Männergesundheit Warum Fußballfans etwas für ihre Gesundheit tun

Warum sind Männer so häufig Fußballfans? Und was hat das Fansein mit der eigenen Gesundheit zu tun? Autorin Carola Kleinschmidt ist der Frage nachgegangen, wie man Männer für die eigene Gesundheit interessieren kann.
Typisch Mann: Stärke beweisen.

Typisch Mann: Stärke beweisen.

Foto: Oliver Berg/ picture-alliance/ dpa

Mit dem Wohlbefinden des Mannes verhält es sich paradox: "Wenn man Männer und Frauen nach ihrer Gesundheit befragt, sagen mehr Männer als Frauen, dass es ihnen gut geht", erklärt Anne Starker, Projektleiterin des Berichts "Gesundheitliche Lage der Männer in Deutschland", den das Robert-Koch-Institut Ende 2014 veröffentlichte. Subjektiv fühlt sich die männliche Bevölkerung also gesünder als die weibliche. Nur: Diese Selbsteinschätzung stimmt mit den objektiven Krankheitsdaten nicht überein. Denn die deutschen Männer sind objektiv kränker als die deutschen Frauen. Vor allem bei den Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen sowie bei Süchten sind Männer in der Statistik ganz weit vorne.

Nach wie vor stehen Gesundheits-Experten etwas ratlos vor diesem so genannten Genderparadox und fragen sich: Warum agieren Männer so? Wieso ist der Mann auf dem Gesundheitsauge nachhaltig blind? Und wie könnte man ihren Fokus auf den gesunden Lebensstil und Vorsorge lenken? Dabei geht es den Experten nicht nur darum, Kosten im Krankenkassensystem zu vermeiden, sondern auch um die Lebensqualität des männlichen Geschlechts. Schließlich sterben Männer im Schnitt immer noch fünf Jahre früher als Frauen. Viele sind vorher schon jahrelang durch ihre Erkrankungen stark beeinträchtigt.

Der moderne Mann soll vor allem stark sein

Immerhin nähert man sich inzwischen den Antworten auf die Frage, warum Männer für aktive Gesundheitsvorsorge wenig Sinn haben. Die Antwort liegt vermutlich in den heute noch gültigen Rollenidealen von männlich und weiblich. "Zu funktionieren ist für die meisten Männer im Alltag immer noch viel wichtiger als die eigenen Befindlichkeiten zu erfühlen", weiß Peter Kölln, Betriebsarzt und Experte für Männergesundheit. Auch heute noch stehen Attribute wie Stärke, Durchhaltevermögen, Biss, Zielstrebigkeit und Stabilität für Männlichkeit. Begriffe wie Softie und Weichei sind dagegen klar abwertende Vokabeln für zu gefühlige Männer.

Auch der moderne Adonis will und soll im Job seinen Mann stehen. Das Ideal des Vaters beinhaltet neben aller Emotionalität, die man von modernen Vätern erwartet, durchaus noch Stärke, Zuverlässigkeit und Leistungskraft. Ebenso wünschen sich Partnerinnen einen kraftvollen Kerl. Für Männer gilt nach wie vor in allen Rollen: "Du sollst stark und belastbar sein!" Und nicht: "Hör doch mal in Dich selber rein!"

Dieses Ideal des eigenen Rollenbildes wirkt sich auch auf das Gesundheitsverhalten aus: "Viele Männer, gehen erst zum Arzt, wenn ihre gesundheitlichen Probleme so stark sind, dass sie nicht mehr funktionieren. Bis dahin ignorieren sie die Beschwerden schlicht", beobachtet Peter Kölln, Betriebsarzt und Experte für Männergesundheit, der soeben ein Buch zum Thema veröffentlicht hat mit dem Titel "Männer im Betrieb(s)Zustand".  Für seine Recherchen hat er seine Erlebnisse als Betriebsarzt in männerdominierten Branchen ausgewertet und über 60 Experten nach ihren Erkenntnissen im Bereich Männergesundheit befragt.

Der männliche Weg

Auf der Basis seiner Erkenntnisse hat Kölln ein Modell für männliche Gesundheitsvorsorge entwickelt, das er "Sorge-Vorsorge-Modell" nennt. "Männer gehen in Sachen Gesundheit häufig einen Weg, den ich den Sorgeweg nenne", erklärt Kölln. Das heißt: Sie fangen erst an, sich um ihre Gesundheit zu kümmern, wenn sie eine gravierende Erkrankung oder ein Unfall sie dazu zwingt. Der ideale Gegenentwurf dazu wäre der Vorsorgeweg: Man hat seine Gesundheit und sein Wohlbefinden im Blick, auch wenn es einem eigentlich gut geht.

Das Problem mit der Gesundheitsvorsorge für Männer sei derzeit, dass man die Männer direkt von ihrem häufig eher problematischen Gesundheitsverhalten, dem Sorgeweg, auf den gesunden Vorsorgeweg führen wolle, stellt Kölln fest. Doch das funktioniert nicht. Denn diesem Umschwung steht das starke Rollenbild des Mannes entgegen, in dem ängstliche Vorsorge, gesundheitliche Schwächen und Gefahren keinen Platz haben.

Kölln plädiert deshalb dafür, Männer eher auf einen Mittelweg zu führen: "Man muss Männer darin unterstützen, zu sich selbst eine guttuende und akzeptierende Beziehung aufzubauen", erklärt Kölln. "Wenn man es schafft, Männer in diese Richtung der Selbstfürsorge zu begleiten, dann geschieht oftmals sehr viel", weiß Kölln. Denn dann kommen automatisch wichtige Fragen auf: "Wer bin ich eigentlich, abgesehen von meinen Rollen? Was will ich? Was brauche ich? "Diese Fragen öffnen erst den Blick für das eigene Wohlbefinden. Und die Männer finden dann auch einen ganz eigenen Weg, der sich dennoch deutlich von den Idealen der weiblichen Gesundheitsförderung unterscheidet."

Eat. Sleep.Go Fishing!

Geh doch mal angeln, Mann

Geh doch mal angeln, Mann

Foto: Ingo Wagner/ dpa

Aber wie sieht das in der Praxis aus? Männerexperte Kölln bedient sich da gerne eines Slogans aus der Angelwerbung: "Eat, sleep, go fishing!" Der Spruch bringt auf den Punkt, worum es beim gesunden Leben im Kern geht: Essen - im Sinne von Ernährung und Trinken. Sleep im Sinne von Schlafen und anderen Formen der Regeneration. Und Go Fishing im Sinne von Bewegung und Sport.

Zu jedem der drei Felder gibt es eine eher gesündere Variante und eine eher ungesündere. Männer wählen häufig die ungesündere, weil sie schneller wirkt oder zum Rollenideal der Stärke und Unverwundbarkeit passt. Wer sich beispielsweise zum Runterkommen stets Computerspiele bedient, wählt die eher ungesündere Art der Regeneration. Gesundheitsfördernd agieren Männer, die zur Erholung auch auf Freundschaften, Hobbys und ausreichend Schlaf zurückgreifen können.

Extremsport ist nicht die Antwort

Bei Bewegung und Sport ist es ähnlich: Wer seinen Drang nach "Rauslassen" befriedigt, indem er seinen Wagen auf der Autobahn auf 230 Kilometer pro Stunde beschleunigt oder stets den Extremsport wählt, erreicht zwar sein Ziel, lebt allerdings sehr auf der Gesundheit gefährdenden Seite. Männer, denen es gelingt, Sport als Ventil für zu viel Druck in ihren Alltag zu integrieren, tun dagegen viel für ihre Gesundheit. Ebenso beim Essen: Vielen Männern nutzen Essen als schnelle Befriedigung, Alkohol als flott wirkender Downer. Männer, die andere Wege finden, um ihre Psyche im Lot zu halten, und vor allem essen, um sich gut zu ernähren, leben automatisch gesünder.

Vielen Männern ist dabei überhaupt nicht bewusst, dass sie mit ihrer Lust am schnellen Autofahren oder ihrer Gier nach fettigem Fastfood einem Grundbedürfnis des Menschen folgen, das seine Berechtigung hat. Und dass es schlicht darum geht, eine gesündere Variante zu entdecken, die einen auf Dauer stärker macht und nicht schwächer und kränker.

Erfolgreiche Gesundheitsgeschichten von Männern erzählen genau diesen Plot: Männer entwickeln ein Interesse an aktiver Selbstfürsorge. Sie entdecken für sich Verhaltensweisen, die gesundheitsförderlich, individuell und zugleich männlich sind.

In der Praxis kann dieser Weg zu einem gesünderen Männerleben so aussehen:

Der Ratgeber: Ein Weg zum gesünderen Männerleben

Trainingspläne flexibel halten

Trainingspläne flexibel halten

Foto: Corbis

Druck ablassen: Gesunde Bewegung

Mit dem Satz "Bewegen Sie sich mal mehr" holt man Männer nicht hinter dem Offen hervor. Was besser wirkt, weiß Sabine Puhl, Sportwissenschaftlerin und Personal-Trainer mit vielen männlichen Kunden. "Männer suchen im Sport eher den direkten Vergleich als Frauen und sind weitaus erfolgsorientierter", erklärt Puhl. Deshalb empfiehlt sie Männern gut strukturierte Fitnessprogramme und Trainingspläne als wirksame Motivation zum Dranbleiben. Ebenfalls gut: Sich Mitstreiter suchen oder einen Mannschaftssport wählen. Die Verbindung bindet.

Besondere Vorsicht gilt allerdings für männliche Fitness-Novizen in Bezug auf das Trainingspensum: Häufig gehen sie ins Übertraining. Entweder weil man sich mit Bestzeiten und Fitnesszielen vergleicht, die man als junger Mann erreicht hat. Oder weil man nur die aktiven Sportphasen als wirksam wahrnimmt und nicht weiß, dass die Zeiten der Regeneration zwischen den Trainingseinheiten mindestens genauso wichtig für den Erfolg sind: "Ich coache vor allem Männer, die sehr enge Terminpläne haben und dazu meist überaus ehrgeizig sind", erklärt Puhl. "Und häufig wollen die Männer aus den oberen Führungsetagen ihre Einstellung aus dem Job auf das Training übertragen." Sie formulieren ein Ziel: 20 Kilometer laufen können. Und das soll dann mit dem perfekten Trainingsplan effizient und in wenigen Wochen umgesetzt werden.

Puhl zeigt ihren Coachees, dass langfristige Erfolge sich nur einstellen, wenn man mit seinem aktuellen körperlichen und geistigen Befinden geht, die Trainingspläne flexibel hält und dennoch dran bleibt. Mit der Zeit lernen die Männer, an jedem Trainingstermin neu zu entscheiden, was ihnen gerade gut tut: "Powern, Piano oder Pause." Das Training wird nicht zum nächsten Höchstleistungsziel, sondern zu einem gesunden Ausgleich, auf den man sich freut. Und Blutdruck und Pfunde purzeln dennoch, während die Fitness zunimmt. Ein Lernerfolg, der viele Männer auch in anderen Bereichen ihres Lebens zum Umdenken anregt.

Schlaf: Regenerationsquelle Nummer eins

Mach mal Pause.

Mach mal Pause.

Foto: KHAM/ REUTERS

Wie bedeutsam Schlaf für das gesamte Wohlbefinden ist, unterschätzen Männer oft. Und auch, wie sehr Schlafstörungen die Gesundheit strapaziert. Männer ignorieren Müdigkeit meist einfach. Denn auch hier gilt: Müdigkeit passt nicht ins Rollen-Bild. Es gilt sogar als männlich mit sehr wenig Schlaf auskommen zu können. Aber wer auf Dauer nicht genug schläft, entwickelt Konzentrationsstörungen und ist gereizter. Auf Dauer steigt das Risiko für Diabetes, Stresserkrankungen und Depressionen.

Die häufigsten Schlafsaboteure: Zu viel Alkohol am Abend, Schnarchen und nächtliches Aufwachen, das zu längeren Wachphasen führt, weil man anfängt sich zu ärgern oder zu grübeln. Interessant dabei ist: Für die Erholung ist die Qualität des Schlafes wichtiger als die Quantität. Wer es schafft, nicht lange zu grübeln, wenn er nachts aufwacht, sondern gelassen einfach wieder einzuschlafen, verbessert seinen Schlaf enorm, erklärt Schlafpapst Jürgen Zulley. Die Nacht ist außerdem der Spiegel des Tages. Das heißt: Der Schlaf wird besser, wenn man den Rhythmus des Organismus auch am Tag pflegt und nach etwa 90 Minuten Konzentration oder Anstrengung ein 10-Minuten-Pause einlegt. Bei Schlafstörungen, die mit Tagesmüdigkeit einhergehen: Abklären lassen.

Hobbys als wichtiger Ausgleich

Hobbys nicht vernachlässigen

Hobbys nicht vernachlässigen

Foto: Martin Schutt/ dpa

Jüngere Männer haben meist kein Problem damit, ein Hobby zu benennen. Fußball, Doppelkopf, Autoschrauben, Skaten etc. Doch im Laufe der Jahre zwischen Familie und Beruf, kommen Männern gerade diese Beschäftigungen oft abhanden. Auch, weil typisch männliche Hobbys von den Partnerinnen oft nicht als wichtig akzeptiert werden.

Doch der Mangel an Regeneration führt zu einem Gefühl der Unausgeglichenheit. Und man sucht sich neue Wege, um zu entspannen. Nicht selten, erscheinen dann die extrem ungesunden Varianten von Abschalten als die einfachsten: Alkohol trinken, Internetspiele, TV-Sucht. Oder auch die Flucht in die Arbeitssucht. Die gesunde Gegenmaßnahme: Männer sollten sich Leidenschaften und Hobbys gönnen. Auch, wenn die Partnerin dies kritisch beäugt.

Freundschaft als Basis für Gesundheit

Männerfreundschaften sind wichtig

Männerfreundschaften sind wichtig

Foto: DPA

Es ist eine Binsenweisheit, dass Menschen soziale Wesen sind und ein gutes soziales Umfeld mit Freundschaften und Unterstützern die Gesundheit fördert - während zu wenig soziale Unterstützung krank macht. Doch wenn man genau hinsieht, kann man feststellen, dass gerade die Orte, an denen Männer traditionell Freundschaften pflegten, in der modernen Welt immer weniger Platz haben: Der Stammtisch in der Kneipe. Der Sonntagnachmittag im Fußballstadion, Skatrunden, Vereine, der Angelausflug mit dem besten Kumpel.

All diese typischen Männer-Freundschafts-Refugien sind fast ausgestorben und werden auch von Gesundheitsexperten eher negativ bewertet: Zu viel Alkohol. Zu viel Nikotin. Zu viel Rückzug von anderen Lebensbereichen. Doch ganz offensichtlich hat man hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Denn viele Männer vermissen enge Beziehungen zu anderen Männern - auch, wenn die wenigsten das zugeben. In vielen Partnerschaften ist nur die Partnerin Vertraute. Doch das ist zu wenig. Der Blick von außen fehlt. Oft auch der Blick von einem anderen Mann.

"Männer brauchen Freundschaften. Ob es nun die Fußballtruppe ist oder die Gruppe mit der man Motorrad fährt", erklärt Sozialberater Dirk Schröder, der als Mitarbeiter der Unternehmensberatung Ge.on in Unternehmen Sozialberatung anbietet und viel mit Männern zu tun hat: Reine Trinkkumpane fallen für Schröder nicht in die Rubrik gute Freundschaft. Eher Männer, mit denen man sich versteht und bei denen man sich auch verstanden fühlt. Denn das ist es, was Menschen stärkt.

"Freundschaften unter Männern wirken sehr stärkend", betont auch Peter Kölln. "Sie können neue Anregungen und Impulse für die persönliche Entwicklung geben, sie sind eine Beziehung, in der man Trost, Anerkennung und Unterstützung findet." Was tun? Männer sollten sich trauen, ihre Männerrunden zu verteidigen oder neue zu gründen, die zeitgemäßer sind als die Skatrunde. Ganz gleich, ob sie am liebsten Kumpel in der Kneipe treffen, eine Fotoclique gründen oder mit einem Freund joggen. Männerfreundschaften entstehen in der Regel durch eine gemeinsame Tätigkeit. Sich "nur" zum Reden zu treffen, ist für die meisten Männer nicht sehr attraktiv. Da ticken sie anders als Frauen.

Das Fußball-Stadion als Männer-Emotionsort

Im Stadion dürfen die Gefühle raus

Im Stadion dürfen die Gefühle raus

Foto: picture alliance / dpa

"Auch, wenn Frauen darüber lächeln. Für viele Männer ist Fußball eine wichtige Quelle der Regeneration", erklärt Männerexperte Peter Kölln und betont: Dabei ist es völlig gleichgültig, ob der Mann aktiv spielt oder vor dem Fernseher oder im Stadion als Zuschauer mit fiebert. Denn: Es geht nicht um die körperliche Regeneration durch den Sport. Sondern es geht um die emotionale Gesundheit. "Fußball erlaubt Männern, emotional zu sein, ohne dass es tief greifende Konsequenzen für das wirkliche Leben hat", erklärt Arndt Zeigler, Stadionsprecher bei Werder Bremen und Fachmann in der Frage, wie Fußball auf die Menschen wirkt.

Aus seiner Sicht bewirkt ein Fußballspiel bei Männern das, was Frauen im Kino mit einem bewegenden Film erleben: Man öffnet sich emotional, geht mit. Im Stadion ist es genauso: Hier jubeln Männer und weinen - und das innerhalb weniger Minuten. Man lebt Trauer, Euphorie, Neid, Ehrgeiz, Niederlage und Triumpf. Alle Gefühle dürfen raus, ohne dass man Konsequenzen fürchten muss. Und das in einer Gemeinschaft. Das ist gesund. Und insofern ist das Fußballstadion eine Quelle der Gesundheit für Männer - eine bisher völlig unterschätzte.

Der Weg zu gesunder Ernährung

Gesunde Ernährung: Mann muss nicht gleich auf alles verzichten, was man liebt, nur immer wieder mal eine Auszeit nehmen

Gesunde Ernährung: Mann muss nicht gleich auf alles verzichten, was man liebt, nur immer wieder mal eine Auszeit nehmen

Foto: Jens Kalaene/ dpa

Männer haben zum Essen eine völlig andere Einstellung als die meisten Frauen. Viele bezeichnen sich als "Genuss-Esser". "Kräftig zulangen, spontan essen, wenn man eben Hunger hat, genussorientierte Auswahl von Speisen und gerne ein paar Bier dazu", das ist männlich geprägtes Essverhalten, erklärt Ernährungsexpertin Ute Gola, die im Beirat der Stiftung Männergesundheit sitzt. Mäßigung und Zurückhaltung bei Tisch und die Nahrungsauswahl nach Gesundheitsaspekten ist dagegen typisch weiblich. Wenn Männer sich für Ernährung interessieren, wie es junge Männer immer häufiger tun, dann wählen sie keine Diät, sondern eine Ernährungsform wie Vegetarismus oder Veganismus als Ausdruck ihrer Individualität.

Erfolgreiches Abnehmen basiert bei Männern insofern selten auf einer klassischen Diät. "Männer wollen keine weiblichen Esser werden, sondern selbst entscheiden, wie viel Fleisch sie essen und ob sie Alkohol trinken", weiß Gola. Männer finden auch nicht das Ziel "dünn sein" attraktiv, sondern finden mehr Muskeln und weniger Bauch ein erstrebenswertes Ziel. Ein guter Abnehmplan enthält außerdem auch Off-Tage, also Zeitfenster, in dem man alles isst, wozu man Lust hat. Flexible Kontrolle ist das Zauberwort. Man verkneift sich nicht die Currywurst, sondern wählt selbst eine etwas kalorienärmere Variante des Kult-Essens: Currywurst mit Kartoffelsalat statt Pommes. Und wenn Pommes, dann magere Geflügelwurst. Statt der Vorschrift "Keine Cola!", die Abmachung mit sich selbst: Ich wähle Cola Zero.

Flexible Kontrolle heißt das Erfolgsrezept. Ernährungsexperten stellen außerdem fest: Technische Unterstützung aller Art hilft Männer am Ball zu bleiben. Zum Beispiel eine App auf dem Smartphone, die aufgenommene Kalorien ebenso wie den Energieverbrauch zählt. Oder Computerprogramme, die einen Blick in die Zukunft ermöglichen. Man kann selbst checken, welchen Effekt es haben wird, wenn man weniger raucht. Oder mehr Gemüse ist.

Wenn der Speck die Seele schützt

Seelenleid und Gewichtszunahme stehen häufig im Zusammenhang

Seelenleid und Gewichtszunahme stehen häufig im Zusammenhang

Foto: Joerg Sarbach/ AP

Häufig verbirgt sich hinter einer Gewichtszunahme auch eine seelische Not. Bei Frauen ist das Phänomen von Essstörungen im Zusammenhang mit Seelenleid längst bekannt. Bei Männern weniger.

Ernährungsberaterin Martina Barth aus Regensburg fragt deshalb die Männer, die sie in ihrer Praxis beim Wunsch abzunehmen begleitet auch nach den tieferen Ursachen ihrer "Fresslust": Seit wann haben Sie an Gewicht zugenommen? Haben Sie eine Idee, warum Sie seit dieser Zeit mehr essen? Häufig entdeckt der Mann durch diese Fragen selbst Zusammenhänge, die ihn interessieren. Häufig geht es um Verluste, Trennungen, um Gefühle von Einsamkeit.

Barth selbst vertieft diese Themen nicht, sondern bleibt in ihrer Rolle als Ernährungsberaterin. Der Abnehmkurs soll keine verkappte Therapie werden. Aber häufiger erkannten ihre Klienten im Laufe der Zeit, dass ihr Essverhalten so eng mit Gefühlen von Einsamkeit verknüpft ist, dass sie sich parallel auch an einen Therapeuten wandten, um sich die Themen anzuschauen, die sie bisher immer mit Essen kompensiert wurden. Der Abnehmkurs wird so zum Wegbereiter zu einem tieferen Verständnis für sich selbst.

Wer die Erfahrungen aus der Praxis ernst nimmt, merkt, dass es bei der Frage nach der wirksamen Gesundheitsvorsorge für Männer um mehr als die Frage geht, wie man das Präventionsangebot zur Krebsvorsorge männlich perfekt verpackt. Oder wie man Männern beibringt, dass sie mehr Gemüse essen sollten.

Eine Frage des Respekts

Wenn Gesundheitsförderung funktionieren soll, hat das ganz offensichtlich viel mit Respekt und Empathie zu tun. Alle Männerexperten, die wirklich etwas bewirken, begegnen ihren Klienten erst einmal mit Empathie. Sie wollen wissen, was in dem Mann vorgeht, statt ihm platte Vorschriften zu machen. Und diese Haltung macht erst den Weg zu Wohlbefinden und Gesundheit frei.

Um Respekt geht es, weil gerade in der Gesundheitsfrage deutlich wird, in welch großem Spannungsfeld sich die meisten Männer heute bewegen: Jeder Mann muss seine ganz persönliche Balance finden zwischen seinem männlichen Rollen-Ideal, den Anforderungen von außen und dem, was ihn hinter allen Rollen ausmacht. Und Männer, die ihre persönliche Gesundheit ernst nehmen, Freundschaften pflegen, ihren Lieblingssport finden, sich im gesunden Sinne abgrenzen und den Raum einfordern, um sich um ihr Wohlbefinden zu kümmern, müssen durchaus Widerstände bewältigen. Dass viele Männer den Druck der auf ihnen lastet, bewältigen, indem sie Arbeitssucht, Alkohol oder die Ignoranz gegenüber ihren Befindlichkeiten wählen, hat vermutlich auch viel mit einer Gesellschaft zu tun, die nur vordergründig offen, modern und vielfältig ist.

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