Donnerstag, 17. Oktober 2019

Training mit Elektrostimulation Unter Strom

Training mit Elektrostimulation: Prickelnde Sporteinheiten
TMN

Kurze Trainingseinheiten mit hohem Wirkungsgrad, geringe Verletzungsgefahr und effektive Rehabilitationshilfe: Mit der Elektromuskelstimulation, kurz EMS, verspricht die Fitnessindustrie viel. Was steckt hinter dem Konzept?

Köln - Ein Kribbeln durchfährt den Sportler. Etwa so, als würde gerade ein eingeschlafenes Körperteil wieder durchblutet. Niederfrequenter, also ganz schwacher Strom, wird durch die Muskeln geleitet, die sich dadurch anspannen und so gekräftigt werden sollen. Das ist das Grundprinzip der Elektromuskelstimulation (EMS), medizinisch auch Elektromyostimulation genannt.

"Umfragen haben ergeben, dass viele Spitzentrainer EMS einsetzen oder es kennenlernen wollen", sagt Heinz Kleinöder, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln. Kleinöder ist Leiter der Abteilung Kraftdiagnostik und Bewegungsforschung und hat selbst unter anderem eine EMS-Studie mit Profifußballern durchgeführt. Das Ergebnis: eine effektive Steigerung der Leistungsfähigkeit, vor allem im Hinblick auf Schnelligkeit.

"Es gibt mehrere Studien mit sehr positiven Ergebnissen", sagt er. Im Fokus stehe dabei allerdings meist die Stimulation einzelner Muskelgruppen. Über aufgeklebte Elektroden werden beispielsweise nur die Oberschenkel angesprochen. Das Ganzkörpertraining mit EMS, bei dem elektrische Impulse gleichzeitig von den Oberschenkeln bis zu den Schultern eingesetzt werden, ist noch vergleichsweise neu.

Anbieter des Ganzkörper-EMS sind zum Beispiel die Ketten Fitbox und Bodystreet. In Berlin lassen sich Trainierende nahe des ehemaligen Checkpoint Charlie vom Bürgersteig aus durch eine große Schaufensterscheibe in einer Bodystreetfiliale beobachten. "Man sieht dabei ein bisschen aus, als wäre man in einer Taskforce", umschreibt Inhaber Christian Musche die ungewöhnliche Kleidung.

Nicht mehr als 20 Minuten

Über eine spezielle, saugfähige Radlerhose plus T-Shirt wird eine mit Elektroden bestückte, angefeuchtete Weste gezurrt. An Oberschenkeln, Bauch, Rücken und Armen stecken dünne Kabel in Kontakten, eine dickere Leitung verbindet den Trainierenden mit dem EMS-Gerät. Das hat einen Griff und für jede Körperpartie einen Regler, mit dem die Stromzufuhr gesteuert wird.

"Absolute Kontraindikationen für EMS sind ein Herzschrittmacher, Schwangerschaft und eine bakterielle oder virale Erkrankung", erläutert Yvonne Kröhl, Filialleiterin und Trainerin in der Bodystreet-Filiale. Bei anderen medizinischen Auffälligkeiten muss ein Arzt zu Rate gezogen werden, etwa bei Diabetes, einem Implantat oder einer neurologischen Erkrankung.

Dann sei ein Training gegebenenfalls nur mit therapeutischer Betreuung möglich, betont Johannes Pommerien, EMS-Experte im Verband Deutscher Fitness- und Gesundheitsunternehmen. "Mittlerweile kennen die meisten Ärzte diese Methode und können eine Einschätzung abgeben", sagt Pommerien, der EMS bei seinem Personal Training einsetzt. Diese individuelle Betreuung leisten sich offenbar immer mehr Menschen mit wenig Zeit, dafür etwas mehr Geld.

"Zu uns kommt eigentlich nicht der klassische Fitnessstudio-Gänger", sagt auch Christian Musche. "Bei der Lage mitten im Geschäftsviertel kommen viele vor oder nach der Arbeit kurz vorbei." Einmal die Woche sei das sinnvoll. Mindestens 19,90 Euro kostet hier eine Trainingseinheit. Mehr als 20 Minuten sollte das Training nicht dauern, fügt Sportwissenschaftler Kleinöder hinzu. Er hält EMS auch im Breitensport für sinnvoll. "Damit kann man sehr gut an der Körperwahrnehmung arbeiten", sagt er.

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