Berlin Marathon: Finisher-Medaillen und Urkunden locken uns Saison für Saison an die Startlinien
Berlin Marathon: Finisher-Medaillen und Urkunden locken uns Saison für Saison an die Startlinien
Foto: Tilo Wiedensohler / imago images/Camera 4

Lauftipp des Monats Wann hört die Lauf-Challenge auf und wo fängt Besessenheit an?

Frühjahrs-Marathon, Gebirgslauf, neue Bestzeit: Jeden Monat suchen sich Läufer eine neue Challenge. Doch es geht auch viel einfacher und entspannter: Also, suchen Sie sich Ihre persönliche Challenge und werden Sie süchtig danach!
Von Sonja von Opel

Hand aufs Herz: Warum laufen Sie? Was treibt Sie an? Wenn ich in meinen Workshops und Laufcamps diese Frage in die Runde werfe, kommen in der Regel diese vier Antworten:

Weil ich fit und gesund alt werden will.

Weil ich abnehmen möchte.

Weil ich ein bestimmtes Ziel erreichen möchte.

Weil ich zu mir finden und Stress abbauen will.

Das sind alles ganz fantastische Gründe, um zu laufen und ja, wer sich an ein paar Trainingsregeln hält, wird auch genau das mit dem meiner Meinung nach besten Sport der Welt erreichen. Wäre da nicht unsere genetische Programmierung, die im Grunde genommen auf heutzutage drei kontraproduktive Fakten ausgelegt ist: Nahrungsaufnahme, Arterhaltung und Energiesparen. Wer an den sogenannten "inneren Schweinehund" glaubt, der weiß, dass das seine Antriebsfedern sind. Futtern, fortpflanzen und faul rumliegen.

Dem stehen wir Läufer mit unseren klugen Wünschen, die wir an unseren Sport haben, ziemlich machtlos gegenüber. Naja, nicht ganz. Wir haben schließlich eine ganze Trickkiste entwickelt, aus der wir uns heute bedienen können, um regelmäßig die Laufschuhe zu schnüren. Messgeräte und Fitnesswaagen bescheinigen uns regelmäßig, dass wir mit dem Laufen auf dem richtigen Weg in die gesunde Altersklasse sind.

Finisher-Medaillen und Urkunden locken uns Saison für Saison an die Startlinien verschiedener Volksläufe. Und unser schlankes und ausgeglichenes Erscheinungsbild bestätigt uns auf jeder Familien- oder Firmenfeier, dass wir mit dem Laufen beim Thema Work-Life-Balance alles richtig machen.

Sonja von Opel
Sonja von Opel

Sonja von Opel ist Laufexpertin und Lebensläuferin. Mit einer Marathonbestzeit von 2:52h und als erfolgreiche Ultraläuferin gibt sie ihr Wissen und ihre Liebe zum Laufen in Laufcamps, Vorträgen, Büchern und vor allem als Online-Coach von über 100 Athleten pro Saison mit großer Begeisterung weiter. Als Geschäftsführerin der "Sonja von Opel Sports GmbH" bewegt sie nicht nur ihre Athleten vom Schreibtisch aus, sondern veranstaltet das ganze Jahr hindurch Laufreisen, Trainingscamps und Sportevents: www.sonjavonopel.com 

Trotzdem frage ich mich, wie legitim es ist, wenn man als eingefleischter Lebensläufer seine Motivation regelmäßig aus einer Challenge bezieht, statt einfach nur dem inneren Ruf nach der Bewegung auf zwei Beinen zu folgen. Im Januar laufen wir jeden Tag mindestens eine Meile, weil der "Januar-Streak" einfach zum guten Läuferton gehört.

Im Frühling rennen wir gemeinsam mit dem Lauftreff natürlich wie immer beim Halbmarathon mit. Im Hochsommer wetten wir mit dem Nachbarn, ob wir es wohl schaffen, den höchsten Berg der Region im Laufschritt zu erobern.

Muss es immer eine Challenge sein?

Im Herbst versuchen wir unsere längst fällige Marathon-Bestzeit aufzustellen und natürlich wird im Dezember das Jahr mit dem traditionellen Silvesterlauf beendet. Warum ich meine eigenen Parolen gerade so negativ sehe? Weil ich in diesen Tagen wie eine Besessene einer grandiosen Challenge verfallen bin und mich frage, ob das schlimm ist. Mein Jahr 2022 steht unter dem Motto, in jedem Bundesland eine Marathonstrecke zu laufen. Es geht dabei nicht um die großen Stadtmarathons auf Asphalt, sondern vielmehr um landschaftlich reizvolle Routen, die von Streckenpaten liebevoll in jedem der 16 Bundeländer angelegt wurden.

Auf der Seite www.4216.de  kann man sich registrieren, die GPS-Daten runterladen und dann wann immer es zeitlich in den Kram passt, der Route im eigenen Tempo wie bei einer Schnitzeljagd folgen. Wunderbare Sache! Ich habe schon über die Hälfte der Bundesländer im Kasten und es ist noch nicht mal Ostern. Ich bin sowas von angefixt, dass ich mittlerweile meine komplette Freizeit darauf verwende, quer durch die Republik zu reisen, um in Brandenburg die Seelandschaft zu erkunden, an der Wümme in Niedersachsen durch das Hochwasser zu rennen, auf Föhr gegen den Wind zu kämpfen oder in Bayern mit Blick auf Schloss Neuschwanstein den nächsten Marathon einzukassieren.

Zugegeben, ich trainiere auch gerade für meinen ersten 100-Kilometer-Lauf und da passt diese verrückte Aktion ganz gut in den Trainingsplan. Aber ein wenig wundert es ich mich schon, wie leicht meinen Füßen die vielen Kilometer fallen, weil mein Kopf es unbedingt will. Und jetzt komme ich wieder zur Ausgangsfrage: Ist das schlimm? Muss wahre Motivation immer intrinsisch sein, also ganz alleine von innen herauskommen? Oder darf sie von äußeren Faktoren befeuert werden.

Ich sage: Sie darf! Denn wenn es nach der genetischen Programmierung unserer noch immer in der Steinzeit stehengebliebenen Körper ginge, wir würden uns maximal zur Jagd bewegen und ansonsten nur rumliegen, um Energie zu sparen, so viel futtern, wie wir fassen können und schauen, dass wir möglichst viele Nachkommen zeugen. Angesichts der Menschheit in der Neuzeit ist es ein sehr viel besserer Plan, wenn wir mit dem Zug von Bundesland zu Bundesland fahren, um dort Marathons zu sammeln. Hält fit, macht schlank und ist ungemein befriedigend und Stress abbauend.

Also, suchen Sie sich Ihre Challenge und werden Sie süchtig danach. So lange die Sucht mit dem Laufen zu tun hat, ist das total legitim.