Wissensarbeiter auf Hochtouren Nach vier Jahren ist Schluss

Wissensarbeiter wie Investment-Banker, IT-Experten, Unternehmensberater oder Juristen geben gerne alles. In Branchen, in denen die geistige Kraft der Motor für den Erfolg ist, arbeiten die Beschäftigten extrem motiviert und leistungsorientiert. Aber das geht nicht lange gut.
Börsenhändler: Investmentbankern bleiben sieben bis neun Jahre

Börsenhändler: Investmentbankern bleiben sieben bis neun Jahre

Foto: Peter Foley/ dpa

Hamburg - Wer sein Geld mit Geisteskraft verdient, gibt gern alles. Wissensarbeiter wie Investment-Banker, IT-Experten, Unternehmensberater oder Juristen arbeiten extrem motiviert und leistungsorientiert. Im Gegenzug verdienen sie ja auch häufig eine Menge Geld und genießen maximale Freiheit in ihrem Tun. Ein traumhaftes Leben, oder?

In den ersten Jahren schon.

Doch Alexandra Michel, Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin von der Marshall School of Business der University of Southern California, Los Angeles, begleitete das Arbeiten und Leben von Investmentbankern neun Jahre lang und stellt fest: Die Rechnung ist mit dem Teufel gemacht. Nach vier Jahren sind die ehrgeizigen Aufsteiger gesundheitlich am Ende.

Für eine Langzeit-Studie begleitete Alexandra Michel vier Gruppen Investmentbanker in zwei verschiedenen Banken von ihrem Berufseintritt bis zum Ausscheiden aus dem Unternehmen. Investmentbanker bleiben nur sieben bis neun Jahren in der Bank.

Arbeiten rund um die Uhr - freiwillig!

Spätestens nach dieser Zeit geht man und macht den neuen Absolventen Platz, die aus den Hochschulen direkt im Berufsleben durchstarten möchten. Das durchschnittliche Eintrittsalter der Investmentbanker war 28 Jahre. Mit Mitte 30 sind sie wieder raus aus der Firma. Genauere Hinweise auf die Datenbasis der Studie darf Michel nicht geben. Die Banken haben es ihr untersagt.

Für ihre ethnografische Fallstudie begleitete Michel die Banker an den Arbeitsplatz, befragte sie nach ihrem Befinden und ihrem Umgang mit dem enormen Arbeitsdruck. Dabei kam ihr zugute, dass sie selbst eine Weile in einer Investmenbank arbeitete, bevor sie Wissenschaftlerin wurden: "Sie behandelten mich wie jemanden von ihnen."

Michels Ergebnis: Nicht wenige Investmenbanker arbeiten 120 Stunden pro Woche und alle sind selbstverständlich 24 Stunden pro Tag elektronisch erreichbar. Sieben Tage die Woche. Ihre Arbeit ist ihr Leben. Jeder Investmentbanker würde eher die Hochzeit seines besten Freundes sausen lassen als einen guten Deal für einen Kunden.

Wenn man sie fragt, was ihr Motiv für dieses überbordende Engagement ist, dann sagen sie: "Das mache ich, weil ich es möchte. Ich gebe meine gesamte Zeit und Energie freiwillig in meine Arbeit."

Spätestens im Jahr vier werden die Banker krank

Und tatsächlich gibt es von Seiten des Unternehmens weder Anwesenheitspflicht noch Kontrolle. Stattdessen arbeiten die Investmentbanker in maximaler Freiheit. Doch Michel stellte fest, dass die Euphorie über die Autonomie und den Erfolg im Job nur die halbe Wahrheit ist. Denn die engagierten Arbeiter spürten sehr wohl schon nach kurzer Zeit, dass der Kopf zwar jubelt, wenn ein Millionendeal nach dem anderen gelingt, aber dass der Körper unter der Dauerbelastung jault.

Die Studienteilnehmer berichteten schon wenige Monate nach dem Berufseinstieg von Schlafproblemen, Schmerzen und Infektanfälligkeit. Aber auf diesen gewissen Widerspruch hingewiesen, antworteten sie schlicht: "Ich bin selbst erstaunt über meine unglaubliche Leistungskraft. Ich wusste nicht, dass ich über solch lange Perioden ohne Schlaf auskomme."

Diese Sätze klingen für Außenstehende absurd - aber sie spiegeln exakt die Innenwelt der Investment-Banker. Für sie steht die geistige Leistungskraft über allem, ihre Wille die Leistung zu bringen, den besten Deal, den nächsten Karriereschritt zu erreichen.

Ihren Körper nehmen sie allenfalls als Gefäß wahr, das dem genialen Kopf einen Platz gibt und ihn von einem Meeting zum nächsten trägt. "Ihr Körper ist für sie ein Objekt", erklärt Michel. Und wenn der Körper nicht funktioniert, dann muss man ihn eben wieder zum Funktionieren bringen. Sei es mit Disziplin oder den richtigen Tabletten.

Der Körper wird vom Freund zum Feind

"Im Jahr eins bis drei profitiert die Bank von dieser energischen Kontrolle ihres Körpers", beobachtete Alexandra Michel. Doch im Jahr vier kippt die Balance. Die Banker werden krank: "Diese Leute sind Anfang 30 und sie fangen an Haare zu verlieren oder 50 Pfund zuzunehmen." Viele entwickeln massive Schlafstörungen und Substanzabhängigkeiten.

Doch statt an dieser Stelle ins Grübeln zu kommen und kürzer zu treten, gaben die Banker in der Regel noch mehr Gas: Sie zwangen sich auch krank zur Arbeit, nahmen Tabletten und Drogen ein, um ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten. Ihr Körper wurde zu ihrem Feind, der ihre geistigen Fähigkeiten bedroht.

Und sie selbst wurden zum unerbittlichen Krieger für den Kopf: "Ich glaube mein Körper hasst mich, aber immer noch bin ICH derjenige, der die Kontrolle hat", waren typische Aussagen der Banker in ihrem vierten Jahr im Job. "Im Jahr vier wird ihr Körper zu ihrem Feind", beobachtete Michel.

Die Studiendurchführende sah Banker, die trotz massiver Rückenschmerzen und schier bewegungsunfähig ihrer Arbeit nachgingen - in Meetings legten sie sich auf den Konferenztisch, beim Kunden auf die Fensterbank.

Der Körper weiß früher als der Kopf, wann die Grenze erreicht ist

Im Jahr sechs teilte sich die Gruppe der Investmentbanker in zwei Lager. Die einen machten weiter wie bisher. Für sie blieb der Körper ihr Feind und sie der Krieger, der seinen Kopf wortwörtlich durchsetzt. Ihre gesundheitlichen Beschwerden nehmen zu. Um sich überhaupt noch zu entspannen, greifen sie zu Shopping, Partie-Exzessen, Drogen oder Pornos, beobachtete Michel.

Der schlechte Gesundheitszustand wirkte sich auch auf die Qualität ihrer Arbeit aus. Michel: "Technisch waren die Banker noch vollkommen akkurat - aber ihre Kreativität hatte stark nachgelassen."

Die Lösungen, die sie für ihre Kunden entwickelten waren weiterhin ok, aber nie mehr brillant, wie zu Beginn ihrer Karriere. Nicht wenige von ihnen wurden in den nächsten zwei Jahren so krank, dass sie vorzeitig aus dem Business aussteigen mussten. Manche waren dauerhaft arbeitsunfähig.

Die andere Gruppe hörte irgendwann auf, ihren Körper zu bekämpfen. Sie fingen an zu akzeptieren, dass ihr Körper ein Teil von ihnen ist, der ihnen etwas über sie mitteilt und kein Feind, den man bekämpfen muss. Sie sagten nun Sätze wie: "Mein Körper lehrt mich Dinge, die ich anders nicht lerne." oder "Ich habe gelernt, dass die Kontrolle ein Limit hat." Diese Menschen hörten auf, gegen diese Symptome zu kämpfen und machten das Beste daraus. "Sie akzeptieren ihren Körper als Subjekt", erklärt Michel.

Auch in Slow Mow noch 80 bis 90 Wochenstunden

Sie reduzierten ihre Arbeitszeit. Sie entwickelten kreative Ideen, wie man Prozesse beschleunigen kann und welche Superdeals keine Feuerwehreinsätze nötig machen, so dass man keine Nächte mehr durcharbeiten braucht. Sie wurden Superbanker, die dennoch gewisse persönliche Limits wahrten. Zum Teil wurde ihre Performance noch besser als vor der Krise. Wer seinen Körper und seine persönlichen Bedürfnisse spürt, entwickelt auch mehr Empathie für andere - beispielsweise für Kunden. Und das ist gut fürs Geschäftsgespräch.

Man könnte denken, dies sei eine glückliche Wendung und die Lösung wäre, dass man all den überengagierten Wissensarbeitern einfach nur beibringen müsste, auf ihren Körper zu hören, damit sie auch auf Dauer extrem erfolgreich und gesund bleiben. Aber weit gefehlt. Auch die Banker, die auf Slow Motion umschalten, arbeiten noch 80 bis 90 Stunden pro Woche weiter. Sie sehen ihre Probleme eher als persönliches Manko - und keiner zweifelt daran, dass der Job den man macht, der Beste auf der Welt ist.

Sie akzeptieren ihre Limits, aber sie bleiben objektiv genauso krank wie vorher. Schmerzen, Schlafprobleme und Herz-Rhythmus-Störungen gehören zu ihrem Alltag. Allerdings halten die meisten von ihnen in dieser Weise die zwei bis drei Jahre durch, bis man sowieso geht.

Fast keiner der Mitarbeiter sah, dass ihr Verschleiß in gewisser Weise zum Kalkül der Unternehmen gehört und so etwas wie ein akzeptierter Kollateralschaden auf dem Weg zum großen Geschäft ist. Denn letztlich tut das Unternehmen viel dafür, damit diese Atmosphäre der Verausgabung entsteht und aufrecht erhalten wird.

Das Unternehmen manipuliert die Mitarbeiter

Alexandra Michel analysierte die Management-Techniken: Explizit sagen die Unternehmen in ihren Leitlinien so etwas wie: "Wir schätzen die Gesundheit unserer Banker und unterstützen ihre familiären Verpflichtungen." Und das Management begrüßt die Einsteiger mit Sätzen wie diesen: "Autonomie ist hier nicht nur ein Werbeslogan, um Mitarbeiter zu gewinnen. Vergleiche es mit anderen Firmen!"

Doch zugleich sorgt das Unternehmen mit enormen Tempo und Zeitdruck für ständige Krisenstimmung. Gerne wirft man Leute in Aufgaben, die sie bis an ihr Limit fordern. Immer steht viel Geld auf dem Spiel. Die Akteure im Management wissen, dass gerade die maximale Freiheit, die sie ihren Mitarbeitern zusichern, der Boden ist, auf dem Höchstleistung ohne Limit gedeiht: "Setze einem Menschen ein explizites Ziel und belohne ihn entsprechend, dann wird er genau bis zu diesem Ziel arbeiten.

Aber es gibt kein Ende des Engagements, wenn du ihn seine eigenen Ziele verfolgen lässt", sagt ein Bankdirektor im Interview zu Michel. Ein anderer erklärt: "Niemand hat hier die psychologische Kraft, über seine Arbeitsweise zu reflektieren. Man ist im Survival Modus." Vor dem Hintergrund klingt es fast zynisch, dass die Bank für all die Überengagierten vorbildlich sorgt: Mit warmem Essen in der Nacht oder Kostenübernahme von Fitness-Center und Haushaltshilfen.

Jetzt könnte man denken: Arme Banker. Oder vielleicht hält sich auch das Mitleid in Grenzen, weil die extremen Wissens-Performer nach den sieben oder neun Jahren als reiche Leute die Bank verlassen. Sie könnten sich zur Ruhe setzen und nur noch tun, was ihnen Spaß macht. Und das mit Mitte 30!

Das Soziotop Firma ist extrem manipulativ

Doch Michel sieht in dem Schicksal der Bankangestellten durchaus auch Relevanz für andere Branchen. Denn ihre Studien zeigen: Das Soziotop "Firma" hat die Macht einen Menschen extrem zu manipulieren. Unternehmen sind fähig, den Körper ihrer Beschäftigten zu kontrollieren.

Sie können in der Gedankenwelt der Mitarbeiter Motivationen anfeuern, die sie verleiten sich bis zum Burnout oder dem körperlichen Zusammenbruch zu verausgaben - und die Warnzeichen und Hilferufe des Körpers zu ignorieren. Wenn ein Unternehmen dazu einen relativ kurze Verweildauer der Beschäftigten im Betrieb festschreibt, entsteht aus unternehmerischer Sicht maximaler Gewinn.

Michels Studien gewinnen zusätzlich an Brisanz, wenn man bedenkt, dass die Investmentbanker nach sieben oder neun Jahren zwar objektiv ausgesorgt haben und sich locker zur Ruhe setzen könnten - aber dazu haben sie gar keine Lust. Die allermeisten wechseln in anderen Branchen und beginnen dort in Management-Positionen. "Viele starten mit dem Wunsch, aufgrund ihrer Erfahrung nun ein ruhigeres Arbeitsleben zu führen", erklärt Michel.

Aber die Praxis zeigt: "Doch es ist wie verhext. Nach spätestens einem Jahr haben sie ihr Umfeld und ihre Arbeit so umstrukturiert, dass sie wieder 100 und mehr Stunden arbeiten", erklärt Michel, "Die Arbeitsweise in der Investmentbank hat den gesamten Menschen umstrukturiert und ist zu ihrem Habitus geworden." Sie können gar nicht anders als im Turbostil arbeiten und das geben sie weiter: Die Unternehmen, in denen ehemalige Investmentbanker tätig werden, werden schneller und leistungsorientierter, beobachtet Michel, die die Banker auch nach ihrem Ausscheiden aus der Bank weiter begleitet.

Die Bankmanager implementieren nach und nach den unerbittlichen Arbeitsethos der Investmentbanker auch in ihrer neuen Firma. "Wenn man bedenkt, wie viele dieser Manager Jahr für Jahr in die Wirtschaft gehen und vor allem in Unternehmensberatungen, Zukunftsbranchen wie IT, internationalen Konzernen und in Regierungen neue Tätigkeiten finden, dann muss man sagen: Sie verändern die Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft."

Der Turbokapitalismus hält nach und nach überall Einzug. Und die meisten merken es noch nicht einmal, weil er durch die Hintertür kommt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.