Schlafseminar im Hotel Teure Schläferstündchen

Hotels haben die erholsame Nachtruhe als Wettbewerbsargument erkannt. Schlechtschläfer sind eine lukrative Zielgruppe. Es gibt Schlafconcierges, Coachs und Spezialbetten - doch damit Aromatherapien und Klangkissen ihre volle Wirkung entfalten können, müssen die Gäste auch an sich arbeiten.
Von Kirsten Schiekiera
Guter Schlaf ist teuer: Extras wie schlaffördernde Drinks oder eine Beratung beim Schlafcoach lassen sich Hotels gut bezahlen

Guter Schlaf ist teuer: Extras wie schlaffördernde Drinks oder eine Beratung beim Schlafcoach lassen sich Hotels gut bezahlen

Foto: Corbis

Berlin - Es war eine simple Umfrage mit einem erstaunlichen Ergebnis. Als die Westin Hotel Gruppe im Jahr 1999 ihre Gäste befragte, was für sie einen gelungenen Hotel-Aufenthalt ausmacht, antwortete das Gros: Guter Schlaf.

Und so investierte die Hotelkette mehr als 30 Millionen US-Dollar in neue Betten und produzierte knapp 100.000 Mal das "Heavenly Bed". Auf den Federkernmatratzen sollen jetzt mehrere Laken, Decken, Nackenrollen und hypoallergene Kissen beim Ein- und Durchschlafen helfen. Die Investition lohnte sich, die Buchungen stiegen schnell. Das "Heavenly Bed" kam bei den Gästen so gut an, dass es tausendfach für Privathaushalte geordert wurde.

Seitdem haben auch andere Hotels den sensiblen Schläfer als Klientel entdeckt. Das New Yorker Hotel "The Benjamin" beschäftigt eine Schlafconcierge, die sich vorab nach den Schlafgewohnheiten der Gäste erkundigt und ein Dutzend verschiedener Kissen bereit hält. Auf Wunsch bietet die Dame auch spezielle Einschlafmassagen an und stellt in den Zimmern Geräuschmaschinen auf, die Wasserplätschern, Vogelgezwitscher oder einen brummenden Fernseher imitieren.

Die Marriott-Gruppe wirbt mit einem Bettenkonzept namens "Revive Bed", die Crowne Plaza Hotels mit ihrem Sleep Advantage®-Programm. In den Häusern der Gruppe wurden besondere Ruhezonen geschaffen, in denen weder Familien mit Kindern noch größere Reisegruppen einquartiert werden. Aroma-Öle und ein Podcast mit Schlaftipps sollen den Gästen ebenfalls zu einer besseren Nachtruhe verhelfen.

Die lukrative Zielgruppe der Schlechtschläfer

Die Zielgruppe der Schlechtschläfer ist vor allem in den Industrienationen groß. Im statistischen Mittel stehen die Deutschen um 6.18 Uhr auf und kommen nur auf sieben Stunden Schlaf. "Studien und Umfragen haben haben gezeigt, dass in Deutschland nur etwa zwei bis zehn Prozent der Erwachsenen mit der Qualität ihres Schlafes voll und ganz zufrieden sind", sagt Lutz Hertel, Vorstand des Wellness-Verbandes. Der Diplom-Psychologe hat ein ganzheitliches Schlaf-Wellness-Programm entwickelt, das von einigen Mitgliedern des Verbands "Premium Selection Hotels" bereits angeboten wird.

Das Streben nach gesundem Schlaf und einem wachen Geist beginnt in diesen Hotels in aller Frühe. Wer unter Wellness bislang hauptsächlich passives Tun wie das Herumlümmeln in einem Jacuzzi oder den Genuss einer Klangschalen-Massage verstand, wird hier eines Besseren belehrt.

Nach Möglichkeit sollten die Gäste gleich nach dem Aufstehen Atem-Übungen am offenen Fenster absolvieren und danach ein kohlenhydratreiches Frühstück mit Müsli- und Vollkorn-Backwaren zu sich nehmen. Bewegung im Freien und ein proteinreiches Abendessen sollen dafür sorgen, dass die Hotelgäste abends ordentlich müde in ihre Betten sinken.

"Unsere Gäste üben unter Anleitung für einige Tage ein, wie man ein gesundes Schlafverhalten entwickeln kann. Dabei erleben sie, wie vital man sich körperlich und geistig fühlen kann, wenn man gut schläft", so erklärt Lutz Hertel das Ziel des Programms. Derzeit bildet Hertel so genannte Schlaf-Coachs aus. Die Servicemitarbeiter werden die Gäste während ihres Hotel-Aufenthalts beraten. Wer das eigene Schlafverhalten ergründen will, kann in den Hotels ein Gerät namens Zeo Sleep Manager ausleihen. Ein Stirnband mit Sensoren überwacht die nächtlichen Schlafphasen und sendet morgens ein Protokoll ans Smartphone.

Mit Soundkissen und Schokodrink gegen Schlaflosigkeit

Nach einem ähnlichen Prinzip, jedoch auf Businessreisende zugeschnitten ist das "Deep-Sleep-Konzept" des Berliner Swissotels, das mit einer Beratung durch medizinisch geschultes Personal startet. Da vermutlich nur die wenigsten Geschäftsleute bereit sind, Atemübungen am offenen Fenster zu absolvieren und der vielbefahrene Kurfürstendamm zudem keine geeignete Kulisse bildet, starten die Gäste hier mit einem eiskalten Fruchtcocktail im den Tag. Anschließend versetzt ein 10.000 Lux starkes Lichttherapiegerät das Hotelzimmer eine halbe Stunde lang in simuliertes Tageslicht der besonders grellen Sorte.

Das Konzept des Schweizer Schlafmediziners Michael Feld erstreckt sich ebenfalls den ganzen Tag - inklusive kurzem Mittagsschläfchen auf einer "Power-Nap-Liege" und Aromatherapie, Zum Abschluss des Tages gibt es einen schlaffördernden Schokodrink, dann lullt ein Soundkissen die Schlafgäste in meditative Musik - auf dass die Lider bleischwer werden.

Das Service-Paket kostet 60 Euro pro Nacht zusätzlich zum Zimmerpreis, gegen einen weiteren Aufpreis kann man dort im Hotelzimmer eine professionelle Schlafanalyse durchführen lassen. Die mobilen Geräte, die dabei zum Einsatz kommen, werden direkt am Körper getragen und kommen mit verhältnismäßig wenig Kabeln aus.

"Durch die Analysen kann man feststellen, ob medizinische Ursachen schuld daran sind, wenn ein Mensch schlecht schläft. Allerdings sind ungefähr 80 Prozent aller Schlafstörungen sind nicht medizinisch bedingt, sondern werden durch ungünstige Verhaltensweisen verursacht ", erklärt Samia Little Elk, Fachärztin für Psychosomatik und Leiterin des unabhängigen Schlaflabors, das mit dem Berliner Swissotel kooperiert.

Zu viel Arbeit, zu viel Grübelei

Schuld sei die moderne Lebensweise: Zu wenig Bewegung, zu wenig frische Luft, gepaart mit zu viel Arbeit und zu viel Grübelei. Außerdem würden, wie die Ärztin erklärt, viele Menschen den Einfluss unterschätzen, den künstliches Licht auf die biologische Uhr hat.

Von Natur aus ist der Mensch darauf gepolt, im Hellen wach und fit zu sein, nach einer Phase der Dämmerung, setzt dann im Dunkeln die Müdigkeit ein. Dieser natürliche Rhythmus wird gestört, wenn man am den ganzen Tag unter Neon-Licht lebt und arbeitet oder wenn Bildschirme bis in die späte Nacht flimmern.

"Schlechter Schlaf hat aus Sicht der menschlichen Evolution durchaus einen Sinn. Früher schliefen die Menschen in Höhlen und mussten in Stress-Situationen, wenn Gefahr im Verzug war, schnell flüchten. Diese Fluchtimpulse sind geblieben, auch wenn heute keine Gefahr mehr im Verzug ist", erklärt Samia Little Elk.

Und so gilt es, die Störfaktoren auszuschalten, auf dass die Fluchtimpulse ausbleiben. Wer - egal ob zuhause oder im Hotel - erholsamen Schlaf sucht, sollte deshalb für ausreichend Bewegung sorgen, den Laptop in den Abendstunden auslassen und Alkohol nur in Maßen trinken. Da sich der moderne Mensch in Sachen Schlaf offenbar selbst der größte Feind ist, sind die beste Matratze und die engagierteste Nackenmassage nur ein Schritt von vielen auf dem Weg zu einer guten Nacht.

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