Samstag, 21. September 2019

Was man am Berg fürs Leben lernt Klettern und Scheitern

Klettern: Am Berg fürs Leben lernen
Echo via Getty Images

3. Teil: Im Klettern erlebt man den Flow

Die Prinzipien der Erfolgsgesellschaft, in der Leistung oberste Maxime ist, sind auch am Klettern nicht spurlos vorbeigegangen. Vom Aussteigersport ist es in manchen Bereichen (zum Beispiel im Sport- und Wettkampfklettern) zum Leistungssport geworden. Und hier zählt, wer zu den Besten gehört. Wer im richtigen Moment eben nicht scheitert.

Wertvoller Bestandteil der Erfahrung wird Scheitern dagegen dann, wenn es um die Freude am Tun geht. Wenn das Handeln selbst zum Ziel und zum Bestandteil des Seins wird. Dabei kommt die Belohnung aus dem Inneren und nicht als Anerkennung von außen. Für viele liegt genau darin die Mystik des Kletterns: Dass Vergangenheit und Zukunft (und mit ihr etwaige Ziele) für einen Moment in den Hintergrund treten und das Erleben der Gegenwart so stark wird, dass alles zu fließen beginnt - die Bewegung, der Atem - und sich die Grenzen zwischen Ich und Umwelt, zwischen Bewusstsein und Handlung auflösen. Der Glücksforscher Mihaly Csíkszentmihályi hat dieses Erleben als Flow bezeichnet und den Klettersport explizit als eine Tätigkeit genannt, die diesen begünstigt.

Fürs Flow-Erleben ist die Möglichkeit des Scheiterns wesentliche Voraussetzung. Damit das selbstvergessene Spiel mit dem Moment den Endorphin-Hahn im Gehirn aufdrehen kann, braucht es ein gewisses Maß an Unvorhersehbarkeit. Denn die "Freude tritt an der Grenze zwischen Langeweile und Unsicherheit auf, wenn sich die Herausforderungen mit den Fähigkeiten des Menschen die Waage halten".

Mehr noch, es hat sich für den Glücksforscher gezeigt, "dass das, was Menschen Freude bringt, nicht das Gefühl ist, Herr der Lage zu sein, sondern in schwierigen Situationen Kontrolle auszuüben. [...] Erst wenn ein Ausgang zweifelhaft erscheint und man in der Lage ist, diesen Ausgang zu beeinflussen, kann man tatsächlich erfahren, ob man eine Situation beherrscht."

Nur im Grenzgang lernen wir aufwärts zu fließen

Durch die Möglichkeit des Scheiterns wird die Erfahrung so stark. Nur im Grenzgang lernen wir aufwärts zu fließen. Zusätzlich fördert Klettern das Flow-Erleben unter anderem durch klare, überschaubare Ziele und unmittelbare Rückmeldungen: Ich falle oder ich falle nicht. Jede Sekunde weiß man in der Senkrechten ganz unmissverständlich, ob man seine Sache gut macht. Das Ziel ist klar umrissen und wird im Tun dennoch nachrangig. Klarheit und Kontrolle ermöglichen ein Glück, das letztlich schwerer wiegt als ein weiteres Häkchen auf der Routenliste oder hinter einem Schwierigkeitsgrad.

Denn egal, wie schmal die Leisten auch sein mögen: Ein Projekt ist etwas sehr Konkretes, an dem wir uns festhalten können. Und das ist besonders kostbar, wenn wir gegen Orientierungslosigkeit kämpfen. Für Klettergott Chris Sharma hat der Erfolg manchmal einen bittereren Nachgeschmack als das Scheitern. Immer wieder berichtet er in Interviews, dass ihm seine Projekte einen Anker im Leben bieten: "Durch sie bleibe ich zentriert und geerdet. Ohne sie treibe ich dahin. [...] Es ist gut, Projekte zu haben. Dann fühlt sich alles so klar an. Es gibt keine offenen Fragen."

Ein eindeutiger Fokus, eine überschaubare Aufgabe - von da nach da, an diesem Stückchen Fels. Manchmal macht die Exponiertheit unserer Existenz eben mehr Angst als das Ausgesetztsein am Fels. Am Ende eines bewältigten Projekts steht für Chris Sharma neben einer kurzen Freude schon wieder das Gefühl der Verlorenheit angesichts unendlicher Möglichkeiten: "Ich fühle mich irgendwie verloren." Es droht ein Scheitern ganz anderen Ausmaßes. Nicht an der Route, am Fels, sondern am Leben selbst. Der Fokus auf ein beherrschbares Projekt hilft dabei, Gefühle des Kontrollverlusts, die Angst vor dem nicht gelingenden Leben in Schach zu halten.

Die Möglichkeit des Scheiterns gibt dabei der Erfahrung erst ihre Tiefe. Der Triumph über das Ungewisse wird zur Erfahrung der Selbstmächtigkeit. Besonders gilt dies natürlich für das Free-Solo-Klettern. Hier bedeutet ein Scheitern den Tod, und gerade dadurch wird die Lebenslust maximal gesteigert: "Für kurze Zeit, für einen Lichtblitz in meinem Leben, existierte ich nur im Jetzt, in der Gegenwart - die Intensität des gerade Erlebten ließ keine Gedanken an die Vergangenheit oder die Zukunft zu und machte mich völlig frei", erzählt Alexander Huber nach seinem Free-Solo durch die Direttissima der Großen Zinne.

Sei also sturer als das Scheitern. Denn es beinhaltet immer auch die Möglichkeit des Gelingens. Ganz im Sinne Samuel Becketts: "Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better." Richtet man den Fokus auf den Moment, wird jede Erfahrung kostbar. Ich selbst habe gemerkt, dass aus der Liaison mit dem Klettern eine Liebesgeschichte geworden ist, als ich grinsen musste, obwohl ich gerade aus meinem Projekt gefallen war. Ich habe mich einfach auf den nächsten Versuch gefreut. Noch besser, als gar nicht zu stürzen, hat es sich angefühlt, vor dem Fallen keine Angst mehr zu haben.

Zur Autorin
  • Copyright: Marie Bleyer
    Marie Bleyer
    Melanie Müller ist Redakteurin, freie Autorin und Yogalehrerin in Wien. Sie schreibt u. a. für das Land der Berge-Magazin. Aufgewachsen auf einer Salzburger Alm, brauchte sie erst einige Jahre in der Großstadt und in staubigen Theaterproberäumen, um ihre Liebe zu steilem Fels und frischer Luft wiederzuentdecken. Heute ist sie - ihrer Höhenangst zum Trotz - am liebsten in den Bergen Österreichs und Südtirols in Kletter-, Wander- und Skischuhen unterwegs. Und tauscht ohne zu zögern eine Nacht auf dem Crashpad vor dem Lagerfeuer gegen jede Suite mit offenem Kamin. Online findet man sie unter: www.melaniemueller.at

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