz boomt. Leider wird damit nicht fotografiert. Und wenn doch, dann nur blanke Hintern oder Fabrikanlagen. Komisch, sagen die Hersteller: So toll sind die Apparate doch gar nicht. Ein Drama in vier Akten.
Von Niels Kruse

1. Akt - Sorgen: viele Fotohandys, wenig Umsatz

Eigentlich können sich die Mobilfunkbetreiber freuen, denn 84 Prozent aller Deutschen nehmen ihr Telefon mit in die Ferien. Das bedeutet saftige Rechnungen für beide Seiten.

Unerfreulich hingegen die Nachricht, dass Urlauber, sofern mit Kamerahandy angereist, sich partout weigern, damit auch Fotos zu schießen.

Es sind aktuelle Umfrage-Ergebnisse wie diese von der Unternehmensberatung Mummert, die die Handybranche erschüttern müssen.

Nicht viel besser schneidet die neueste Telefongeneration bei einer Umfrage von AT Kearney in Zusammenarbeit mit der Cambrigde-Universität ab. In 15 Ländern wurden 5600 Handynutzer befragt: 97 Prozent aller Besitzer von Kameratelefonen haben es noch nie zum Knipsen benutzt.

2. Akt - Hoffnung: Fotohandys mit tollen Diensten

Dabei gehen die Kamerahandys trotzdem weg wie warme Semmeln. Allein Marktführer Vodafone  hat bereits 860.000 Stück verkauft.

Vodafone-Technikchef Thomas Geitner allerdings reicht das nicht. Er forderte jüngst: Wir müssen zusehen, dass unsere Kunden die Datendienste auch endlich nutzten.

Deshalb hat sich der Mobilfunkanbieter so schöne und praktische Dienste wie die MMS-Postkarte ausgedacht.

Die funktioniert so: Für nur 39 Cent können am Strand oder vor Sehenswürdigkeiten gemachte Mobilfotos in die Heimat geschickt werden, wo sie von der Deutschen Post  geschwind ausgedruckt und am nächsten (!) Tag zugestellt werden. Ist billiger als herkömmliche Karten, macht aber, wie gesagt, trotzdem niemand.

Schock und Erlösung

3. Akt - Schock: Fotohandys als Spannerspielzeug

Das heißt, ein paar "Early Adaptors", also Erstanwender, gibt es natürlich schon. Die konzentrieren sich aber auf die falschen Motive. So sah sich Australiens "Christlicher Verband junger Menschen" (YMCA) und der Bundesverband deutscher Schwimmmeister nun dazu genötigt, vor einem Missbrauch von Fotohandys durch Voyeure in öffentlichen Bädern zu warnen.

Es gehe nämlich derzeit die Unart um, per Kamerahandy in Umkleidekabinen hineinzuspähen und das unsittliche Ergebnis in Echtzeit auf andere Telefone, beziehungsweise ins Internet zu verschicken.

Und es kommt noch schlimmer: Samsung, einer der weltweit größten Handyhersteller, hat nun sogar die Benutzung der eigenen Produkte in seinen südkoreanischen Fabriken verboten. Der Elektronikkonzern fürchtet sich vor Industrie-Spionage.

"Die Verwendung der Geräte ist in einigen unserer sicherheitsempfindlichsten Entwicklungszentren ganz untersagt", heißt es dort. Auch BMW und BASF verfahren auf diese Weise.

4. Akt - Erlösung: Fotohandys unterentwickelt

Dennoch geben sich Handyhersteller und Mobilfunkbetreiber angesichts der unappetitlichen Angelegenheit gelassen. "Den Missbrauch von Fotohandys durch einige wenige verurteilen wir natürlich", so Heiko Witzke von Vodafone . Nicht ohne aber darauf hinzuweisen, dass das Problem grundsätzlich bei Kameras ganz allgemein liege. Einerseits.

Andererseits und ganz plötzlich seien die superschönen und tollen Telefone mit eingebauter Linse gar nicht mehr so toll und superschön, wie die Hersteller sonst immer lobpreisen. Die Auflösung tauge gerade einmal für die Darstellung auf anderen Handys oder in Postkartengröße auf dem Computermonitor, stapelt etwa Nokia  tief.

Konkurrent Siemens  packt sogar noch einen drauf: "Bei unseren Telefonen müssen Sie die Kamera sogar extra anbringen. Dazu kommt ein Blitzlicht und ein hörbares Auslösegeräusch", sagt Unternehmenssprecherin Anja Klein. "Deswegen sollte man bei der aktuellen Handygeneration auch eher von Schnappschusshandys sprechen."

Recht haben sie, die Handyproduzenten. Ihrer Dialektik zufolge haben moderne Kameratelefone im Grunde die Größe eines Bierkastens, die Tiefenschärfe von Milchglas und die Lautstärke einer Autohupe. Wie man damit ernsthaft spannen und spionieren will, bleibt ein Rätsel. Nicht nur in den Augen der Hersteller.

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