Laufen im Winter: Wer ab und zu mal auf die GPS-Uhr verzichtet, dem winkt ein fast meditatives Lauferlebnis
Laufen im Winter: Wer ab und zu mal auf die GPS-Uhr verzichtet, dem winkt ein fast meditatives Lauferlebnis
Foto: Dalibor Despotovic / Getty Images

Lauftipp des Monats Warum Sie ab und zu ohne Uhr laufen sollten

Wie weit, wie schnell sind Sie beim letzten Trainingslauf gelaufen. GPS-Uhren verführen zum digitalen Kilometersammeln. Doch auch Lauf- und Uhren-Junkies profitieren, wenn sie einfach mal wieder ohne Uhr laufen - und dem Körper beim Laufen besser zuhören.
Von Sonja von Opel

Als ich mich vor knapp 20 Jahren auf meinen ersten Marathon vorbereitete, gab es noch keine GPS-Uhren. Auf meinem Trainingsplan standen aber Einheiten, bei denen ich schon wissen wollte und sollte, wie weit und wie schnell ich laufe. So zum Beispiel 8 x 1000 Meter in jeweils 5:00 Minuten mit 2:00 Minuten Trabpause. Oder 12 Kilometer im Marathon-Renntempo in einer Pace von 5:40 min/km. Mal abgesehen davon, dass ich keine Ahnung hatte, was das Wort "Pace" bedeutet, war ich auch organisatorisch irgendwie überfordert.

Allerdings hatte ich dann die – wie ich fand recht clevere – Idee, meine flache 10-Kilometer-Laufstrecke mit meinem Fahrrad-Tachometer auszumessen, um jeden Kilometer mit einem kleinen Kreuzchen aus weißer Tipp-Ex-Farbe zu markieren. So konnte ich endlich anhand einer mitlaufenden Stoppuhr feststellen, wie lange ich für jeden einzelnen Kilometer brauchte oder konnte meine Tempoläufe zwischen zwei Tipp-Ex-Kreuzchen machen. Die Marathons wurden mit auf den Unterarm gekritzelten Zwischenzeiten und einer anständigen Kopfrechenleistung von Kilometerschild zu Kilometerschild bestritten. Mit Erfolg.

Sonja von Opel
Sonja von Opel

Sonja von Opel ist Laufexpertin und Lebensläuferin. Mit einer Marathonbestzeit von 2:52h und als erfolgreiche Ultraläuferin gibt sie ihr Wissen und ihre Liebe zum Laufen in Laufcamps, Vorträgen, Büchern und vor allem als Online-Coach von über 100 Athleten pro Saison mit großer Begeisterung weiter. Als Geschäftsführerin der "Sonja von Opel Sports GmbH" bewegt sie nicht nur ihre Athleten vom Schreibtisch aus, sondern veranstaltet das ganze Jahr hindurch Laufreisen, Trainingscamps und Sportevents: www.sonjavonopel.com 

Als schließlich die ersten GPS-Hersteller mit Uhren auf den Markt kamen, die direkt beim Laufen mitmessen, wie weit, wie schnell, ja sogar wie hoch man gerade läuft, fühlte ich mich wie im Schlaraffenland. Was für eine Bereicherung des eigenen Laufens! Nach einem kräftezehrenden langen Lauf hat man für sich und die ganze Welt endlich einen digitalen Beweis, dass man tatsächlich über 30 Kilometer weit gekommen ist.

Fluch und Segen am Handgelenk

Nicht nur die Uhren entwickeln sich prächtig, auch die Apps und sozialen Netzwerke drum herum bilden einen Kosmos, der Läuferinnen und Läufer, Trainer und Sportler aller Disziplinen auf der ganzen Welt im Internet zusammenbringt. Ob das das Netzwerk STRAVA oder die Hersteller-Apps von GARMIN oder POLAR sind, die meisten Läufer laden ihre gelaufenen Werke hoch, werten sie dort aus, summieren kinderleicht ihre Wochen-, Monats- oder Jahreskilometer und haben so ein fantastisches Trainingstagebuch.

Ich gebe zu: Beim digitalen Kilometersammeln bin ich ganz vorne mit dabei. Jahr für Jahr. Erst galt es mal 4000 Jahreskilometer zu knacken, dann irgendwann sogar 5000… da wird natürlich jede Streak-Meile aufgezeichnet. Apropos Streak: So nennt man ja die Serie an täglichen Läufen, die aus mindestens einer Meile bestehen sollten.

Irgendwie hat man ja das Gefühl, wenn man einen Streak aufbauen will, braucht man schließlich auch Beweise und daher ist die digitale Aufzeichnung Pflicht. Was nicht auf der Uhr ist, fand nicht statt. 1000 Tage wurde mein Streak lang und selbstverständlich mit lückenlosen Beweisdaten!

Plan für 2022: Einfach mal wieder ohne Uhr laufen

Um die Jahreswende hatte ich plötzlich die spontane Idee, dass ich im Jahr 2022 einfach mal wieder ohne Uhr laufen möchte. Besser gesagt: Laufen lernen möchte! Wer bis hierhin meinen Werdegang zum Uhren-Junkie nachvollziehen konnte, selbst aber noch immer an der Uhr hängt, dem kann ich nur raten: Trau Dich! Zieh sie aus. Lauf mal ohne.

Es ist ein ganz neues Laufgefühl und doch, es ist ein schönes Laufgefühl. Mal abgesehen davon, dass das Aufladen, Einschalten und GPS-Suchen wegfallen, auch das Pause-Drücken an Ampeln oder beim Verschwinden in die Büsche fällt natürlich komplett aus. Am Auffälligsten ist aber die eigene Körperwahrnehmung, die plötzlich geschärft wird. "Wie schnell laufe ich eigentlich gerade?" Gegenfrage: "Wie fühlt es sich denn an?"

Dem Körper beim Laufen wieder besser zuhören

Die meisten Läufer, die jeden Lauf mit Uhr bestreiten, verlernen das Zuhören. Der Körper macht so viele Geräusche beim Laufen und wir sollten zuhören. Wie klingt mein Fußaufsatz, welchen Rhythmus gibt meine Schrittfrequenz vor und wie laut atme ich gerade? Wie verändert sich das Verhältnis von Atmung und Schritten, wenn ich schneller laufe? Wann laufe ich ein Tempo, das ich definitiv nicht sehr lange halten kann?

Die meisten Läufer suchen Antworten auf all diese Fragen in ihren Uhren und die kleinen Dinger sind mittlerweile so raffiniert, dass sie sie sogar liefern: Neben Puls und Pace bekommt man Informationen zur Bodenkontaktzeit, zur Schrittfrequenz, zur Schrittlänge, zum vertikalen Verhältnis, ja sogar über die Atemfrequenz geben manche Modelle schon während des Laufs Auskunft.

Hand aufs Herz: Wer versteht das alles? Wer kennt die Werte, die ideal sind und kann aus seinen eigenen Werten entsprechende Defizite und vor allem Verbesserungsvorschläge ableiten?

"Höre auf Dein Herz!"

Wie oft bekomme ich bei den ersten Rückfragen zu einem von mir erstellten Trainingsplan zu lesen: "Wie schnell soll ich denn den ruhigen Dauerlauf laufen?" Meine Antwort lautet dann am liebsten: "Höre auf Dein Herz!" Natürlich erkläre ich das dann ausführlich, was es mit der maximalen Herzfrequenz auf sich hat und wie wichtig die Pulsmessung bei einem systematischen Lauftraining ist, aber es bedrückt mich schon, wie fixiert die Läufer alle auf ihre Uhren sind. Der Körper kann, was er kann und er wird am Tag X alles rauslassen, was antrainiert wurde.

Dem Körper ist das völlig egal, ob dabei eine Uhr am Handgelenk alles mitaufgezeichnet hat oder nicht. Wir trainieren immer nur unsere Beine. Nie unsere Technik. Höchstens vielleicht den richtigen Umgang mit der Technik. Und der lautet für mich im Moment noch: Einfach mal weglassen. Ich kenne meine Laufrunden nach all den Jahren in- und auswendig. Ich weiß genau, ob ich heute auf der 8er Runde oder auf der 12er Runde gelaufen bin. Ja, manchmal erwische ich mich dabei, wie ich beim Loslaufen auf der Kirchturmuhr nachschaue, wie spät es ist, um nach der Rückkehr wieder zu schauen, ob ich die 12er Runde unter einer Stunde geschafft hab. Dann lache ich über mich selbst und denke: Ist doch völlig egal!

Handgeschrieben wird dann eine "12" in den Tageskalender eingetragen und auch so können Wochen-, Monats-, Jahreskilometer gezählt werden. Ganz analog.

Wer es dann auch noch schafft, ohne Musik oder Podcast zu laufen, der wird mit einem ganz besonderen, ja fast meditativen Lauferlebnis belohnt. Am besten probieren Sie es gleich mal beim nächsten Lauf aus! Es lohnt sich.