Im Ziel: Eliud Kipchoge aus Kenia lief in Berlin die Marathonstrecke in 2:01:09 Stunden
Im Ziel: Eliud Kipchoge aus Kenia lief in Berlin die Marathonstrecke in 2:01:09 Stunden
Foto: FILIP SINGER / EPA

Lauftipp des Monats Von Helden und sportlichen Zielen

Weltrekord von Eliud Kipchoge auf der Marathonstrecke. Der Marathon in Berlin hat Coach Sonja sentimental werden lassen.
Von Sonja von Opel

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Marathon Weltrekord in Berlin! Der Kenianer Eliud Kipchoge ist (wieder) Weltrekord auf der Marathonstrecke in Berlin gelaufen. Zwei Stunden, eine Minute und neun Sekunden. Sensationell! 2:01:09h. Wobei, so sensationell ist das gar nicht. Immerhin ist der Mann die 42,195 Kilometer bereits in einer Zeit unter zwei Stunden gelaufen, nämlich in 1:59:40h, was übrigens einer Pace von 2:51 min/km entspricht oder anders ausgedrückt: 422 Mal ist Eliud damals die 100 Meter in 17 Sekunden gelaufen… ohne Pause. 17 Sekunden auf 100 Meter! Können Sie das? DAS ist sensationell. Das war vor drei Jahren im Oktober 2019 in Wien. Ein Projekt wurde ausgerufen, um zu zeigen, dass es keine Grenzen gibt. Und tatsächlich, nach dem ersten Versuch 2017 auf der Rennstrecke von Monza, der mit einer Zeit von 2:00:25h "scheiterte", gelang es Eliud zwei Jahre später die magische Grenze von zwei Stunden im Marathon zu durchbrechen. No Human is limited!

Sonja von Opel
Sonja von Opel

Sonja von Opel ist Laufexpertin und Lebensläuferin. Mit einer Marathonbestzeit von 2:52h und als erfolgreiche Ultraläuferin gibt sie ihr Wissen und ihre Liebe zum Laufen in Laufcamps, Vorträgen, Büchern und vor allem als Online-Coach von über 100 Athleten pro Saison mit großer Begeisterung weiter. Als Geschäftsführerin der "Sonja von Opel Sports GmbH" bewegt sie nicht nur ihre Athleten vom Schreibtisch aus, sondern veranstaltet das ganze Jahr hindurch Laufreisen, Trainingscamps und Sportevents: www.sonjavonopel.com 

Gut, die Bedingungen sowohl in Monza wie auch in Wien waren nicht regelkonform: Die Pacemaker wurden beispielsweise während des Rennes immer wieder ausgewechselt und durch "frische" Läufer (aus der Weltelite übrigens, denn wer kann so ein Tempo schon vorgeben) ersetzt, die in einer Art "V" Formation Windschatten und Tempovorgabe lieferten. Deshalb sind die Zeiten aus dem Nike-Projekt nicht weltrekordtauglich, aber egal, es zeigt, was alles möglich ist.

Deshalb hat es mich nicht sehr erstaunt, als ich am Sonntag, den 25. September 2022 in Berlin Zeuge eines neuen, offiziellen Weltrekords wurde. Dass er aber seinem Landsmann Mark Korir, der in 2:05:58 den zweiten Platz belegte, fast fünf Minuten abnahm, dass er ab Kilometer 25 mutterseelenallein das Rennen in Berlin bestritt, dass er wie eine Maschine sein Ding in Berlin da vorne durchzog, das fand ich sensationell.

Gut, wir können jetzt über die neuen Schuhe reden, über die perfektionierte Kohlenhydratzufuhr und über die medizinische Versorgung, die immer ausgeklügelter wird, aber Fakt ist doch, dass er es am Ende durchgezogen hat, dass er abgeliefert hat. Starker Typ.

"Komm, trab noch mal an!"

Nachdem Eliud im Ziel und die ersten Posts & Stories raus waren, fuhr ich an diesem Marathonmorgen in Berlin an den Wittenbergplatz, um meine und alle anderen Athleten anzufeuern, die gerade Kilometer 35 passiert hatten. Wer jenseits von Kilometer 35 den Marathon läuft, der befindet sich in der härtesten Phase des Rennens. Nur noch ein Sechstel! Noch sieben erbarmungslose Kilometer sind zu laufen, auf Beinen, die schmerzen und mit Energiedepots, die leer sind. Ich stand dort viele Stunden und sah zunächst Läufer, die das Ziel schließlich nach rund 3:15h erreicht haben, aber auch noch diejenigen, die um das Knacken der Fünf-Stunden-Marke gekämpft haben. Ich stand da also ziemlich lange und rief den Läufern ermutigende Sprüche wie "Das sieht gut aus!" oder "Komm, trab noch mal an!" zu.

Irgendwann liefen mir Tränen über das Gesicht, weil ich so ergriffen von diesem Sport war. Es gibt kaum eine Disziplin auf der Welt, bei der die absolute Top-Elite mit allen anderen Sporttreibenden an ein und derselben Startlinie stehen. Beim Marathon laufen sie alle auf exakt der gleichen Strecke und haben dasselbe Ziel im Visier. Da flog die austrainierte Rechtsanwältin an mir vorbei und strahlte über ihr hübsches Gesicht, weil sie sich auf das Ziel freute. Es humpelte der Top-Manager mit schmerzverzerrtem Gesicht an mir vorbei, der alles gab, um am Ende unter vier Stunden zu bleiben. Natürlich liefen jede Menge Frauen und Männer mit Tunnelblick an mir vorbei, denn wenn die Beine schmerzen und die Energiedepots leer sind, will man nur eins: Weiter laufen, um das Ziel zu erreichen. Aber manche Läufer*innen blieben auch kurz stehen, um ihre Liebsten zu küssen, um dann aber weiter in die eine Richtung zu laufen, in die der Strom der Tapferen sich zog.

Was für eine Energie! Was für eine gute, gute Sache, die sich da vor meinen Augen abspielte. Was für kluge Menschen, die das Beste tun, was man mit seinem Körper und seinem Geist tun kann, wenn man Bewegungsdrang und Ehrgeiz besitzt. Marathonlaufen schult das Durchhaltevermögen, die Disziplin und die Beharrlichkeit. Das Training für einen Marathon ist das Gesündeste, was man für sein Herz-Kreislauf-System tun kann.

Gut, ich gebe zu, der Marathon an sich ist grenzwertig und birgt die Gefahr der Überlastung, was aber wiederum angesprochenes Durchhaltevermögen schult. Noch dazu ist dieser Sport so friedlich. Man hat keinen Spielgegner, den es zu "vernichten" gilt, sondern lediglich sich selbst zu besiegen. Umweltfreundlich ist der Marathon auch, denn was gibt es Klimafreundlicheres, als auf den mehrspurigen Straßen Berlins zu laufen, statt mit dem Auto zu fahren.

Eliud ist der Held von Berlin, aber eigentlich sind alle Läufer, die an diesem Sonntagmorgen ins Ziel gelaufen sind, Berliner Helden. Jeder auf seine Weise, jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Alle mit eigener Geschichte, mit Beruf, Familie, vielleicht Krankheiten oder sonstigen Einschränkungen. Jeder, der ein gutes Ziel vor Augen hat, darauf unbeirrt zugeht und es erreicht, ist in meinen Augen ein Held. Und das Marathon-Ziel ist ein gutes Ziel! Sie können es sich diesen Herbst ja mal in München, Frankfurt oder New York anschauen. Kommen Sie auf den Geschmack und planen sie doch mal für 2023… und wem das mit der grenzwertigen Belastung nicht passt, dem sei gesagt: Der Halbmarathon ist auch ein gutes Ziel. Ein sehr gutes Ziel sogar.

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