Es läuft: Am Ostermontag erreicht Sonja von Opel Hamburg. 800 Kilometer liegen dann hinter ihr
Es läuft: Am Ostermontag erreicht Sonja von Opel Hamburg. 800 Kilometer liegen dann hinter ihr
Foto: Sonja von Opel

800-Kilometer-Lauf durch Deutschland Eine Frau, zwei Beine, drei Wochen laufen von München nach Hamburg

In drei Wochen von München nach Hamburg, 40 Kilometer pro Tag: Laufcoach Sonja von Opel erklärt, warum sie sich das antut. Am Ostermontag ist sie am Ziel - hier ist ihr Läufer-Tagebuch.
Von Sonja von Opel

Laufen ist mein Geschäft. Wie viele andere Geschäftsbereiche liegt es in Zeiten der Pandemie gerade brach. Ich kann seit einem Jahr keine Camps, Seminare oder Workshops veranstalten und auch im Bereich des Online-Coachings habe ich aufgrund der ausgefallenen Wettkämpfe sehr viel weniger zu tun als sonst. Da ich mit Stillstand so gar nicht umgehen kann, war schnell die Idee eines ganz großen Laufabenteuers geboren.

So bin ich seit dem 15. März 2021 auf dem Weg von meinem Zuhause im Süden von München zu meinem Zweitwohnsitz in Hamburg. Zu Fuß. Im Laufschritt. Alleine. Mit Laptop, Zahnbürste und Kreditkarte auf dem Rücken, um als Geschäftsreisende abends in Hotels einzuchecken und meine übrig gebliebene Arbeit dort am Rechner täglich zu erledigen. Am Ostermontag werde ich die Hansestadt erreichen und dann bin ich knapp 800 Kilometer gelaufen, rund 40 Kilometer pro Tag.

Ich habe Deutschland auf eine Art und Weise erlebt, gesehen und gespürt, wie ich es mir niemals auf meinen unzähligen Auto- oder Bahnfahrten zwischen München und Hamburg hätte vorstellen können. Vor allem aber konnte ich in einer Zeit, in der sich angeblich nichts bewegt, den Beweis erbringen, dass man sich sehr wohl bewegen kann. Jeden Tag. Schritt für Schritt. Einmal quer durch die Republik. Ganz weit weg und ganz nah zu sich selbst.

Sonja von Opel
Foto:

Michael Reusse

Sonja von Opel ist Laufexpertin und Lebensläuferin. Mit einer Marathonbestzeit von 2:52h und als erfolgreiche Ultraläuferin gibt sie ihr Wissen und ihre Liebe zum Laufen in Laufcamps, Vorträgen, Büchern und vor allem als Online-Coach von über 100 Athleten pro Saison mit großer Begeisterung weiter. Als Geschäftsführerin der "Sonja von Opel Sports GmbH" bewegt sie nicht nur ihre Athleten vom Schreibtisch aus, sondern veranstaltet das ganze Jahr hindurch Laufreisen, Trainingscamps und Sportevents:
www.opelrunningteam.com  

Bevor Sie jetzt abwinken und sagen, dass es Ihnen in Zeiten des Lockdowns im Gegensatz zu mir nicht möglich ist, sich täglich irgendwo eine Unterkunft zu buchen, um es mir gleichzutun, lassen Sie mich zwei Dinge dazu sagen: Ja, Sie haben Recht, aber in Zeiten des Lockdowns kann man trotzdem jeden Tag raus und laufen. Mal weit, mal schnell, mal langsam, mal querfeldein, mal um Mitternacht, mal im Sonnenaufgang, mal nüchtern vor dem Frühstück oder mal mit Picknick auf dem Rücken, um auf einer Frühlingswiese eine ausgiebige Essenspause einzulegen.

Pause und Verpflegung: Es gibt drei Wochen lang nur kalte Küche aus dem Supermarkt. Obst, Salat, Nüsse, Dinkelcracker, körniger Frischkäse und Eiweißriegel sind meine täglichen Top-Favoriten.

Pause und Verpflegung: Es gibt drei Wochen lang nur kalte Küche aus dem Supermarkt. Obst, Salat, Nüsse, Dinkelcracker, körniger Frischkäse und Eiweißriegel sind meine täglichen Top-Favoriten.

Foto: Sonja von Opel

Und jeden Abend schlafen Sie regelkonform in Ihrem eigenen Bett. Das geht! Zweitens wird es hoffentlich so sein, dass die Pandemie und damit so gut wie alle Einschränkungen eines Tages ein Ende haben werden. Und dann können Sie sehr wohl einen Etappenlauf planen, um für mehrere Tage auf Ihren eigenen Füßen von A nach B zu gelangen. Darauf möchte ich Sie heute schon vorbereiten, indem ich Sie an meinen bisherigen Erfahrungen teilhaben lasse.

Die Idee

Ganz am Anfang muss aus einer Flamme ein Feuer werden. Als ich an Weihnachten geblitzt wurde, weil ich das 120er Schild übersehen hatte und schnell klar war, dass der Führerschein für einen Monat weg sein wird, habe ich meinen Frust über diese Tatsache ganz schnell mit Euphorie übertüncht und mir gesagt: Dann laufe ich eben! Jetzt habe ich Zeit, jetzt ist die Gelegenheit, jetzt mache ich es. Ich laufe von München nach Hamburg. Erst habe ich es niemandem erzählt und dann habe ich es allen erzählt.

Die Planung

Man nehme die geplante Streckendistanz und teile sie durch die maximale Anzahl an Tageskilometern, die man in der Lage ist zu laufen, um den Zeitraum zu ermitteln, den man einplanen muss. Mit 40 Tageskilometern habe ich einen Wert gefunden, der über drei Wochen lang anspruchsvoll, aber gut machbar ist. Da ich laufe und nicht wandere, bin ich nie länger als sechs Stunden draußen, den Rest liege ich regenerierend im Hotel, esse, arbeite am Rechner oder schlafe.

Da ich mir alle 200 Kilometer in das jeweilige Hotel Wechselwäsche und neue Schuhe schicke, war schnell klar, dass ich nur mit einem Rucksack und nicht etwa mit einem Ziehwagen laufe. Wer in Erwägung zieht zu zelten, für den lohnt sich so ein Wagen, mit dem man sehr viel mehr Gepäck transportieren kann, aber mir reichen meine sechs Kilogramm, die ich durch Deutschland trage.

40 Kilometer pro Tag, mit 6 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken: Stillstand ist keine Option

40 Kilometer pro Tag, mit 6 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken: Stillstand ist keine Option

Foto: Sonja von Opel

Als ich am 15. März in Pullach loslaufe, habe ich das Gefühl, dass die Hauptarbeit schon hinter mir liegt. Das Anlegen des Tracks, das Vorausschicken der Pakete, die Beobachtung des immer schlechter werdenden Wetterberichtes und das Festhalten am Plan, das hat viel Energie und Nerven gekostet. Die Kunst liegt in solchen Momenten darin, nicht zu viel und nicht zu wenig nachzudenken.

Einerseits müssen viele Kleinigkeiten durchdacht und vorbereitet werden: Ein guter Rucksack muss her, eine leistungsstarke Powerbank, die richtigen Ladekabel für Uhr und Handy, passende Schuhe, passende Kleidung in den passenden Hotels und vor allem körperliche Vorsicht, denn krank werden wäre jetzt unpassend. Andererseits kann man nicht alles im Vorfeld planen und eine gewisse "Augen-zu-und-durch-Mentalität" ist definitiv ratsam.

Die Route

Den Weg finde ich über eine App, mit der ich mir einen möglichst direkten und flachen Track angelegt habe. München, Ingolstadt, Nürnberg, Meiningen, Göttingen, Hannover, Hamburg. 22 Etappen. Täglich ziehe ich mir die Tagesetappe auf meine GPS-Uhr, die mich zu meiner jeweils gebuchten Unterkunft navigiert. Ein Kinderspiel.

Das Essen

Die Verpflegung ist in Corona-Zeiten eine kleine Herausforderung: Es gibt drei Wochen lang nur kalte Küche aus dem Supermarkt, allerdings achte ich auf eine extrem hohe Nährstoffdichte. Obst, Salat, Nüsse, Dinkelcracker, körniger Frischkäse und Eiweißriegel sind meine täglichen Top-Favoriten. Und Wasser. Ich trinke sehr viel Wasser.

Morgens einen guten Liter vor dem Loslaufen, unterwegs habe ich einen Liter dabei, den ich mir meist noch mal komplett nachfülle und abends trinke ich auch noch mal jede Menge, um bloß nie zu dehydrieren. Meine Klamotten sind immer klitschnass nach dem Laufen und ich schwitze sogar nachts. Also muss Flüssigkeit permanent nachgeliefert werden. Salze und Mineralstoffe nicht vergessen! Rote-Beete-Saft mit einem Ingwer-Shot gibt es außerdem mindestens alle zwei Tage zum Gesundbleiben.

Der Körper und der Geist

Mental habe ich keine Probleme. Mein Schweinehund ist in München geblieben. Ich habe so dermaßen Lust auf diesen Lauf, auf dieses Abenteuer, auf die Tatsache, dass ich an Ostern die Elbe überquere und die Hansestadt zu Fuß erreiche. Meine einzige Sorge ist, dass mein Körper nicht durchhält. Grundsätzlich bin ich fit, denn ich laufe seit Jahren täglich, pro Woche kommen seit Jahren rund 100 Kilometer zusammen, den Marathon kann ich aus dem Stand in 3.15h laufen und ich bin so gut wie unverletzt.

Aber wird das so bleiben, wenn ich drei Wochen lang jeden Tag eine Marathondistanz laufe? Also mache ich akribisch jeden Morgen Mobilisationsübungen und jeden Abend Gymnastik und mache dreimal am Tag einfache Kraftübungen mit dem Mini-Band, um den Bewegungsapparat stabil und robust zu halten. Was sind schon ein paar Minuten Fleißarbeit, wenn man dafür tagsüber schmerzfrei seine Etappen abspulen kann?

Leute, macht Eure Hausaufgaben! Arbeitet an Euren Schwachstellen, esst nur gesunde Lebensmittel und seid gut zu Eurem Körper. Er gibt es Euch zurück!

Der Lauf

Was soll ich sagen? Es läuft. Oft ziehe ich den Vergleich zu einem klassischen Marathon-Rennen: Im ersten Drittel war ich extrem konzentriert und nervös, ständig mit dem Ohr nach innen, ob alles funktioniert. Im zweiten Drittel kam erstmals ein "Flow-Gefühl" und ich war endlich im Hier und Jetzt. Nur die Tagesetappe zählt, nicht was war, nicht was kommt. Nur das Heute schaffen. Im letzten Drittel macht sich Euphorie breit und die Hoffnung wächst, dass ich es tatsächlich schaffe. Es kann noch viel passieren, aber es sieht gut aus. Weiter, immer weiter. Das Ziel rückt näher.

Ob ich es geschafft habe, wie ich mich im Anschluss davor bewahre, in das große schwarze Loch zu plumpsen und wie man nach den ganz großen Laufabenteuern am besten regeneriert, das berichte ich gerne beim nächsten Mal.

Ihnen will ich an dieser Stelle aber mitgeben: Stillstand ist keine Option und niemand sollte auf bessere Zeiten warten. Laufen kann man immer und überall. Es ist der einfachste Sport und es ist der schwierigste Sport, aber weil es auch der effektivste Sport ist, ist er so gesund und bringt so viel Glück und Gelassenheit. Sie müssen ja nicht gleich von München nach Hamburg laufen. Wie wäre es mit einer Runde um den Block?

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.