Mittwoch, 8. April 2020

Laufen in den sozialen Medien Warum Posen und Posten gut fürs Training sind

Instagrammabel: Wer von solchen Bildern träumt, muss früh aufstehen - und besiegt so den inneren Schweinehund

Andreas Butz
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    Andreas Butz ist einer der gefragtesten Laufexperten in Deutschland. Der gelernte Banker, über 140-fache Marathonläufer und Gründer der Laufcampus Akademie trainiert und motiviert mit seinem Trainerteam Menschen und Unternehmen. Sein Credo: "Laufen ist der kürzeste Weg zu allem, was Menschen erfolgreich macht¿. Er hat zahlreiche Laufbücher geschrieben. 2015 erschien "Schwitzen für Erfolg - In Laufschuhen Karriere machen". Fragen zu diesem Text beantwortet Andreas Butz gerne bis zum 10. August persönlich und kurzfristig direkt auf seiner Facebook-Seite.
    www.andreasbutz.com
    www.laufcampus.com

Es gab eine Zeit, da ging man im Trainingsanzug zum Waldlauf. Es galt als unerheblich, wie man beim Dauerlaufen aussah. Gegen die Kälte im Winter hat mir mein Vater, der mich als Jugendlicher zum Laufen verleitet, nein verpflichtet hat, eine Tageszeitung empfohlen. Als Zwischenlage, zwischen den vielen Baumwollsweatshirts, die ich übereinander angezogen haben. Und die gelaufene Zeit haben wir an der analogen Autouhr gemessen. Vor und nach dem Lauf kurz draufgeschaut. Trainingstagebuch? Kannten wir damals nicht. Dreimal pro Woche wurde trainiert. Fertig.

Das war auch die Zeit, in der man zu einem Marathon nur dann angetreten ist, wenn man diesen unter vier Stunden laufen konnte. Das war, als Manfred Steffny in seinem Bestseller "Marathon" den gut und ernst gemeinten Ratschlag gab, man möge vor einem Marathonstart zunächst mal einen 100-Kilometer-Lauf gemacht haben. Heute reichen uns Hobbyläufern 4:30 Stunden, um bei den großen Stadtmarathons im Mittelfeld anzukommen.

Dies ist lang her. Heute wird gelaufen, gepost und gepostet. Meine "Stoppuhr" war früher aus Edelstahl und man konnte sie an einem Band um den Hals hängen. Heute trage ich einen Computer am Handgelenk, Listenpreis 749 Euro, der sekündlich Satellitensignale empfängt. Wahlweise amerikanisches GPS, europäische Galileo-Signale oder von der russischen Alternative Glonass.

Follower? Die hat man früher einfach abgehängt!

Und weil ich der für mich wichtigen Pulsmessung am Handgelenk nicht vertraue, habe ich mir für 79 Euro zusätzlich noch einen Pulsmesser für den Oberarm zugelegt. Diese beiden gekoppelt, geben recht verlässliche Werte für die Trainingssteuerung. Früher habe ich den Finger an die Halsschlagader gelegt, 15 Sekunden lang die Schläge gezählt und gedacht: Passt. Das reicht heute nicht mehr. Ich brauche zumindest meine Hfmax (maximale Herzfrequenz) und meinen Durchschnittspuls für das Posting danach. Ja, das mache ich tatsächlich.

Mehrfach die Woche lasse ich meine "Follower" an meinen Lauferlebnissen teilhaben. Follower, die gab's früher auch nicht. Wenn mir einer gefolgt ist, dann bin ich einfach schneller gelaufen. Doch heute freue ich mich darüber. Meine Follower sehen, wie ich trainiere und bei Wettkämpfen Erfolge und manchmal auch Niederlagen sammle.

Wenn sie meine Beiträge liken, erhöhen sie meine Freude. Wenn sie mich bedauern, ist ein Misserfolg nur halb so schlimm. Und wenn sie mich beneiden, um die wunderschöne Strecke und die tolle Aussicht auf dem Foto, das ich beim Laufen mit dem Selbstauslöser der Handykamera gemacht habe, und deshalb eigens dreimal auf den Countdown der Smartphone-App zugelaufen bin, damit ein brauchbares Bild rauskommt, und dadurch leider meinen Kilometerschnitt versaut habe, dann schmeicheln sie mir. Das Teilen von Lauferlebnissen macht Freude und Freunde. Und deshalb tue nicht nur ich das, sondern ganz viele Hobbyläufer, Elitesportler und sogar Topmanager.

Es fing zunächst mit Facebook an. Dann zogen die Plattformen der führenden Uhrenanbieter Polar und Garmin nach. Jetzt macht sich die 2009 gegründete Plattform Strava immer breiter. 2015 habe ich erstmals davon gehört, als mir ein Lauffreund auf einer schönen gemeinsamen Laufrunde empfahl, einige der netten Trails doch als Segment anzulegen. 2017 habe ich begonnen, meine Uhr mit dieser Plattform zu synchronisieren, aber noch nichts veröffentlicht. Erst im April 2019, als ich auf der Fitness- und Sportmesse FIBO erneut von diesem "Sozialen Netzwerk für Ausdauersportler" hörte, habe ich mich geöffnet. Und heute finde ich das richtig, richtig cool.

Neue Lauffreunde finden, neue Strecken entdecken

Ich teile hier viele Lauferlebnisse und damit meine gelaufenen Kilometer, Geschwindigkeiten, Höhenmeter, Herzfrequenzwerte, einfach alles. Pinkelpausen schneidet Strava heraus, nur Zeiten in Bewegung werden veröffentlicht. Dazu ein paar Bilder, die GPS-Daten lassen meine Route erkennen, und über einen Kommentar zu meinem Posting erläuterte ich meine Trainingserlebnisse. Klar, als Lauftrainer habe ich meist eine Botschaft zu teilen. Ich stehe unter kritischer Beobachtung und manchmal rechtfertige ich mich sogar.

Aber die Freude überwiegt. Auch ich folge vielen Läuferinnen und Läufern. Und da die Strava-App unabhängig ist und Schnittstellen zu allen nennenswerten Uhrenmarken und Running-Apps hat, trifft man hier auch einen guten Schnitt der Laufgemeinde, egal ob man für die Aufzeichnung der Lauferlebnisse eine Gratis-Tracking-App nutzt oder eine Angeber-Uhr am Handgelenk trägt.

Und so entdeckt man über die sozialen Netzwerke neue Laufstrecken in der Region und vielleicht sogar neue Lauffreunde. Das aber wirklich Coole an der Strava App ist - die in ihrer Gratis-Version vollkommen ausreicht und unter strava.com auch im Internetbrowser kostenfrei funktioniert - dass man sehen kann, wer sonst noch auf den heimischen Pfaden unterwegs ist. Und da fängt der Spaß erst richtig an.

Mehr Laufvergnügen durch virtuelle Konkurrenz

Nach dem Anlegen sogenannter und oben schon erwähnter "Segmente", dies sind in der Regel schöne und/oder viel gelaufene Teilabschnitte zwischen 400 und 2000 Metern, kann man sehen, wer diese sonst noch läuft und vor allem wie schnell. Und dann fängt das Kopfkino an:

"Wenn der Müller aus der Nachbarschaft 6:32 Minuten für dieses Segment gebraucht hat, das sollte doch schneller gehen."

Ab in die Laufschuhe und nach 45 Minuten Dauerlaufen, davon aber nur 6:25 Minuten über das "Dorfweihersprint" genannte Segment, bekommt der Müller über die Strava-App eine Push-Nachricht.

"Oh nein, Schmitz hat gerade dein Segment gestohlen".

Müller geht online, schaut sich den Schlamassel an und denkt über seinen Nachbarn:

"Warte nur Schmitz, morgen kriegst du die passende Antwort".

Früher war nicht alles besser. Einfacher ganz sicher. Sich vor dem Sport aber adrett anzuziehen, damit die Fotos auch etwas hermachen, die Lauferlebnisse mit seinen Freunden zu teilen und auch den anderen online beim Sport zu folgen, dies kann das Laufvergnügen deutlich intensivieren. In diesem Sinne: Wir sehen uns im Netz.

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