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Fahrrad-Test: Der Edel-Crosser

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Gelände-Renner im Test Carbon + Schlamm = Tempo

Winterzeit heißt Abschied nehmen vom Sirren der Rennräder, vom Spiel des Sonnenlichts in den Speichen. Aber nicht vom Radfahren - denn Cyclocrosser wie das Stevens Super Prestige fühlen sich bei Regen und Schlamm erst richtig wohl.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Es ist kalt, um die 5 Grad, es nieselt - eine Tasse Kaffee wäre jetzt das richtige. Wäre. Denn ich sitze auf gut 8 Kilo Carbon, Aluminium und Gummi und schaue von einem Hügel in das Tal der Oberalster. Träge fließt das braune Band des Flusses vorbei, ein Fußweg windet sich daran entlang. Doch bis dahin sind es zwanzig Meter Abhang. Braune Erde, von gelben Blätter halb zugedeckt, von Baumwurzeln gefurcht. Eigentlich nicht besonders steil. Nur eben vom Sattel eines Rennrads aus. Ach was, eines Cyclocrossers. Aufsitzen und hinunter - es rauscht und schon liegt der Abhang hinter mir, der Wanderweg saust unter den Knubbelrädern davon.

Ein Rennrad auf Amphetamin, gewissermaßen. Breitschultriger, bissiger. Federung? Unfug. Eigentlich ein Anachronismus in einer Zeit, in der die meisten Fahrräder eine Federgabel haben. Aber ein Anachronismus, der Spaß macht. Der schnell ist und beschleunigt wie eine Herbstböe im Wald.

Cyclocross ist eine vergleichsweise alte Sportart, die erst in den vergangenen Jahren wieder Freunde gefunden hat. Ursprünglich waren es Radrennfahrer, die ihre Form über den Winter retten wollten. Entsprechend nutzten sie, was bei der Hand war - ausrangierte Straßenrahmen mit etwas dickeren Reifen. So war es früher. Heute ist es Hochtechnologie auf zwei Rädern. Ein Carbonrahmen zum Beispiel im Fall des Stevens Super Prestige, Scheibenbremsen und ein geringes Gewicht - eine Art Skalpell für den Wald. Es braucht eine feste Hand, das Skalpell. Zum entspannten Stromern ist es nicht gemacht, sondern zum Speeden. Bequeme Froglegs, jene Extrabremshebel am Oberlenker? Fehlanzeige.

Wer sich auf dieses Konzept einlässt, den belohnt es mit gnadenlosem Vortrieb. Blätter knistern kurz unter den Reifen, die Regentropfen wischen vorbei. Es rollt & rauscht. Das eigene Tempo wird erst bewusst, wenn die seltenen Fußgänger zusammenzucken - nochmals ein Pardon an den Herrn in der roten Jacke.

Roll & Rausch

Trotzdem hat man nie das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Die Lenkung reagiert prompt, die Bremsen noch mehr als prompt. Dabei waren Scheibenbremsen lange ein No-Go für Crosser, so wollte es der Radverband Union Cycliste International (UCI). Irgendwann folgte dann der Gesinnungswechsel, Scheibenbremsen wurden für Rennen zugelassen. Seitdem werden Cyclocross-Räder vor allem mit den untertassengroßen Silberlingen ausgeliefert. Ihre Vorgänger, die Cantilever-Bremsen, sind nur noch selten zu finden.

Für Profifahrer mag das kaum einen Unterschied machen, für den Normalradler schon. Denn das normale Habitat des Crossers ist Schlamm. Und der bildet auf der Felge schon während einer Fahrt eine sandpapierartige Schicht. Greift nun die klassische Felgenbremse zu, raspelt sie nach und nach den Dreck ab, aber auch etwas von der Felge. Und irgendwann wird sie instabil. Kein Wunder also, wenn die meisten Kunden zur Scheibenbremse greifen, auch wenn die in der Wartung möglichweise etwas anspruchsvoller ist. Im Fall des Super Prestige wird sie hydraulisch angesteuert, ein Fluid leitet also den Befehl zum Zupacken weiter, nicht ein Bowdenzug. Kurzer Test im Regen - das Rad furcht den Weg und steht. Trotz des Nieselregens.

Wer das Super Prestige weg vom Dreck auf die Straßen der Stadt lenkt, merkt schnell - das Rad wäre auch ein Hochgeschwindigskeitspendler. Ein Pendler, der viel mehr verzeiht als ein reinrassiges Straßenrennrad. Weil die Schlaglöcher, die Querrillen ihren Schrecken verlieren. Und dort auf glattem Asphalt spielt die elektrische Schaltung Di2 auch ihre Stärken aus - zumindest ihre akkustische Stärke.

Statt eines Bowdenzugs leitet bei ihr ein Draht den Schaltimpuls an Umwerfer oder Schaltwerk weiter. Dort legt dann ein kleiner Elektromotor los. Und statt des üblichen Knirschens ertönt nur ein leises Kratzen, wenn die Kette auf einen anderen Kranz geschoben wird. Elegante Stille, die im Gepolter und Geknirsch von Feld-, Wald- und Wiesenwege leicht zu überhören ist. Nur eine kurze Berührung des Schaltfelds am Bremsgriff, auf glattem Untergrund fällt sie leichter als im Gelände, schon sitzt der nächste Gang. Sprint an einem Auto vorbei, dann ausgebremst von einer Ampel. Kurzer Plausch mit einem Rennradler. "Da unten gehts zum Schlamm, macht mehr Spaß", sagt er und weist mit dem Daumen die Richtung Alster. Recht hat er.

Hauptsache schnell

Parallel zum Wanderweg und 15 Meter höher zieht sich ein Pfad am Fluss entlang. "Trail" würde es der Mountainbiker nennen. Links die Zäune, rechts der bewaldete Abhang. Feuchter und weicher Waldboden. Eine schnelle Linkskurve, kein Problem. In der folgenden Rechtskurve abzubremsen, ebensowenig. Die Bäume lassen wenig Platz, dann ein Abhang. Bergab ist das Fahren etwas gewöhnungsbedürftiger - weil das Rad für die Rennstrecke konzipiert ist, fehlen ihm die genannten Froglegs. Wer bergab fährt, muss also die Hände an die Bremsgriffe weit vorn legen und sich entsprechend vorlehnen. Ungewohnt, weil es sich nach einem Überschlag anfühlt.

Doch wenn der Hintern auf dem Sattel ein wenig zurückrutscht, kommen Super Prestige und Fahrer gut zurecht. Genau das ist es auch, was dem Rad am meisten liegt - hohes Tempo, Schlamm, bergauf und bergab. Ein Dreckstück eben. Aber was für eins.

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