Montag, 24. Februar 2020

Besser trainieren Warum Schmerzen beim Laufen helfen

Keine Gnade für die Wade: Das ist der falsche Weg. Man sollte auf die Signale des Körpers hören.
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Keine Gnade für die Wade: Das ist der falsche Weg. Man sollte auf die Signale des Körpers hören.

Sonja von Opel
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    Michael Reusse
    Sonja von Opel ist Laufexpertin und Lebensläuferin. Mit einer Marathonbestzeit von 2:52h und als erfolgreiche Ultraläuferin gibt sie ihr Wissen und ihre Liebe zum Laufen in Laufcamps, Vorträgen, Büchern und vor allem als Online-Coach von über 100 Athleten pro Saison mit großer Begeisterung weiter. Als Geschäftsführerin der "Sonja von Opel Sports GmbH" bewegt sie nicht nur ihre Athleten vom Schreibtisch aus, sondern veranstaltet das ganze Jahr hindurch Laufreisen, Trainingscamps und Sportevents:

    www.opelrunningteam.com

Fast jeder Läufer kennt das: Das Training, der Wettkampf, die Saison hätten so gut werden können, wenn da nicht diese Schmerzen wären. Wochenlang ging alles gut, nichts tat weh, Trainingsumfang und Intensitäten konnten gesteigert werden und die Formkurve zeigte unaufhaltsam nach oben. Und jetzt auf dem Zenit der Leistungsfähigkeit ist er plötzlich da: Schmerz. Erst ganz leise und kaum wahrnehmbar, aber irgendwann lässt er sich nicht mehr ignorieren. Der Athlet fällt fast immer nur, wenn er ganz oben ist.

Im Grunde sind Schmerzen beim Laufen mit einer Kontrollleuchte im Auto zu vergleichen, die immer dann aufblinkt, wenn das System nach Optimierung verlangt. Ganz wichtig ist mir an dieser Stelle zu sagen, dass ich hier nicht von Schmerzen rede, die auf einen akuten Unfall oder Krankheiten zurückzuführen sind. Dass bei einem Crash mit dem Auto das System nicht mehr rund läuft und repariert werden muss, leuchtet jedem ein. Wer also beim Laufen umknickt und sich dabei die Knöchelbänder reißt, der muss in die Werkstatt. Keine Frage.

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Nein, ich spreche hier von den kleinen Verschleißerscheinungen, die mit der Zeit auftreten, vom niedrigen Ölstand, vom sich leerenden Tank, von den alten Stoßdämpfern, die mit jedem Schlagloch, durch das wir fahren, mehr und mehr ihren Geist aufgeben. Es gibt so herrlich schöne Vergleichsmöglichkeiten zwischen dem Auto und dem Läufer. Unser Herz-Kreislauf-System ist der Motor und der Bewegungsapparat ist die Karosserie. Passt perfekt, wäre da nicht dieser kleine, feine Unterschied: Wir Menschen sind zum Glück keine Maschinen. Wir können unsere Motorleistung durch Training steigern und aus einem Kleinwagen einen Sportwagen machen. Wir Menschen sorgen durch ausreichend Bewegung dafür, dass Sehnen, Bänder, Muskeln, ja sogar Knorpelgewebe sich entwickeln und langlebiger werden. Warum treten aber trotzdem immer wieder Schmerzen auf, meist zum ungünstigsten Zeitpunkt?

Der Körper ist immer unser Freund, niemals unser Feind. Wir haben nur diesen einen Körper und es liegt in unserer Hand, wie wir mit ihm umgehen. Wenn beim Laufen Schmerzen auftreten, dann tut uns unser Körper in diesem Moment einen Gefallen, weil er uns vor dem ganz großen Übel bewahren möchte. Wer das begreift und verinnerlicht, der wird mit sehr viel mehr Freude, Sanft- und Demut durch sein Läuferleben kommen.

Leider erlebe ich aber immer wieder, dass Athleten dann fluchen, mit sich hadern, ihren Körper hassen und sich über Tage, Wochen, Monate in eine Verletzungsdepression stürzen. Das ist so unnötig wie schade. Wenn Schmerzen auftreten: Lächeln Sie und zeigen Sie Dankbarkeit! Das klingt absurd, aber es hilft den Selbstheilungskräften auf die Sprünge. Vor allem hilft es der eigenen Psyche, mit dem temporären Rückschlag weiser umzugehen.

Warum sollte man, wenn man beim Joggen beispielsweise immer stärker werdende Schmerzen am Schienbein bekommt, ein Lächeln aufsetzen und dem Körper danken? Ganz einfach: Weil die Kontrollleuchte funktioniert! Der Körper ist so nett und weist mich darauf hin, dass da gerade etwas unrund läuft. Die Erholungspausen waren zu kurz, das Körpergewicht ist zu hoch, die Schuhe passen nicht, es fehlt an Muskulatur oder die Ernährung ist die falsche. Schmerzen zeigen dem Läufer, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Hören sie hin und nehmen Sie es ernst!

Ich bin in meinem Leben schon tausende von Laufkilometern mit Schmerzen gelaufen. Sie waren über Wochen und Monate bei jedem Lauf präsent, aber ich habe gelernt, sie zu überhören, sie zu ignorieren. Ich habe mich zusammengerissen und der vermeintlichen Schwäche keinen Raum gegeben. Das Schlimme ist: Schon mehr als einmal habe ich erlebt, dass diese Schmerzen plötzlich eines Tages verschwunden waren und nie wiederkamen. Bis heute weiß ich nicht wirklich, warum dem so war. Allerdings hatte ich immer kurze Zeit später eine neue Baustelle am Körper. Konkret war das ein Schmerz der rechten Achillessehne, den ich tapfer über Wochen und Monate ignoriert habe, bis er wie durch ein Wunder eines Tages nicht mehr da war. Aber nach einiger Zeit begann meine Hüfte zu schmerzen. Rechts. Ein dumpfes Pochen. Beim Laufen. Irgendwann auch in Ruhe. Immer lauter. Es endete mit einer Schleimbeutelentzündung in der rechten Hüfte. Erst nach einer langen Laufpause und akribischem Muskelaufbau wurde ich dieser Baustelle Herr. Ich wage zu behaupten, dass mir diese Entzündung erspart geblieben wäre, wenn ich schon die jammernde Achillessehne ernstgenommen hätte, wenn ich dieses Aufflackern der Kontrollleuchte mit einfach durchzuführenden Werkstattarbeiten von Anfang an behoben hätte.

Bewegung ist immer besser als Stillstand. Das aktive Arbeiten an körpereigenen Baustellen bringt in der Regel mehr, als wochenlange Immobilisation. Nichtsdestotrotz gibt es Verletzungen, die ohne eine Ruhigstellung niemals verheilen. Das gilt es stets abzuwägen und mit einem Arzt im Detail zu besprechen. Dabei sollte bei der Ursachenforschung immer überlegt werden, seit wann die Schmerzen in welcher Intensität auftreten, und es sollte in Betracht gezogen werden, ob es eine Kettenreaktion anderweitiger Schwachstellen sein kann. Manchmal wird am Sprunggelenk rumtherapiert, dabei liegt die Ursache im unteren Rücken. Dafür finden Sie hier an dieser Stelle keine allgemeingültigen Tipps.

Aber einen allgemeingültigen Tipp habe ich zum Schluss doch für Sie: Zucker, Weißmehl und Alkohol "boosten" eine Entzündung, die bereits im Körper wütet. Wer einen Entzündungsherd löschen möchte, der kommt nicht darum herum, auch seine Ernährung zu überdenken. Und vergessen Sie nicht: Positiv denken! Das hilft (fast) immer. Bleiben Sie gesund und motiviert!

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