Fotostrecke

Steinzeit-Treffen: Paleo Convention in Berlin

Foto: Sarah Tschernigow

Paleo Convention in Berlin Vegan speisen? Steinzeit-Futter ist der neue Goldstandard

Vor einigen Jahren galten Vegetarier als Exoten und Veganer als durchgeknallte Freaks. Doch sie haben Konkurrenz bekommen: von Paleo. Die Anhänger essen, was es schon in der Steinzeit gab. Am vergangenen Wochenende zeigten sie ihre Kunst auf Europas erster Paleo Convention in Berlin.
Von Sarah Tschernigow

Um es gleich klar zu stellen: Paleo-Anhänger essen durchaus mit Messer und Gabel, sie tragen normale Klamotten und besitzen auch ein Smartphone. Allerdings hat das Handy beim Essen nichts auf dem Tisch zu suchen. Die Mahlzeiten sollen zelebriert und nicht in einer "to go"-Mentalität nebenbei verzehrt werden. Gegessen wird bei Paleo das, was es auch schon im Paläolithikum gab: Fleisch, Gemüse, Früchte, Nüsse und Samen. Kein Getreide, kein Zucker, keine Milchprodukte und schon gar kein industrielles Fertigessen.

Auf dem Food Market der Paleo Convention wird schnell klar, dass die eingeschränkte Küche ohne Geschmackverstärker alles andere als langweilig ist. Am Stand von "Ghetto Paleo" gibt es Curtido, eine exotische Form von Rohkost, das die Macher so erklären: "Curtido ist eine Spezialität aus Südamerika, scharfes Sauerkraut mit Chili, Oregano und Knoblauch. Es wird traditionell mit frittiertem Schweinebauch und Manjok in einem Bananenblatt gegessen." So so.

Scharfe Rohkost: Curtido ist Sauerkraut nach sÃ?damerikanischem Rezept, mit Chili, Oregano und Knohblauch.

Scharfe Rohkost: Curtido ist Sauerkraut nach sÃ?damerikanischem Rezept, mit Chili, Oregano und Knohblauch.

Foto: Sarah Tschernigow

Bananenblätter sind zwar aus, aber ein paar Meter weiter gibt es Süßkartoffelfritten, getreidefreies Brot aus Flohsamenschalen und Wildgulasch vom Klepelshagener Weiderind.

Wenn Paleo-Anhänger ihren Lifestyle in drei Worten beschreiben sollen, dann sind die Schlagworte "gesund", "natürlich" und "bewusst" immer dabei. Back to Basic, zurück zur Natur - das trifft es in der Tat am besten.

Paleo - das ist mehr als Essen nach bestimmten Regeln, es ist eine Haltung und ein Stück Gesellschaftskritik, wie Mitveranstalter Leon Benedens erklärt: "Heute isst man nebenbei, "to go. Wir machen das anders. Elektrogeräte vom Tisch; wir sitzen mit der Familie zusammen und kochen frisch."

Leon ist 30 Jahre alt, Paleo Coach und Betreiber der Plattform www.paleolifestyle.de . Vor einem Jahr ist er Vater geworden. Auch seine Tochter wird nach den Paleo-Prinzipen ernährt, auch für sie gibt es schon mal ein Stückchen Rinderleber.

Was außerdem zum Paleo-Lifestyle gehört: viel Bewegung, am besten an der frischen Luft. Auf dem Eventgelände können sich die Besucher im Kettlebell-Training oder im Animal Walk probieren.

Benjamin Joone, ein drahtiger und durchtrainierter Typ, bringt den Menschen tatsächlich Tierbewegungen bei. Zum Beispiel Froschhüpfen: Breitbeinig in die Hocke gehen und aus der Tiefe einen großen Sprung nach oben und vorne machen. Er hält das für sehr gesund: "Wenn wir breitbeinig in die Hocke gehen, werden unsere Hüften und Innenschenkel geöffnet und unsere Achillessehne gedehnt. Bei den meisten Menschen sind die total verkürzt." Dann zeigt er einen Lauf auf allen Vieren; gehen wie ein Bär. Zehn Minuten täglich wären ganz gut.

Gewöhnungsbedürftiger Anblick: Barfuß-Schuh aus Känguru-Leder

Gewöhnungsbedürftiger Anblick: Barfuß-Schuh aus Känguru-Leder

Foto: Sarah Tschernigow

Ein paar Meter weiter hält der 32-jährige Emanuel Bohlander einen Workshop ab. Der Düsseldorfer ist Barfuß-Trainer der Barefoot Academy und behauptet, dass die meisten von uns verlernt haben, natürlich zu laufen. Schuld daran seien unsere Schuhe. Gerade von den hochwertigen Laufschuhen mit Superdämpfung und -sohle hält er überhaupt nichts: "Weil deine Füße im Schuh permanent unterstützt werden, werden sie immer schwächer. Wie ein Arm in einem Gips. Wenn du den Gips abnimmst, musst du ihn wieder aufbauen."

Zentraler Kritikpunkt ist, dass die meisten Schuhe nach vorne hin enger werden und die Zehen zusammenpressen. Das sei für den großen Zeh problematisch: "Der große Zeh hat eine wichtige stützende Funktion", sagt Emanuel Bohlander, "deshalb sollte er eigentlich etwas von den anderen Zehen abstehen. In einem normalen Schuh beanspruchen wir den großen Zeh aber überhaupt nicht mehr." Mit einer kleiner Übung im Stand könne jeder testen, wie gut sein großer Zeh noch funktioniert: Barfuß stehen und den großen Zeh anheben, die anderen Zehen aber am Boden lassen. Das ist ziemlich schwer.

Ach ja: Auch der Barfuß-Trainer trägt Schuhwerk zum Schutz, aber nur Barfuß-Schuhe. Sie sind sandalenartig, sehr flexibel und stützen überhaupt nicht.

Paleo-Anhänger frühstücken häufig erst zur Mittagszeit

In Barfuß-Schuhen kommt auch Paul Jaminet zur Convention. Im Symposium hält er einen Vortrag über die Genesung durch Paleo-Ernährung. Jaminet ist eigentlich Astrophysiker und gehörte der forschenden Elite der Harvard Universität an. Später arbeitete er als Softwareunternehmer. Doch er ließ die gut bezahlten Jobs hinter sich, um ein Buch über Paleo zu schreiben. 2010 wurde "The Perfect Health Diet" zum Megabestseller in den USA.

Jaminet ist kein Mitbegründer der Paleo-Diät, aber er verhalf ihr zum Durchbruch, indem er eine moderne, weniger strenge Variante entwickelte. Manche sprechen von Paleo 2.0. "Ich habe eine ausbalancierte Version von Paleo entwickelt", erläutert Jaminet. "Ich fing selber mit einer strengen Low-Carb-Variante an. Aber das bekam mir nicht gut. Ich involvierte stärkehaltige Kohlehydrate, wie Süßkartoffeln, in die Ernährung, fuhr die Fette rauf und das Protein etwas runter."

Immer mal eine Übung machen: Benjamin Joon macht den Frog Jump vor

Immer mal eine Übung machen: Benjamin Joon macht den Frog Jump vor

Foto: Sarah Tschernigow

Und dann berichtet der 52-Jährige, wie er durch Paleo erfolgreich eine Autoimmunkrankheit bekämpfte und heute fit und gesund ist. Allerdings sollte man wissen, dass der Professor davor lange Zeit Antibiotika nahm und literweise Cola trank. Heute gibt es für ihn ein typisches Paleo-Frühstück: Kaffee mit Kokosöl. Das Fett hält stundenlang satt. Paleo-Anhänger frühstücken häufig erst zur Mittagszeit. Das Essen müsse sich schließlich verdient werden.

Ohne Zweifel täte es vielen Menschen gut, den vielen Zucker wegzulassen, auf die Qualität der Fette zu achten und das Getreide, das heute mit dem Urweizen nicht mehr viel zu tun hat, zu reduzieren. Aber wie viel Paleo macht Sinn?

Mitveranstalter Leon Benedens ist dafür, den Paleo-Lifestyle nicht zu übertreiben und zur Obsession werden zu lassen. "Es geht nicht darum, das steinzeitliche Leben zu imitieren. Das geht ja gar nicht. Die Steinzeit soll vor allem die Natürlichkeit hervorheben. Damals gab es keine industriell gefertigten Produkte und keine Massentierhaltung. Es reicht schon, sich vorzustellen, wie man vor 150 Jahren gegessen hat. Da gab es kein Maggi, und Essen wurde nicht eingeflogen. Man sollte einfach versuchen, so naturbelassen, artgerecht und regional wie möglich zu essen."

Er selber gönnt sich ab und zu auch mal Fast Food und einen guten Drink. Freude und Genuss werden bei Paleo ganz groß geschrieben.

Lesen Sie auch:

Aus dem Feinschmecker: Bretagne - kulinarische Kleinode der KüsteRotwein-Revolutionär Piero Antinori: Im Weingeschäft steht man immer am Anfang" Test: Die 50 besten Restaurants der Welt

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.