Lauftipp des Monats: Kollegial oder kompetitiv? Hilfe, ich gewinne gerne!

Von Sonja von Opel
Siegen wollen ist okay: Laufcoach Sonja von Opel

Siegen wollen ist okay: Laufcoach Sonja von Opel

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Michael Reusse

Sonja von Opel
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Michael Reusse

Sonja von Opel ist Laufexpertin und Lebensläuferin. Mit einer Marathonbestzeit von 2:52h und als erfolgreiche Ultraläuferin gibt sie ihr Wissen und ihre Liebe zum Laufen in Laufcamps, Vorträgen, Büchern und vor allem als Online-Coach von über 100 Athleten pro Saison mit großer Begeisterung weiter. Als Geschäftsführerin der "Sonja von Opel Sports GmbH" bewegt sie nicht nur ihre Athleten vom Schreibtisch aus, sondern veranstaltet das ganze Jahr hindurch Laufreisen, Trainingscamps und Sportevents:
www.opelrunningteam.com  

Darf ich beim Firmenlauf alle Kollegen samt Chef besiegen? - "Was für eine blöde Frage!", werden viele von Ihnen jetzt denken. Natürlich darf ich bei einem Wettrennen schneller sein als andere. Darum geht es doch schließlich!

Standen Sie dieses Jahr schon an der Startlinie eines Firmenlaufs oder sind Sie beim Stadtlauf mitgelaufen? Was sind Sie für ein Typ? Geht es ums Dabeisein oder um Leben und Tod? Klar, wer sich beim Berlin Marathon an die Startlinie stellt und sich Siegchancen ausrechnet, der ist entweder ein gut bezahlter Vollprofi mit vier Pacemakern um sich herum, oder er ist ein realitätsferner Vollpfosten, was ihm aber sicherlich im Laufe des Rennens selbst auffallen wird.

Wer allerdings regelmäßig fleißig trainiert und sich entschließt, beim Volkslauf vom Volksfest in Volkmarshausen anzutreten, der hat vielleicht tatsächlich Chancen, als allererster Läufer die Ziellinie zu überqueren. Dass es nur 48 weitere Mitläufer in Volkmarshausen gibt, muss man ja nicht ständig betonen, aber hey, man steht auf dem Podest ganz oben, bekommt einen Pokal und ist für ein paar Minuten ein Held, ein Star, ein Mensch, den andere für seine Sportlichkeit bewundern. Schöne Vorstellung, oder?

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Und wenn man den Dreh dann raushat, dann läuft man nur noch bei den Veranstaltungen mit, bei denen man die Konkurrenz im Griff hat. Ach, was interessiert am Ende die Zeit, wichtig ist, dass der Gegner aus der eigenen Altersklasse besiegt wird. Die Vorbereitung auf einen Lauf besteht zu großen Teilen aus Recherche: Starterlisten werden studiert, Konkurrenten ausgemacht, alte Ergebnislisten werden gewälzt und Strategien für den richtigen Zeitpunkt der entsprechenden Überholmanöver werden festgelegt.

Psychologische Kriegsführung vor dem Startschuss ist ebenfalls enorm wichtig: "Och nö, ich habe eigentlich gar nicht trainieren können in den letzten zwei Monaten. Mal schauen, was heute so geht…" Der Gegner wird in Sicherheit gewiegt, um ihn schließlich beim Rennen gnadenlos in Grund und Boden zu laufen. Ist er überholt, gilt ein ganz wichtiger Grundsatz: Bloß nicht mehr umdrehen, denn das signalisiert Schwäche!

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Jetzt sind sie nicht mehr bei mir? Zu unsympathisch? Nicht ihre Welt? Ja was denn nun? Ehrgeiziger Kämpfer oder Kollege auf Schmusekurs? Ach, Sie sehen sich auf dem gesunden Mittelweg. Im Grunde kämpfen Sie immer nur gegen sich selbst, gegen ihre eigene Uhr. #beatyesterday und so… Wenn Sie mit System und nach Plan trainieren, dann vor allem, um ihre persönliche Bestzeit auf einer bestimmten Strecke zu verbessern. Sehr löblich! Der Sekundenzeiger als Endgegner.

Aber was machen Sie, wenn Sie immer älter werden, noch immer gerne laufen, auch bei Wettkämpfen, aber einfach nicht mehr an die persönlichen Bestleistungen von früher rankommen? Dann sind Sie froh, dass es Altersklassenwertungen gibt, denn hier können Sie feststellen, ob Sie ihm Rahmen ihrer Möglichkeiten eher gut oder eher schlecht abgeschnitten haben. Und ehe Sie sich versehen, stehen Sie doch auf einem Podest und halten einen Pokal nach oben, denn Sie haben die AK 55 gewonnen. Und ich kann Ihnen sagen: Sie werden dieses Gefühl lieben. Ja, es wird Sie süchtig machen.

Ist das schlimm? Schlimm ist, wenn man nicht die richtige Haltung findet. Ich gebe zu, Männer sind da irgendwie oft die besseren Sportler, was Haltung und Charakter betrifft. Es mag klischeehaft klingen, aber ich beobachte oft, dass Männer zusammen trainieren, dabei nicht besonders viel reden, sich abklatschen; sie stehen nebeneinander an der Startlinie, sind plötzlich ganz bei sich, machen ihr Rennen, kämpfen bis aufs Blut, gewinnen oder verlieren gegen den anderen Läufer, klatschen sich im Ziel wieder ab und gehen gemeinsam ein Bier trinken.

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Frauen trainieren hingegen öfter getrennt voneinander, quasseln aber wie die Wasserfälle, wenn sie aufeinandertreffen, beäugen sich dennoch skeptisch und heimlich gegenseitig, erzählen sich an der Startlinie, wie wenig sie aktuell draufhaben, kämpfen unterwegs dennoch sehr verbissen gegen die Konkurrentin, um ihr dann im Ziel möglichst schnell aus dem Weg zu gehen, und zwar unabhängig davon, ob sie gewonnen oder verloren hat. Gut, so geht es vor allem unter den Frauen zu, die ständig vorne mitlaufen.

Männer sind entspannt, solange sie vor der ersten Frau laufen

Hier gibt es übrigens noch ein lustiges Phänomen: Männer sind sehr entspannt, so lange sie vor der ersten Frau laufen. Nicht selten habe ich von Männern im Ziel schon den Satz gehört: "Doch, war ein gutes Rennen. Hab zwar nicht meine gewünschte Zeit geschafft, aber immerhin war ich vor der ersten Frau im Ziel." Herrlich! Neulich habe ich in Wiesbaden einen 50-Kilometer-Ultratrail gewonnen. Also, ich habe so richtig gewonnen, und zwar vor dem ersten Mann. Leider wurden bei der Siegerehrung Männer und Frauen getrennt voneinander geehrt: Die drei schnellsten Männer und die drei schnellsten Frauen. Hätte gerne mal bei den drei schnellsten Menschen ganz oben gestanden.

Aber zurück zum Ihnen. Wie gehen Sie denn nun an die Sache mit dem bevorstehenden Firmenlauf am besten ran? Auch, wenn Sie nicht in der Liga der Allerschnellsten mitspielen, Sie haben beim wöchentlichen Firmenlauftreff schon gemerkt, dass Sie zumindest von den Kollegen aus der IT der Flotteste sind. Müssen Sie sich jetzt zurücknehmen, damit das Arbeitsklima in Zukunft positiv bleibt? Machen Sie sich unbeliebt, wenn Sie den Rest Ihrer Firma läuferisch in die Schranken weisen?

Was ist denn die Alternative? Sie könnten ganz kollegial die etwas übergewichtige Controllerin aus dem Nachbarbüro "pacen", damit sie ihr Ziel erreicht, den Firmenlauf ohne Gehpausen zu bewältigen. Und dann gewinnt der Praktikant die firmeninterne Meisterschaft und wird Sie wochenlang damit nerven, dass er schneller war, weil Sie das Duell gescheut haben. Nichts da! Sie sind gesund, Sie sind fit, Sie haben Lust: Auf in den Kampf!

Man kann den Fortschritt der Menschheit gut oder schlecht finden, aber ich glaube, wir alle sind stolz, dass wir nicht mehr in Steinhöhlen Mammutfleisch von Holzspießen fressen. Und warum ist das so? Weil wir Menschen uns gegenseitig beflügeln, indem wir uns miteinander vergleichen und uns dadurch immer weiter pushen. Man kann der sozialste Mensch von allen, die reichste Frau, der schönste Mann, der schnellste Autofahrer, der schlauste Wissenschaftler, der begnadetste Musiker, der klügste Schriftsteller, der berühmteste Maler oder eben der beste Läufer sein.

Und man richtet mit diesem ehrgeizigen Verhalten keinen Schaden an, im Gegenteil: Man bringt die Menschheit oder zumindest die Gesellschaft, in der man lebt, wieder ein Stückchen weiter nach vorne, weil man neue Maßstäbe setzt. Also laufen Sie! Kämpfen Sie! Gewinnen Sie! Für den Weltfrieden und für ihr eigenes kleines Glücksgefühl. Und für alle, die hinter Ihnen ins Ziel kommen, damit die wissen, wo es lang geht. Sie brauchen aber nicht abheben, denn ganz bestimmt gibt es irgendwo auf der Welt jemanden, der schneller ist, als sie. Sie können ja mal auf der Startlinie vom Berlin Marathon nachschauen.

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