Dienstag, 17. September 2019

Was man am Berg fürs Leben lernt Klettern und Scheitern

Klettern: Am Berg fürs Leben lernen
Echo via Getty Images

2. Teil: Die Schwerkraft ist der beste Lehrer

Die Schwerkraft ist der beste Lehrer, wenn es darum geht, zu verstehen, wo die eigenen Schwachstellen liegen. Fallen bedeutet daher häufig nicht: Das geht nicht!, sondern Ich verstehe es noch nicht richtig. Was nach vielen Wiederholungen aussieht, ist im besten Fall eine Entwicklung. Noch kraftsparender greifen. Den Fuß höher setzen. Den Körperschwerpunkt etwas verschieben. Den Moment des Clippens besser timen. Wenn wir dann immer noch ins Seil fallen, dann nicht, weil es falsch ist, was wir tun - sondern eben noch nicht richtig genug.

Wer das verinnerlicht, kämpft, hadert und flucht vielleicht ein bisschen weniger. Steht sich damit weniger selbst im Weg. So eröffnen Misserfolge plötzlich neue Handlungsmöglichkeiten, kreative Varianten und motivieren sogar. Und solange wir wieder einsteigen, nicht aufgeben, handeln, sind wir nicht völlig gescheitert. Darin liegt ein "Nutzen ungelöster Probleme": sie verweisen auf die eigenen ungenutzten Ressourcen.

Versagen ist also für Kletterer weniger gefährlich als Versagensangst. Findet übrigens auch einer, der es wissen muss: Dave MacLeod, Top-Kletterer aus Schottland. Für ihn ist die Vorstellung, beim Klettern müsse man Scheitern vermeiden, "der wesentliche Grund dafür, weshalb jemand sein Potenzial nicht voll ausreizen kann".

Das unterscheidet also die, die irgendwann das Seil dazu benutzen, um die Wäsche aufzuhängen, von denen, die schneller, weiter und höher kommen. Erstere sehen im Scheitern die Grenze, das ärgerliche Ende. Letztere eine Möglichkeit zur Entwicklung - durch Feedback von innen (zum Beispiel durch das eigene kinästhetische Empfinden) und außen (zum Beispiel von anderen Kletterern).

Scheitern wird zum Teil der Lösung für das Problem

Die Verarbeitung und Integration der Rückmeldung ermöglicht schließlich die optimale Abstimmung von Kraftaufwand und Entspannung, Greifen und Steigen, den Durchstieg und den Erfolg. Trial and error als Erfolgsstrategie. Die Fehlversuche weisen den Weg zum gewünschten Ergebnis. Der eine tüftelt zielgerichtet an einzelnen Zügen. Der andere probiert wild herum, bis er die Lösung hat. Oft ist es die Kombination aus beidem.

So oder so verleiht diese Perspektive dem Fehlermachen einen Sinn. Denn es verweist auf Möglichkeiten, an die man noch nicht gedacht hat, führt zu Variationen, auf die man sonst nicht gekommen wäre, setzt das bisher unentdeckte Potenzial frei. Jeder gewonnene Millimeter, jeder gemeisterte Zug darf als Erfolg auf dem Weg zum Ziel gewertet werden. Scheitern wird zum Teil der Lösung für das Problem.

Hat einen das Projekt oft genug abgeschüttelt, hat man endlich alle Puzzleteile zusammengefügt, dann steht man plötzlich ganz oben. Und der Erfolg, den man sich mit Mut und Ausdauer erarbeitet hat, ist bekanntlich tausendmal süßer als der, der einem in die offene Hand gelegt wird. Ergibt das Scheitern vielleicht also nicht nur einen Sinn, sondern macht die Erfahrung erst so kostbar?

Die Antwort lautet: Jein! An diesem Punkt kommt die Motivation ins Spiel und auf die Waagschale. Also der Grund, warum ich den ersten Versuch überhaupt angehe. Steht der Leistungsgedanke im Vordergrund, wiegt das Scheitern natürlich schwer. Denn wenn es vor allem die Sehnsucht nach dem nächsten Schwierigkeitsgrad, dem Bessersein als die anderen, dem Schulterklopfen der Freunde ist, die einen an den Fels (oder ans Plastik) treibt, dann richtet sich der Fokus verstärkt auf das Ziel. Der Weg dahin ist Mühsal, die es zu überwinden gilt, das Fallen ist lästiges Hindernis.

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