Donnerstag, 14. November 2019

Was man am Berg fürs Leben lernt Klettern und Scheitern

Klettern: Am Berg fürs Leben lernen
Echo via Getty Images

Nirgends kann man die Kunst des eleganten und lehrreichen Scheiterns so gut lernen wie am Berg. Denn eine anspruchsvolle Kletterroute verzeiht keine Fehler. Aber das Gute ist: Man kann es immer wieder neu probieren.

Die Geister scheiden sich daran, ob Scheitern das große Tabu der Gegenwart oder das Geheimnis, die Essenz der Zukunftsgesellschaft ist. So viel ist aber klar: Zum Klettern gehört es unvermeidbar dazu. Und seit meinem ersten Tag am Fels hat mich dieser Aspekt des Sports fasziniert.

Denn ich bin nicht gerade der Typ Mensch, der gelassen scheitert, nach der Devise Macht nix, ich lerne daraus und versuch es einfach später noch mal. Vielmehr neige ich zu Ausbrüchen von Wut und Ärger und - je nach Grad der Erregung - leise oder laut ausgestoßenen Flüchen (während sich meine Begleiter am Wandfuß peinlich berührt vor den Blicken der anderen Seilschaften verstecken).

Buchtipp

Stephen E. Schmid, Peter Reichenbach (Hrsg.)
Die Philosophie des Kletterns

Der Text "Klettern und Scheitern" ist eine gekürzte Fassung des Kapitels "Fail Again. Fail Better. Über Klettern und Scheitern" von Melanie Müller.


Mairisch Verlag, gebunden, 224 Seiten, 15. September 2014, 19,90 Euro

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Die ersten Erfahrungen am Fels bleiben von dieser Frustration meist noch unberührt, denn da geht es in jeder Hinsicht vor allem: aufwärts. Doch nur wenig später habe ich im Klettergarten bereits neidvoll auf jene geblickt, die aus einer Route fallen und dabei scheinbar tiefenentspannt bleiben (Lacht der? Der lacht!). Jene yogigleichen Wesen, die sich am Boden angekommen erst mal gemütlich die Hände ausschütteln, bevor sie eine ausgiebige Analyse der gemachten Fehler mit ihrem Seilpartner starten und es dann gleich noch mal probieren.

Viel eifersüchtiger als auf die Schwierigkeitsgrade war ich auf diese Coolness und pure Sturheit, so lange wieder einzusteigen, bis der Wand klargemacht wurde, dass man ihr Du kommst hier nicht rauf nicht akzeptiert. Ziemlich schnell habe ich als Anfängerin verstanden: Das sind diejenigen, die wirklich gut werden und auch noch Spaß dabei haben. Erfolg hat beim Klettern vor allem, wer vorm Scheitern keine Angst hat.

Immer wieder rausfallen, immer wiederkommen

Denn wer sich schon nach dem ersten Sturz verspannt, der kann den zweiten Versuch meistens auch gleich bleiben lassen. Es braucht Frustrationstoleranz, um wochen-, monate- oder jahrelang zu irgendwelchen Routen zu pilgern, immer wieder rauszufallen und trotzdem wiederzukommen. Als (Seil-)Partnerin eines sehr erfahrenen und ehrgeizigen Kletterers habe ich in den ersten Jahren nicht nur Klettern, sondern auch Scheitern ausgiebig geübt. Mich quasi zur Expertin entwickelt.

Oft genug bin ich in Routen eingestiegen, die noch viel zu schwer waren, und habe schon vor dem zweiten Haken aufgeben müssen. Durfte in alpinen Routen herausfinden, wie schlecht man klettert, wenn man Angst hat (egal, wie oft er über einem zwitschert: "Das kannst du doch, ist doch easy. Der Boulder letztens war viel, viel schwerer.").

Irgendwann habe ich verstanden, dass die Kletterschuhe eines Tages in der Ecke liegen bleiben werden, wenn man nicht lernt, Erfahrungen des Scheiterns positiv zu bewältigen. Dass hier die Trennlinie zwischen den Erfolgreichen und den Schlechtgelaunten im Klettergarten gezogen wird. Seitdem gehört das Erforschen dieser magischen Grenze für mich zu den spannendsten Herausforderungen des Kletterns.

Misserfolge gehören zu jedem Sport. Fürs Klettern gilt das in besonderem Maße. Der nächste Schwierigkeitsgrad wird selten aus dem Ärmel geschüttelt. Fehler sind auf diesem Weg aber nicht nur Hindernisse, sondern auch Helfer. Im besten Fall werden wir durch Scheitern gescheiter. Es verweist auf noch ungenutzte Möglichkeiten und Ressourcen, zeigt uns, wohin wir uns entwickeln müssen, um neue Leistungsebenen zu erreichen.

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