Laufen ist mehr als ein Sport – es ist eine Lebenseinstellung.
Laufen ist mehr als ein Sport – es ist eine Lebenseinstellung.
Foto: Sonja von Opel

Das beste Training Unterwegs zum Lebens-Lauf

Sportcoach Sonja von Opel sieht sich selbst als "Lebensläuferin". Sie meint: Nach Corona bleibt auch beim Lauftraining alles anders – und das ist gar nicht so schlecht.
Von Sonja von Opel

Es wird in diesem Jahr keinen Jahresrückblick geben, in dem nicht über das Thema Corona gesprochen, diskutiert, philosophiert wird. Wir können es alle nicht mehr hören, aber wir können auch nicht leugnen, dass diese Pandemie nicht nur das Jahr 2020 geprägt, sondern auch nachhaltig Veränderungen in unserer Gesellschaft und auf der ganzen Welt mit sich gebracht hat.

So hat auch in die Welt des Laufsports dieser virusbedingte Zeitgeist Einzug gehalten und uns Läufern ganz neue Perspektiven, Möglichkeiten und eine ganze Schar frischer Mitläufer beschert. Ja, auch mein Leben als Trainerin und Reiseveranstalterin ist nicht mehr das, was es vor einem Jahr noch war, aber als geborene Optimistin kann ich dieser Entwicklung ganz viel Positives abgewinnen.

Mir ist durchaus bewusst, dass die Marathon-Veranstalter meinen Optimismus nur bedingt teilen werden, denn ja, die Absagen sämtlicher Läufe trotz des Erstellens von Alternativterminen oder kostenintensiven Hygienekonzepten treibt viele Verantwortliche an den Rand des Ruins. Wer allerdings in diesen Tagen einen langen Atem beweist und hoffnungsvoll auf die Zukunft wartet, der kann sich auf goldene Zeiten freuen. Denn eins ist sicher: Der Laufsport gehört zu den Gewinnern dieser Pandemie.

Damit meine ich nicht die Hersteller von Laufsportartikeln, die dieses Jahr weniger Equipment verkauft haben. Damit meine ich auch nicht die Vereine und Veranstalter, denen das Jahr des Stillstands das Genick bricht. Damit meine ich weder die Medienbranche noch die Wirtschaft im Allgemeinen, die der Pandemie versucht auszuweichen. Gewonnen hat durch Corona der Sport an sich. Das Bewusstsein, wie wichtig Bewegung ist.

Im Gegensatz zu den Spaniern und den Franzosen hatten wir in Deutschland das Glück, dass es uns trotz aller Kontakt- und Abstandsregeln immer erlaubt war, allein draußen laufen zu gehen. So entdeckten viele Menschen angesichts geschlossener Fitnessstudios plötzlich, was das Laufen für eine gute Lösung ist: Kostengünstig, effektiv, gesundheitsfördernd, leicht umzusetzen. Noch nie hatte ich so viele Anfängeranfragen, wie in diesem Jahr. Die Ziele der neuen Laufwilligen beschränken sich dabei auf "mehr Ausdauer", "gesund bleiben", "endlich eine Stunde am Stück durchlaufen" oder "etwas Gewicht verlieren".

Was mich daran besonders freut, ist die Tatsache, dass mich dabei das Gefühl der Systemrelevanz beschleicht. Nein, natürlich bin ich als Laufexpertin NICHT systemrelevant, aber ist es für das System nicht von Relevanz, wenn möglichst viele Menschen durch den Laufsport ihr Immunsystem stärken, um lang anhaltend gesund zu bleiben?

Wo sind eigentlich die bisherigen Läufer dieses Jahr hingelaufen? All die Marathonis und Volksläufer, die ambitionierten Hobbyathleten und Altersklassenkrieger, deren Jahresrhythmus maßgeblich von der immer wiederkehrenden Wettkampfplanung bestimmt wird? Die sind zu sich selbst gelaufen! Das Motto für alle Bestzeitjäger war schnell gefunden: Laufen um des Laufens willen!

2020 war das Jahr der persönlichen Laufabenteuer: Der erste virtuelle Wettkampf, der erste Etappenlauf mit dem Partner, die erste Ultradistanz. Es war das Jahr der Heldengeschichten. Im sozialen Läufernetzwerk Strava wurden sogenannte Segmente gejagt und erobert: Dabei geht es um Streckenabschnitte, bei der Läuferinnen und Läufer sich, unterstützt von GPS-Tracking, miteinander messen können, auch wenn sie zu unterschiedlichen Zeiten laufen.

Auf der Plattform fastestknowntime  wurden jede Menge neue Strecken und Rekorde angelegt und vieler Athleten haben die Sommerzeit genutzt, um endlich mal ein läuferisches Herzensprojekt umzusetzen, das früher angesichts der oft sonst so streng vorgeschriebenen Trainingssystematik nie Platz im Laufkalender hatte: Eine Seeumrundung, eine Alpenüberquerung, ein Lauf in die Heimat oder ein Lauf durch die Nacht. Endlich war mal Raum, Zeit und Energie da, um verrückte Dinge auszuprobieren, neue Impulse zu setzen, das Laufen anders zu erleben und zu begreifen.

Wie geht es jetzt weiter und was haben wir gelernt? Es wird noch eine Weile dauern, bis wir wieder mit 10.000 anderen Läufern an einer Linie auf den Startschuss warten. Aber der Tag wird kommen, an dem das wieder möglich ist. Und weil die virtuellen Läufe, die Rennen im Alleingang und die Wettkämpfe mit Einzelstarts das Gemeinschaftsgefühl eines Stadtmarathons nicht ersetzen konnten, wird der zukünftige Run auf diese Veranstaltungen größer denn je sein. Wenn wir das Coronavirus im Griff haben, werden wir also wieder in Massen um die Wette rennen und nach der langen Zeit der Entbehrung dieses Gefühl feiern bis zur Ziellinie. Ach, das wird ein Fest!

Aber ja, ein bisschen Geduld müssen wir noch mitbringen. Ich wage sogar zu prognostizieren, dass der Marathon-Frühling noch sehr zäh wird, aber wir werden alle wieder zusammenkommen, uns miteinander messen, gegeneinander laufen und gemeinsam unserer Liebe zum Laufsport frönen. Mit dabei all die neuen Sportsgeister, die begriffen haben, dass es kein günstigeres Mittel für die Abwehr von Krankheitserregern gibt, als die Stärkung des Immunsystems durch Bewegung an der frischen Luft.

Nein, die Wirtschaft wird durch das Laufen nicht angekurbelt und auch die Pharmaindustrie profitiert nicht davon, wenn wir alle weiterlaufen, aber unser Gesundheitssystem wird entlastet, das Klima hat nichts gegen diese umweltfreundliche Art der Bewegung und die Stimmung in der Bevölkerung steigt, wenn der Großteil sich ins Runner’s High hineinläuft. Wir leben nicht, um zu laufen. Wir laufen, um zu leben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Lauf ins neue Jahr. Bleiben Sie gesund!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.