Sonntag, 20. Oktober 2019

Lauftipp des Monats Was Ultramarathon-Läufer antreibt

Ultraläufer sehen etwas von der Welt: Hier Dean Karnazes beim Montblanc-Ultra, einem Lauf über 168 Kilometern. Karnazes hat über seine Erfahrungen das Buch "Ultramarathon Man: Confessions of an All-Night Runner" geschrieben.

Kennen Sie den Goldsteig, den UTMB, den Spartathlon oder den Mauerlauf? Nein? Wenn ich ehrlich bin, wusste ich bis vor Kurzem auch noch nicht, was es mit diesen Begriffen auf sich hat: Es sind allesamt Ultraläufe, also Strecken, bei denen man mehr als einen Marathon (42,195 Kilometer) hinter sich bringt.

Fast jeder Läufer möchte seine Grenzen verschieben: Der Anfänger möchte vielleicht gern einmal fünf Kilometer schaffen - ist diese Hürde genommen, denken viele dann auch bald über zehn nach. Irgendwann kommt dann die Herausforderung Halbmarathon und eventuell sogar ein Marathon.

Und dann? Natürlich ist es keine Schande, wenn Sie nicht zu denen gehören, die ständig mehr wollen. Doch viele Läufer wollen die Latte immer höher legen. So gibt es mittlerweile einen 661 Kilometer langen Lauf - nonstop wohlgemerkt und gespickt mit 19.000 Höhenmetern.

Während die meisten Menschen damit zu kämpfen haben, 500 Meter zur Bushaltestelle joggend hinter sich zu bringen, um keuchend noch den nächsten Bus zu erreichen, denken Ultraläufer sich: Ach, den Bus brauche ich gar nicht, die läppischen 40 Kilometer in die nächste Stadt laufe ich einfach.

Was treibt Menschen zu derartig aberwitzigen Leistungen?

Ich habe es ausprobiert. Als klassischer Straßenläufer, in erster Linie auf der Marathondistanz erfolgreich, wollte ich wissen, was es mit mir macht, wenn ich länger laufe. 50 Kilometer waren mir da zunächst einmal genug. Unter den Hartgesottenen allerdings gelten die als Routine. Wie mir ein solcher Läufer sagte: "Dafür überleg ich nicht einmal, was ich frühstücke und welche Socken ich anziehe - selbst bei den 100 Kilometern nicht."

Nun ja, ich habe mir vor dem ersten 50er schon Gedanken über die Socken gemacht, auch mein Frühstück war weise gewählt. Jetzt könnte man meinen, dass acht Kilometer mehr als die Marathondistanz den Braten nicht fett machen. Aber für mich waren sie schon ein Problem - diese acht Kilometer waren für mich gedanklich nicht greifbar, schließlich war ich so weit noch nie gelaufen.

Tatsächlich ist so ein 50er anders. Zunächst einmal sind die Leute am Start deutlich entspannter als vor einem Marathon. Die meisten sind halt schon erfahrene Läufer. Die Stimmung ist gelöster vor, es wirkt familiärer - irgendwie netter. Weniger hektisches Treiben, weniger Gewusel.

Die letzten 15 Kilometer waren dann gar nicht so arg. Und im Ziel dieses Gefühl. Eine Mischung aus Erleichterung, Freude - auch ein großer Stolz. Jeder, der schon einmal einen Lauf, egal wie lang, hinter sich gebracht hat, in dem er seine bisherigen Grenzen überboten hat, weiß, wovon ich schreibe.

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Mal schauen, was passiert, wenn es noch länger wird, dachte ich mir. Also ein Ultratrail - 67 Kilometer, 2000 Höhenmeter. Das war jetzt mal echt eine Herausforderung. Der Kurs war ein Wendepunktkurs, nach der Hälfte wurde einfach wieder umgedreht, man lief einander entgegen. Auf der Strecke erlebte ich auf Platz 2 liegend wieder diese familiäre Stimmung und das Miteinander. Jeder mir entgegenkommende Läufer hat mich lauthals angefeuert - wirklich jeder. Das habe ich bei einem Marathon noch nicht erlebt. Toll - irgendwie sind diese Ultras doch ein nettes Völkchen, wenn auch ein wenig durchgeknallt.

Unterwegs machte ich die ein oder andere Sinnkrise durch - "warum mache ich diesen Quatsch eigentlich" ging mir durch den Kopf, als ich einen nicht enden wollenden Anstieg im Matsch hochkraxelte. Ständig bin ich ausgerutscht, die ersten Krämpfe kamen. Die Zeit war mir völlig egal, die Platzierung am Ende auch - ich wollte nur noch ins Ziel. Nach nicht ganz fünf Stunden erreichte ich es dann endlich auch, tatsächlich als Zweiter.

Meinen Beinen war dieser Spaß nicht so lieb, die 400 Meter vom Ziel zur Dusche schienen endlos. Trotzdem musste ich die ganze Zeit vor Glückseligkeit grinsen, das hielt noch lange an. Eine erfahrene Läuferin meinte zu mir: "Woran erkennt man Ultraläufer? Sie humpeln, kommen die Treppen nicht mehr runter, gehen wie auf Eiern - aber bekommen das Lächeln nicht aus dem Gesicht."

Auch wenn ich bisher nur "Kinderläufe" im Ultrabereich mitgelaufen bin, kann ich mittlerweile immer mehr nachvollziehen, warum Läufer sich das antun, warum sie sich über Berge quälen, über endlos scheinende Strecken. Großer Müdigkeit, unglaublicher Erschöpfung oder offenen Blasen an den Füßen trotzen.

In einigen Gesprächen mit "echten" Ultras erfahre ich die Besonderheit des Ultralaufens. Das Laufen über solche Entfernungen habe etwas Spirituelles, etwas ganz Besonderes, mitunter hört man das Wort "magisch". Man erlebe Himmel und Hölle, man durchlebe und meistere Krisen - man müsse ständig Entscheidungen treffen, die bedeutend für den positiven oder negativen Ausgang des Laufes sind.

Teilweise erzählen diese Läufer Geschichten über jeden Kilometer, wissen noch genau, wann sie wo waren, wie sie sich dabei gefühlt haben. Sie vergessen nichts davon. Sie erleben Kameradschaften, Fürsorge und Anteilnahme. Da gibt es wenig Konkurrenz, denn hier geht es weniger ums Gewinnen, sondern ums Finishen. Und immer, wirklich immer sieht man das feurige Funkeln in den Augen derer, die über ihre Ultraerfahrungen berichten.

Ein ganz Verrückter, der im Januar das "Spine-Race" - 400 Meilen bei ärgsten Wetterbedingungen nonstop durch England - gelaufen ist, meinte zu mir: "Mich schockt im Leben nichts mehr. Wenn Du so was erfolgreich durchgestanden hast, solche Grenzerfahrungen gemacht hast, wirst Du auch in anderen Bereichen des Lebens jedes Problem lösen."

Die Ultras geben nicht auf, sie wollen ins Ziel. Dafür muss man nicht unbedingt ein super Läufer sein - vielmehr ein Organisator, ein guter Krisenmanager. Man muss seine Grenzen kennen, in sich hineinhören können und das Wahrgenommene auch achten. Man muss sich motivieren können, willensstark sein, um... ja, um sich am Ende zu Recht als wahrer Held fühlen zu dürfen.

Sind Sie jetzt ein schlechterer Läufer, nur weil Sie diese Ambitionen nicht hegen? Natürlich nicht, wie immer im Leben gilt: Jeder so, wie er kann und mag. Und auch Sie dürfen Sich zu Recht als Held fühlen, wenn Sie Ihre Ziele erreichen - egal wie lang oder wie kurz die Strecke war. Ich persönlich werde mich vortasten - demnächst steht mein erster 100-Kilometer-Lauf auf dem Plan. Hätte mir das jemand vor zwei Jahren gesagt, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Dass ich jemals länger laufen werde, schließe ich im Moment aus. Aber das habe ich vor zwei Jahren über die 100 Kilometer auch gesagt.

Noch kein Läufer? Hier gibt es Thomas Klingenbergers Trainingsplan für Einsteiger:




Thomas Klingenberger
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    Thomas Klingenberger ist Sportwissenschaftler und Inhaber des deutschlandweiten Anbieters leistungsdiagnostik.de. Als begeisterter und erfolgreicher Läufer (Marathonbestzeit 2:30 Stunden) unterstützt und berät der ehemalige Tri- und Duathlet (Ausdauer-)Sportler auf dem Weg zu ihren Zielen. Seine herausragenden Leistungen über die Ultrastrecke 50 Kilometer brachten ihn ins Nationaltrikot, in dem er 2014 Zehnter bei den 50-Kilometer-Finals der International Association of Ultrarunners (IAU) wurde. 2015 wurde er deutscher Meister seiner Altersklasse beim 50-Kilometer-Lauf - und schaffte in der Gesamtwertung Bronze.

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