Heiner Thorborg

Diversity-Debatte Armutszeugnis für SAP

Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Erst Jennifer Morgan als Co-Chefin wegbeißen, dann Gleichstellung zum Unternehmensprinzip erklären: Das Beispiel des Dax-Konzerns SAP zeigt, dass Diversity ziemlich viel mit Haltung zu tun hat. Und ziemlich wenig mit Quoten.
Schminke für den SAP-Chef: Christian Klein ist ein Meister der Ironie

Schminke für den SAP-Chef: Christian Klein ist ein Meister der Ironie

Foto: Uwe Anspach / picture alliance/dpa/dpa-pool

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia definiert "Ironie" wie folgt: "Der Sprecher behauptet etwas, das seiner wahren Einstellung oder Überzeugung nicht entspricht, diese jedoch für ein bestimmtes Publikum ganz oder teilweise durchscheinen lässt." Demnach ist SAP-Chef Christian Klein ein Meister der Ironie. Kaum ist es ihm gelungen, seine weibliche Co-Chefin Jennifer Morgan loszuwerden, erklärt er Diversity zur Konzernstrategie und fordert weitreichende Quoten, beispielsweise auch für "People of Colour".

Quoten kommen als Ultima Ratio immer dann ins Spiel, wenn alle anderen Mittel erschöpft sind. Mit anderen Worten: Sie sind ein Armutszeugnis. Das zeigt nicht zuletzt die Geschichte der Gleichstellungspolitik in deutschen Unternehmen. Trotz aller Studien, dass divers geführte Betriebe finanziell erfolgreicher sind, führte die "freiwillige Selbstverpflichtung" zu mehr Frauen in Führungspositionen bestenfalls zu mehr Frauenbeauftragten (und auch die waren häufig männlich!). Sie führte nicht zu mehr Müttern im Management.

Packt die Kulturfrage an!

Schließlich hatten (vor allem weibliche) Politiker die Nase voll von männlichen Absichtserklärungen und schlugen zu: Erst mit einer Frauenquote für die Aufsichtsräte börsennotierter Gesellschaften, jetzt mit einer Quote für die Vorstände. Notabene: Auch im Jahr fünf des Gesetzes für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen gibt es bislang mit Simone Bagel-Trah nur eine einzige weibliche Aufsichtsratschefin im Dax.

Diversity hat mit Offenheit zu tun, mit Lust auf Neues, mit Toleranz, mit Neugier auf andere, fremde Perspektiven. Chancengleichheit kann nur entstehen, wenn es tatsächlich Chancen für alle gibt. Die Voraussetzung dafür ist eine spezifische Haltung in einem Unternehmen, eine geistige und ethische Grundeinstellung, also eine Unternehmenskultur, in der Verdienste und Ideen mehr zählen als Geschlecht, Hautfarbe oder die Zugehörigkeit zu irgendwelchen Netzwerken.

Bei SAP scheint es genau diese Kultur nicht zu geben. So kamen nach einer wichtigen Präsentation zum Geschäft mit der Cloud jüngst Fragen aus dem Publikum, warum das Panel so männlich besetzt sei. CEO Klein nuschelte daraufhin irgendwas davon, wie wichtig ihm Vielfalt sei. Irgendwer muss ihm dann beigebogen haben, dass dies keine kommunikative Glanzleistung war und nun will er Flagge zeigen. Das Ergebnis ist seine Forderung nach weitreichenden Quoten, auch für Leute, die keine reinweiße Haut haben. Klein sagt: "Nur wenn wir divers sind, treffen wir gute Entscheidungen und entwickeln neue Ideen."

Immer neue Quoten werden es nicht richten

Im Umkehrschluss könnte man auch sagen: Weil die Walldorfer keine wirklich offene Kultur haben, gebricht es SAP an guten Entscheidungen und neuen Ideen. Das zumindest scheint der Markt zu glauben, denn die globale Konkurrenz hat SAP beim Cloudgeschäft weitgehend abgehängt: Während der Corona Krise ging es mit den Aktienkursen der internationalen Konkurrenz deutlich nach oben, SAP konnte jedoch nicht mithalten.

Neue, weitreichende Quoten für die Minderheiten im Unternehmen werden es nicht richten. Wie sollte das auch gehen? Quoten für Mitarbeiter über 50? Für Menschen mosaischen oder muslimischen Glaubens? Für Seh- und Gehbehinderte? Solche innerbetrieblichen Auflagen bringen nicht nur unerwünschte Bürokratie mit sich, sondern senden auch die falsche Botschaft – nämlich die, dass die angesprochenen Gruppen im Unternehmen ohne sie kein Bein auf die Erde brächten.

Es müsste vielmehr auch in Walldorf eine integrative Unternehmenskultur her, die Chancengleichheit zur gelebten Realität macht – und damit hoffentlich auch die innovativen Ideen. Jennifer Morgan wegzubeißen, hat das Unternehmen auf diesem Weg sicher nicht vorangebracht.

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.