Dienstag, 16. Juli 2019

Gutes Training ohne Wettkampf Läufe für die Seele

Laufcoach Sonja von Opel
Sonja von Opel
Laufcoach Sonja von Opel

Wenn man über den Unterschied zwischen Joggern und Läufern nachdenkt, kommt man meist zu dem Schluss, dass Läufer sich gezielt auf Wettkämpfe vorbereiten und Jogger nur so vor sich hin traben, um frische Luft zu schnappen und abzunehmen. Ich selbst bin seit mehr als 16 Jahren diesem Sport treu und bezeichne mich definitiv als Läuferin. (Lesen Sie auch: Welcher Läufertyp sind Sie?)

Sonja von Opel
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    Michael Reusse
    Sonja von Opel ist Laufexpertin und Lebensläuferin. Mit einer Marathonbestzeit von 2:52h und als erfolgreiche Ultraläuferin gibt sie ihr Wissen und ihre Liebe zum Laufen in Laufcamps, Vorträgen, Büchern und vor allem als Online-Coach von über 100 Athleten pro Saison mit großer Begeisterung weiter. Als Geschäftsführerin der "Sonja von Opel Sports GmbH" bewegt sie nicht nur ihre Athleten vom Schreibtisch aus, sondern veranstaltet das ganze Jahr hindurch Laufreisen, Trainingscamps und Sportevents:

    www.opelrunningteam.com

Von 1500 Metern auf der Bahn bis 74 Kilometern am Rennsteig bin ich im Wettkampf alle Distanzen gelaufen. In dieser Saison habe ich mich allerdings aus verschiedenen Gründen bewusst gegen die Teilnahme an Wettkämpfen entschieden, was mich aber meiner Meinung nach nicht zur Joggerin degradiert. Denn immerhin habe ich mir gerade erst meinen letzten großen Läufertraum erfüllt: 100 Kilometer am Stück. Im Laufschritt. Ohne nennenswerte Pause. Aber eben nicht im Wettkampf, sondern ganz privat. Gilt das dann trotzdem? Selbstverständlich! Hier folgt nun ein Plädoyer für Läufe, die man komplett mit dem Herzen läuft.

Statt einer Finishermedaille bekommt man nach einem privaten Laufabenteuer etwas ganz anderes: Glück und Zufriedenheit. Vorstartnervosität, Versagensängste und Enttäuschungen, weil eine bestimmte Platzierung oder Bestzeit nicht erreicht wurden, gibt es nicht, wenn man ein Laufprojekt nur für sich alleine plant. Was es allerdings schon gibt, ist eine intensive Vorbereitung. Und mal ganz ehrlich: Um die geht es uns Läufern doch auch. Der Weg ist das Ziel! Wie weit der Weg sein soll, bestimmt jeder für sich.

Planen Sie Ihr Laufabenteuer wie eine Expedition und beginnen Sie damit, sich zu überlegen, wo genau die Reise hingehen soll. Ich bin mit meinem 100-Kilometer-Traum sicherlich kein allgemeingültiger Maßstab, aber ich bin mir sicher, Sie können meine Gedanken nachvollziehen und auf ihre Bedürfnisse transferieren. Vielleicht möchten Sie die Wüste Gobi durchqueren oder endlich einmal rund um den heimischen Dorfteich laufen - die Ausmaße Ihres ganz persönlichen Lebenslaufs bestimmen Sie ganz alleine. Nur eine Bitte habe ich dabei an Sie: Übernehmen Sie sich nicht!

Meine Planung und Vorbereitung sahen so aus, dass ich am 1. Januar 2019 damit begann, jeden Tag in die Laufschuhe zu schlüpfen. Bis heute "streake" ich. Ein Streakrunner ist ein Läufer, der jeden Tag mindestens eine Meile, also 1,6 Kilometer im Laufschritt zurücklegt. Über den Streak hinaus bin ich seit Februar jede Woche mindestens 100 Kilometer gelaufen.

Jede Woche mindestens 100 Kilometer laufen

Diese Zahl orientiert sich an meiner eigenen Empfehlung, die ich als Coach gerne ausspreche: Wer einen Marathon laufen will, der sollte regelmäßig mindestens 42 Kilometer pro Woche laufen, wer einen Halbmarathon laufen möchte, der sollte mindestens 21 Kilometer pro Woche laufen. Na ja, und wer 100 Kilometer laufen möchte, der muss im Training Woche für Woche 100 Kilometer zurücklegen. Mit dieser Formel bin ich sehr gut gefahren, denn mit einem langen Lauf zwischen 30 und 50 Kilometern jede Woche kam ich immer recht spielerisch auf den geforderten Trainingsumfang.

Schließlich wurde geplant, wann und wo ich mein Vorhaben in die Tat umsetzen sollte. Zum Glück habe ich Freunde, die noch laufverrückter sind, als ich es bin. Im Rahmen einer Challenge, die zehn größten Seen Deutschlands zu umrunden, fehlte meinem Kumpel Micha noch der Bodensee. Er fand den gleichgesinnten Patryk, der mit ihm die 198 Kilometer in Angriff nehmen wollte und da habe ich mich einfach eingeklinkt: "Jungs, ich laufe die ersten 100 Kilometer mit Euch mit!" Psychologisch sehr geschickt, denn so war ich das kleinste Licht in der Runde und hatte hinter den großen Jungs nichts zu melden.

Nach intensiver Beobachtung des Wetterberichts wurde der Pfingstsamstag als großer Tag auserkoren. Start war um acht Uhr in Lindau und Verpflegung gab es alle 15 bis 20 Kilometer aus dem Fahrzeug, das mein Mann für uns fuhr. Wir hatten im Vorfeld einen GPS Track rund um den See angelegt, an dem sich sowohl wir Läufer, wie auch mein Mann orientieren konnten. Dank "Live Status" in der WhatsApp-Gruppe war das Finden der mobilen Verpflegungsstelle ein Kinderspiel. Das Tempo war stets ein bisschen langsamer, als ich es alleine gelaufen wäre, was aber zur Folge hatte, dass mir nie die Luft ausging.

Zwischen Kilometer 90 und 100 lief ich meinen schnellsten 10er-Split und kam noch vor 20 Uhr in Stein am Rhein beim selbsternannten Ziel an. Die Jungs liefen tatsächlich durch die Nacht weiter und schafften den kompletten Bodensee in 24 bzw. 26 Stunden. Noch mal: Keine Medaille, keine Urkunde, keine Siegerehrung für Altersklassenläufer und auch kein Applaus von Zuschauern. Aber das Gefühl, sich einen lang gehegten Wunsch mit viel Training, ein bisschen Planung, den besten Freunden und ganz viel Tatkraft geschafft zu haben, rührt noch immer mein Herz und macht mich unendlich stolz und zufrieden.

Es ist mir völlig egal, ob ich neun oder zwölf Stunden unterwegs war

Bei jedem Marathon, den ich bisher auf Zeit gelaufen bin, geisterte am Ende die Frage durch meinen Kopf, ob da nicht doch noch was gegangen wäre. Das geht mir mit dem Bodensee-Abenteuer nicht so. Es ist mir völlig egal, ob ich neun oder zwölf Stunden unterwegs war, ob es nun 100,5 Kilometer oder 101,3 Kilometer waren. Ich bin von Lindau nach Stein am Rhein gelaufen und das zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang.

Aber ja, ich gebe zu, dass dieses Glücksgefühl, sowohl während des Laufs, wie auch hinterher, extrem süchtig macht. Und so zog ich gleich eine Woche später noch mal los, weil ich so Sehnsucht nach diesen selbererlaufenen Emotionen habe. Mit dem Zug ging es von München aus nach Scharnitz in Tirol. Von dort lief ich zum Ursprung der Isar und dann immer am Wasser entlang wieder zurück nach Hause nach Pullach. 136 Kilometer in 48 Stunden. Zwei Übernachtungen, erst in Scharnitz, dann in Bad Tölz. Keine Verpflegung, nur Wasser aus der Isar, Mittagessen im Gasthaus und Abendessen in der jeweiligen Pension. Kein GPS-Track, sondern Navigation immer entlang des Flusses, der mir mit jedem Kilometer vertrauter wurde und mir am dritten Tag vorkam wie mein Hund, der mich ebenso schweigend und treu bei meinen Läufen begleitet. Da die Isar nicht in Pullach endet, werde ich definitiv noch weiterlaufen, denn ich will wissen, wie sie sich entwickelt, wo sie sich überall durchschlängelt und wie sie in die Donau mündet. Ich freue mich schon drauf!

Und Sie? Haben Sie Lust bekommen, sich auch ein ganz persönliches Abenteuer auszudenken? Ich kann Seeumrundungen oder Flussläufe sehr empfehlen, weil der Weg leicht zu finden und das Profil meist flach ist. Aber den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Sie können Gebirge durchqueren, Gipfel erlaufen, Küsten erobern oder sich wie gesagt die Wüste Gobi vornehmen. Träumen Sie, dann können Sie es auch machen!

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