Freitag, 23. August 2019

Lauftipp des Monats: Kollegial oder kompetitiv? Hilfe, ich gewinne gerne!

Siegen wollen ist okay: Laufcoach Sonja von Opel
Michael Reusse
Siegen wollen ist okay: Laufcoach Sonja von Opel

2. Teil: Männer sind entspannt, solange sie vor der ersten Frau laufen

Hier gibt es übrigens noch ein lustiges Phänomen: Männer sind sehr entspannt, so lange sie vor der ersten Frau laufen. Nicht selten habe ich von Männern im Ziel schon den Satz gehört: "Doch, war ein gutes Rennen. Hab zwar nicht meine gewünschte Zeit geschafft, aber immerhin war ich vor der ersten Frau im Ziel." Herrlich! Neulich habe ich in Wiesbaden einen 50-Kilometer-Ultratrail gewonnen. Also, ich habe so richtig gewonnen, und zwar vor dem ersten Mann. Leider wurden bei der Siegerehrung Männer und Frauen getrennt voneinander geehrt: Die drei schnellsten Männer und die drei schnellsten Frauen. Hätte gerne mal bei den drei schnellsten Menschen ganz oben gestanden.

Aber zurück zum Ihnen. Wie gehen Sie denn nun an die Sache mit dem bevorstehenden Firmenlauf am besten ran? Auch, wenn Sie nicht in der Liga der Allerschnellsten mitspielen, Sie haben beim wöchentlichen Firmenlauftreff schon gemerkt, dass Sie zumindest von den Kollegen aus der IT der Flotteste sind. Müssen Sie sich jetzt zurücknehmen, damit das Arbeitsklima in Zukunft positiv bleibt? Machen Sie sich unbeliebt, wenn Sie den Rest Ihrer Firma läuferisch in die Schranken weisen?

Was ist denn die Alternative? Sie könnten ganz kollegial die etwas übergewichtige Controllerin aus dem Nachbarbüro "pacen", damit sie ihr Ziel erreicht, den Firmenlauf ohne Gehpausen zu bewältigen. Und dann gewinnt der Praktikant die firmeninterne Meisterschaft und wird Sie wochenlang damit nerven, dass er schneller war, weil Sie das Duell gescheut haben. Nichts da! Sie sind gesund, Sie sind fit, Sie haben Lust: Auf in den Kampf!

Man kann den Fortschritt der Menschheit gut oder schlecht finden, aber ich glaube, wir alle sind stolz, dass wir nicht mehr in Steinhöhlen Mammutfleisch von Holzspießen fressen. Und warum ist das so? Weil wir Menschen uns gegenseitig beflügeln, indem wir uns miteinander vergleichen und uns dadurch immer weiter pushen. Man kann der sozialste Mensch von allen, die reichste Frau, der schönste Mann, der schnellste Autofahrer, der schlauste Wissenschaftler, der begnadetste Musiker, der klügste Schriftsteller, der berühmteste Maler oder eben der beste Läufer sein.

Und man richtet mit diesem ehrgeizigen Verhalten keinen Schaden an, im Gegenteil: Man bringt die Menschheit oder zumindest die Gesellschaft, in der man lebt, wieder ein Stückchen weiter nach vorne, weil man neue Maßstäbe setzt. Also laufen Sie! Kämpfen Sie! Gewinnen Sie! Für den Weltfrieden und für ihr eigenes kleines Glücksgefühl. Und für alle, die hinter Ihnen ins Ziel kommen, damit die wissen, wo es lang geht. Sie brauchen aber nicht abheben, denn ganz bestimmt gibt es irgendwo auf der Welt jemanden, der schneller ist, als sie. Sie können ja mal auf der Startlinie vom Berlin Marathon nachschauen.

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