Donnerstag, 27. Juni 2019

Tiefschneekurs am Stubaier Gletscher Was man beim Tiefschneekurs lernt

Freeriden: Kontrolliert kurven
TMN

Skifahren abseits der Piste: Das muss man sich trauen, denn selbst mit breiten Freeride-Brettern ist das Fahren im Gelände eine Herausforderung. Ein Tiefschneekurs kann helfen, sie zu bewältigen - und den Umgang mit Lawinen zu lernen.

Girlanden fahren klingt hübsch - und fühlt sich albern, fast demütigend an. Schnurgerade quert Thomas Engl die Piste und drückt rhythmisch die Knie Richtung Hang. Meint er das ernst? Sollen wir das Skifahren neu lernen? In gewisser Weise ja. Obwohl jeder in diesem Kurs viele Jahre Erfahrung hat - aber eben nur auf der Piste. Nun aber sollen wir auf dem Stubaier Gletscher in drei Tagen lernen, unplanierte Hänge kontrolliert hinabzukurven.

"Das Hauptproblem beim Umstieg von der Piste ins Gelände ist für viele, dass sie in Rücklage geraten", sagt Engl. "Damit habe selbst ich noch manchmal zu kämpfen." Dabei ist der 29-jährige Südtiroler Bergführer und damit diplomierter alpiner Alleskönner. "Aber bis zur Ausbildung bin ich fast nur auf der Piste gefahren", gibt er zu. Um die leidige Sache mit der Rücklage in den Griff zu bekommen, lässt Engl seine Gäste erst mal nach vorne lehnen, wie Skispringer. "So, und jetzt die Hüfte zurück. Das ist die richtige Haltung."

Denn nur wenn man mittig auf dem Ski steht, über dem Schwerpunkt, könne man ihn mühelos drehen. Klingt logisch. Bis wir das erste Mal von der Piste in den Tiefschnee fahren. Nach zwei Schwüngen falle ich kopfüber. Ski suchen, weitermachen. "Verliert nicht das Vertrauen, wenn die Skispitzen im Schnee verschwinden", sagt Engl. Überhaupt, sich zu trauen ist wichtig. Statt ängstlich nach einem Schwung die Schultern einzudrehen, sollen wir sie Richtung Tal geöffnet halten. "Nur die Beine bewegen sich", sagt Engl. "Skifahren ist Kniefahren."

Bald zeigt sich, dass jeder im Kurs seine eigenen Baustellen hat. Der eine hält die Arme zu eng, der andere legt sich zu stark in die Kurve. Und ich sitze immer noch zu weit hinten. Trotzdem lobt uns Engl ständig. "Heute fahrt ihr alle deutlich besser", sagt er am zweiten Tag schon morgens. Und lässt uns von der Bergstation am Daunjoch mit geschulterten Skiern auf einen Grat stapfen.

Stubaier Gletscher
Anreise
Mit dem Zug oder Flugzeug nach Innsbruck, von dort geht es per Bus weiter ins Stubaital.
Reisezeit
Auf dem Stubaier Gletscher kann man von Oktober bis Juni Skifahren.
Tiefschneekurse
Sie werden von vielen Alpinschulen angeboten. Bei Alpine Welten kostet der dreitägige Kurs auf dem Stubaier Gletscher inklusive Hotel mit Halbpension ab 510 Euro.
Unterkunft
In den Dörfern des Stubaitals gibt es viele Hotels und Pensionen. Wer sich die tägliche Anfahrt zur Talstation sparen will, kann sich auf der Dresdner Hütte mitten im Skigebiet einquartieren.

Die Aussicht ist überwältigend: auf der einen Seite ein Gletschertal, auf der anderen Seite Reihen weißer Gipfel, gekrönt vom Zuckerhütl, dem höchsten Gipfel der Stubaier Alpen. Jauchzen, Gruppenfotos. Und dann Demut lernen. Im schweren Filzschnee scheint das Gelernte mit einem Schlag vergessen. Die Ski kreuzen sich, flattern, verkanten. Buckel hebeln einen aus, Mulden stauchen zusammen.

"Die Geschwindigkeit zu kontrollieren ist das A und O im Gelände", sagt Engl. Immer wieder lässt er uns den Rhythmuswechsel üben: kurze Schwünge für steilere Abschnitte, längere Carving-Schwünge für flache Hänge. Denn ein Sturz im Tiefschnee mag nicht so schmerzhaft sein wie auf einer betonharten Piste. Aber er kann lebensgefährlich sein.

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