Henning Zülch

Schwache Vereine trotz starker Liga Wie der deutsche Profifußball nach der Geistersaison krisenfest wird

Henning Zülch
Von Henning Zülch
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"13 der 36 Profiklubs droht die Insolvenz - noch in dieser Saison". So titelte das Fußball-Fachblatt "Kicker" Anfang April. Die Corona-Pandemie hatte den Spielbetrieb in Deutschland lahmgelegt, die finanzielle Stabilität der Klubs und damit des Konstruktes Fußball-Bundesliga stand auf der Kippe. Plötzlich wurde überdeutlich, wie fragil das System ist. Zwar wird die Saison an diesem Wochenende in Form von Geisterspielen doch noch zu einem Abschluss gebracht. Die Gesamtlage hat sich dadurch entspannt - aber nur ein wenig.

Henning Zülch
Henning Zülch

ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von zahlreichen Beiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs Investors' Darling. Überdies beschäftigt er sich mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.

Obwohl die Bundesliga im Vergleich mit der europäischen Konkurrenz als die solideste Liga überhaupt qualifiziert werden kann, plagen viele Profiklubs weiter Existenzsorgen. Alle Beteiligten müssen sich fragen, warum die Corona-Pandemie gerade die Bundesliga so heftig erwischt hat - und was die Vereine daraus lernen können. Eines haben die vergangenen Wochen gezeigt: Die Liga muss sich wandeln, wenn sie erfolgreich bleiben will.

Die Bundesliga: Solide finanziert

Ein Blick auf die finanziellen Daten zeigt, dass die Bundesliga im Vergleich zur englischen Premier League, zur spanischen La Liga, zur italienischen Serie A und zur französischen Ligue 1 sehr solide aufgestellt ist. So sind die Profiklubs hierzulande weit weniger abhängig von Fernsehgeldern als die vier anderen großen europäischen Ligen. In der Bundesliga machen die TV-Einnahmen mit 39 Prozent einen weit geringeren Anteil an den Gesamterlösen aus als in der Premier League (59 Prozent). Auch La Liga (52 Prozent), Serie A (58 Prozent) und Ligue 1 (47 Prozent) hängen deutlich stärker am Tropf der Medienkonzerne. Dies spricht für eine gewisse finanzielle Flexibilität der Bundesliga und für mehr Unabhängigkeit vom überhitzten Markt der Übertragungsrechte.

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Auch sind die Erlöse in Deutschland nicht sprunghaft durch steigende Fernsehgelder gewachsen wie in England, sondern kontinuierlich über zehn Jahre hinweg, sodass sich das System Bundesliga ebenso kontinuierlich an diese neue Situation anpassen konnte. Ebenfalls für die Solidität der Bundesliga spricht der geringere Personalaufwand bezogen auf den gesamten (um Transfererlöse bereinigten) Umsatz. Während die deutschen Profiklubs moderate 53 Prozent ihrer Erlöse für die Kicker auf dem Rasen ausgeben, existieren bei den übrigen Ligen Werte zwischen 60 Prozent (Premier League) und 75 Prozent (Ligue 1). Das ausgewogene Verhältnis in der Bundesliga offenbart, dass die Vereine offenbar nur ausgeben, was sie auch eingenommen haben.

Mittelstand statt Extravaganz

Interessant ist in diesem Zusammenhang der Vergleich von Borussia Dortmund mit Unternehmen im S-Dax: Der Fußballklub liegt mit einer Quote von 42 Prozent beim Personalaufwand in etwa auf dem Niveau der Fielmann AG. Solider Mittelstand also, keinerlei Extravaganz.

Für den exzellenten Ruf der Bundesliga spricht auch die Stadionauslastung, die bei durchschnittlich 96 Prozent liegt und die Liga trotzdem mit 59 Euro die nach der Ligue 1 (45 Euro) niedrigsten durchschnittlichen Ticketpreise aller Topligen verlangt. Beim Thema Digitalisierung allerdings hinkt die Bundesliga der europäischen Konkurrenz noch weit hinterher, etwa was die Verwendung von Fußball-Apps oder die Interaktion über soziale Medien betrifft.

Über alle Faktoren hinweg sind die Fundamentaldaten der deutschen Bundesliga europaweit jedoch spitze - was nicht heißt, dass sie nicht ausbaufähig wären. Umso erstaunlicher ist es, dass trotzdem derart viele Bundesligavereine offenbar in einer finanziellen Schieflage sind. Was läuft da schief?

Viele Vereine sind unterfinanziert

Die wirtschaftliche Situation der Bundesligateams ist schwieriger zu beurteilen als die der Liga, denn die öffentlich verfügbaren Finanzdaten sind bei vielen Klubs unübersichtlich und oft auch veraltet. Am transparentesten sind die Klubs, die den Kapitalmarkt aktiv in Anspruch nehmen, wie Borussia Dortmund. Schwierig hingegen wird es bei einem Großteil der Vereine, die als e.V. organisiert sind. Hier sind zumeist nur äußerst retrospektive Informationen verfügbar basierend auf den Daten, die im Bundesanzeiger veröffentlicht werden. Die verschiedenen Rechtsformen erschweren zudem die Vergleichbarkeit und erlauben eine aktuelle Einschätzung der finanziellen Situation nur sehr eingeschränkt. Sie sind für sich genommen sogar wettbewerbsverzerrend.

Trotz dieser unvollkommene Datenlage lassen sich jedoch tendenzielle Aussagen über die finanzielle Situation der Klubs treffen, etwa durch eine Analyse der Eigenkapitalquote. Hier ist festzustellen, dass zahlreiche Teams in der ersten und zweiten Bundesliga eine negative Eigenkapitalquote aufweisen, einen "Nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag". Dies wird betriebswirtschaftlich auch als buchmäßige Überschuldung bezeichnet. In einem solchen Fall muss das Unternehmen - in diesem Fall der Verein - stets klar darlegen, warum es sich nicht um eine Überschuldung im Sinne des Insolvenzrechts handelt.

Einer der Klubs mit negativem Eigenkapital ist Schalke 04. In der Konzernbilanz vom 31.12.2019 weisen die Knappen ein negatives Eigenkapital von 18,5 Millionen Euro aus bei einem Konzernverlust von 27 Millionen Euro. Darüber hinaus bestehen Verbindlichkeiten in Höhe von 198 Millionen Euro. Eine solche Finanzsituation darf man getrost als äußerst angespannt bezeichnen - und die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind darin noch gar nicht enthalten.

Kurzsichtige Strategien

Bemerkenswert ist diese Situation deshalb, weil der Klub grundsätzlich als in seiner Substanz gefestigt angesehen werden kann. Die hervorragende Jugendarbeit ist eine der tragenden Säulen des Klubs, mehr als 250 ehemalige S04-Jugendspieler schafften es in den vergangenen Jahren in die erste oder zweite Bundesliga oder in einen Top-Klub im europäischen Ausland. Das ist exzellent - und einmalig in der Bundesliga. Das operative Geschäft scheint aber nicht gut genug zu funktionieren, um die Erfolge in der Jugend in nachhaltige sportliche Erfolge bei den Profis umzusetzen und parallel dazu neue Ertragsquellen zu etablieren, um sich unabhängiger von der Volatilität des Geschäftes zu machen.

So geht es vielen Klubs in der Liga: Die immer schneller steigenden Kosten des Profibetriebs, speziell der Transfer- und Personalaufwendungen, müssen durch kurzfristige Umsatzsteigerungen wieder hereingeholt werden. Eine langfristige Strategie zur Erreichung nachhaltiger sportlicher wie finanzieller Ziele existiert meist nicht. Gewinn zu erzielen und damit langfristig eine stabile Eigenkapitalbasis aufzubauen, ist so nahezu unmöglich.

Es ist ein Dilemma: Die Bundesliga ist im europäischen Vergleich gut aufgestellt; vielen Klubs indes fehlt der unternehmerische Weitblicks, der sich durch nachhaltiges, effektives und innovatives Handeln ausdrückt. Wenn in Zukunft sowohl die Liga als auch die Vereine erfolgreich sein wollen, sind Veränderungen des Systems Fußball-Bundesliga unumgänglich.

Was sich ändern muss

Ansatzpunkte dafür gibt es viele. Kurzfristig wäre es sinnvoll, wie in der klassischen Unternehmenspraxis die Einsparpotenziale in den Klubs zu identifizieren - indem man etwa die Prozesse optimiert oder die Aufwandspositionen "Transfersummen und Spielgehälter" überdenkt. Darüber hinaus sollte die sogenannte 50+1-Regelung modifiziert werden, um strategischen Investoren den Zugang zu ermöglichen. Die Offenlegungsvorschriften sollten verschärft werden, um die wirtschaftliche Lage transparenter zu machen, eine Vereinheitlichung der Rechtsformen würde die Wettbewerbsbedingungen angleichen und die Vergleichbarkeit der Klubfinanzen erhöhen. Schließlich wären sämtliche internen Prozesse und Kompetenzverteilungen in den Klubs auf ihren Beitrag zum Klubzweck und den Grad ihrer Professionalität zu hinterfragen.

Mittelfristig sollten alle Vereine zusätzliche Erlösquellen erschließen beziehungsweise diese ausbauen, um sich unabhängiger von den starken Schwankungen des kickenden Kerngeschäftes zu machen. Topklubs wie Bayern München machen es seit Jahren vor. Zudem müssen die Governance-Strukturen optimiert werden. Unabhängigkeit und Integrität sind wichtige Erfolgsfaktoren - nicht jeder aktuelle Amtsträger im deutschen Profifußball strahlt das derzeit aus. Das interne wie externe Reporting ist zu professionalisieren und die Leistungsfähigkeit der Nachwuchsarbeit sollte vor dem Hintergrund der unternehmerischen Ziele des Klubs hinterfragt werden.

All diese Maßnahmen sollten dem wichtigsten Langfristziel dienen: durch ein profitables operatives Geschäft das Eigenkapital zu stärken. Denn nur profitable Vereine haben die Mittel, nachhaltig in die Nachwuchsarbeit zu investieren, die für jedes Bundesligateam ein elementarer Werttreiber ist.

Die beste Liga der Welt

Die Bundesliga hat das Potenzial, die beste Liga der Welt zu sein. Doch dafür muss das System reformiert werden. Ob dies gelingt, hängt davon ab, ob die zu etablierende Task Force in ihrer Zusammensetzung und ihrem Veränderungswillen die Möglichkeiten, die sich dem deutschen Fußball bieten, auch erkennt. Der Profifußball ist keine geschlossene Veranstaltung mehr, er steht nicht nur in der Öffentlichkeit, er ist dieser auch verpflichtet. Verloren gegangene Glaubwürdigkeit kann nur wiedergewonnen werden durch ein erhöhtes Maß an Transparenz und Taten.

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der renommierten HHL Leipzig Graduate School of Management und ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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