Henning Zülch

Start der Bundesliga-Saison Fußball mit Fans - warum die Länder eine einheitliche Lösung finden müssen

Henning Zülch
Von Henning Zülch
Zum Start der Bundesliga-Saison kehren die ersten Fans in die Stadien zurück. Diese spielen nicht nur finanziell eine wichtige Rolle: Sollte eine Öffnung wie in Leipzig nicht zur Regel werden, droht eine Wettbewerbsverzerrung.
Start der Bundesligasaison 2020/2012: In Leipzig dürfen Fans bis zu 20 Prozent der Stadionplätze besetzen - dieses Modell darf nicht die Ausnahme bleiben

Start der Bundesligasaison 2020/2012: In Leipzig dürfen Fans bis zu 20 Prozent der Stadionplätze besetzen - dieses Modell darf nicht die Ausnahme bleiben

Foto: ANDREAS GEBERT / REUTERS

Mit dem Start der Bundesliga-Saison 2020/21 sind zahlreiche Hoffnungen verbunden. Seitens der Fans wird der Wunsch nach Normalität immer lauter. Die Klubs ihrerseits sind bestrebt, mittels Zuschauern in einen "Wettbewerbsmodus" überzugehen und weg von anonymen und wenig motivierenden Geisterspielen zu kommen. Zugleich sind die Zuschauereinnahmen, das sogenannte Ticketing, ein nicht zu unterschätzender Umsatzbestandteil in den Gewinn- und Verlustrechnungen der Profiklubs. Mit Zuschauern lässt sich aber nicht nur finanziell punkten, sondern auch sportlich. Ist dies wirklich so und was bedeutet dies für die kommende Saison?

Henning Zülch
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Michael Bader

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von zahlreichen Beiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs Investors' Darling. Überdies beschäftigt er sich mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.

Die finanzielle Ausgangslage

Schaut man sich die Zusammensetzung der Umsatzerlöse der Klubs der 1. Fußball-Bundesliga an, so lässt sich festhalten, dass die Klubs im Wesentlichen über sechs Umsatzerlösströme verfügen, und zwar TV-Vermarktung, Werbung, Transfergeschäfte, Spielbetrieb, Merchandising sowie Sonstiges (u.a. Conference, Catering). Dabei nimmt der Anteil der Einnahmen aus dem Spielbetrieb über alle Klubs der ersten Liga im Durchschnitt 13 Prozent ein, basierend auf den finanziellen Daten der Saison 2018/2019; also ein nicht unwesentlicher Teil der gesamten Umsatzerlöse eines Fußballklubs in der Beletage des deutschen Fußballs, auf den man auf den ersten Blick nur ungern verzichtet.

Wie lässt sich diese Information nunmehr auf die neue Spielzeit 2020/21 übertragen, um Aussagen über die Umsatzeinbußen der Klubs der 1. Fußball-Bundesliga für die erste Halbserie zu treffen? Zunächst sind die hierfür erforderlichen Datenpunkte über die einschlägigen Quellen zusammenzuführen. Als einschlägig gelten unter anderem die Veröffentlichungen der DFL, die verfügbaren Geschäftsberichte der Klubs der 1. Fußball-Bundesliga, die ergänzend im Bundesanzeiger  verfügbaren finanziellen Informationen, die Informationen auf der Homepage der jeweiligen Klubs sowie diesbezütliche. Pressemitteilungen. Da die verfügbaren Daten zum Teil lückenhaft und retrospektiv sind, sind zahlreiche Annahmen zu tätigen. Überdies ist in Szenarien zu denken.

Mögliche Szenarien für die Öffnung für Zuschauer

Im Rahmen der Analyse sind drei unterschiedliche Szenarien basierend auf dem Stand der aktuellen Diskussion um den Zuschauerausschluss für die Bundesligasaison 2020/21 als möglich zu unterstellen:

Szenario 1 ist das sogenannte Worst-Case Szenario. In diesem Szenario werden bis Ende des Jahres keine Zuschauer zugelassen, wie dies aktuell in Bayern praktiziert wird. Annahmegemäß sind sich alle involvierten Bundesländer einig in ihrem Handeln und der Risikoeinschätzung.

Szenario 2 ist das Mid-Case Szenario. In diesem Szenario wird dem Beispiel Sachsens beziehungsweise von RB Leipzig gefolgt und es werden Zuschauer in Höhe von 20 Prozent der Sitzplatzkapazität der Bundesligastadien zugelassen und dies für sämtliche Bundesligaspiele des Jahres 2020 der Saison 2020/21.

Szenario 3 ist schließlich das Best-Case Szenario. In diesem Szenario wird das Sitzplatzkontingent sukzessive von 10 Prozent im September bis zu 40 Prozent im Dezember 2020 genutzt. Zudem wird das Stehplatzkontingent von 5 Prozent im September bis zu 20 Prozent im Dezember 2020 hochgefahren. 

Alles in allem kann das zweite Szenario als das wahrscheinlichste Szenario angenommen werden über die vier Monate des kommenden Bundesligabetriebs - so Stand der aktuellen Diskussion.

Die finanziellen Implikationen einer eingeschränkten Öffnung für die Liga

In Szenario 1 ist auf der Basis konservativer Annahmen mit Umsatzeinbußen für die Klubs der Liga von circa 201 Millionen Euro zu rechnen; dies sind 5,5 Prozent am geschätzten Gesamtumsatz aller Bundesligaklubs für die Saison 2019/20. Also eine durchaus relevante Erlösgröße. In Szenario 2 würden Umsatzeinbußen von rund 165 Millionen Euro entstehen, was einen Anteil am Gesamtumsatz aller Klubs aus der vergangenen Spielzeit von 4,5 Prozent ausmacht. In Szenario 3 hingegen werden circa 149 Millionen Euro Einbußen erzielt bei einem Umsatzanteil am Gesamtumsatz aller Klubs aus 2019/20 von 4,1 Prozent. 

Clustert man die Bundesliga nun entsprechend der Klassifizierung der Bundesliga-Klubs am Ende der Saison 2019/2020 in die vier Kategorien Champions-League-Teilnehmer, Europe-League-Teilnehmer, dem Hauptfeld und den Klubs auf den Relegationsplätzen, so ergibt sich das folgende Bild mit Blick auf das Szenario 2: Es ist festzustellen, dass gerade das Hauptfeld (5,8 Prozent an den Gesamtumsätzen der Liga aus der Saison 2019/20) der Bundesliga sowie die Klubs auf den Abstiegsplätzen (7,1 Prozent) am meisten unter den Umsatzeinbußen zu leiden haben. Bei ihnen sind es relevante Umsatzbestandteile, die es gilt, anderweitig zu kompensieren. Für die Teilnehmer an der Champions-League (3,3 Prozent) und der Europe-League (2,4 Prozent) scheinen die Einbußen kompensierbar zu sein, obwohl diese auch hier natürlich Lücken reißen.

Zuschauer werden wieder zum Wettbewerbsfaktor

Die Umsatzeinbußen für die gesamte Liga im Zeitfenster der Hinrunde 2020 der 1. Fußball-Bundesliga in der Saison 2020/21 sind also nicht unerheblich. Gerade die Klubs im Mittelfeld und im Keller der Liga scheinen gebeutelt. Allerdings sind die prozentualen Werte am Gesamtumsatz aller Bundesligisten auf der Basis konservativer Annahmen eher als moderat zu qualifizieren. Schaut man auf den einzelnen Spieltag ist unter Beachtung der Sicherheits- und Hygienevorschriften fraglich, ob die Klubs bei teilweiser Öffnung des Spielbetriebs für Zuschauer ihren finanziellen Break-even überhaupt erreichen und damit zumindest die laufenden Kosten decken können, die die Öffnung für Zuschauer verursacht.

Vieles spricht dafür, dass sportliche Gründe ebenso eine entscheidende Rolle bei der Öffnung des Spielbetriebs für Zuschauer spielen. Gerade Geisterspiele führen psychologisch dazu, dass der Wettbewerbsmodus nur schwierig erreicht wird. Die Spieler haben nicht mehr das Korrektiv der Zuschauer durch Anfeuerungen, Pfiffe oder Unmutsbekundungen. All das hat Einfluss auf das Leistungsvermögen, die Performance, der Spieler. Der Faktor Stadion kann nicht mehr in Entscheidungsspielen der Punktegarant sein. Vielmehr sind die Spieler auf sich gestellt; eine zum Teil sehr herausfordernde Situation. Die teilweise Zulassung von Zuschauern kann also durchaus zu einem Wettbewerbsfaktor für die Heimmannschaft werden und deren Leistungsniveau anheben, zumal auch keine Gästefans zugelassen sind.

So äußerte sich der Wolfsburger Sport-Geschäftsführer Jörg Schmadtke jüngst warnend, dass mit unterschiedlichen Regelungen und Zulassungsquoten von Zuschauern Wettbewerbsverzerrungen einhergehen. In eine ähnliche Richtung geht die Aussage von Karl-Heinz Rummenigge, welche er in einem Sport1-Interview im Juni dieses Jahres äußerte : "Es gibt Menschen, die sagen, das sei nötig, damit die Finanzen passen. Meine Sicht ist eine andere: Wir brauchen Emotionen und Atmosphäre. Darum geht es im Fußball, das ist Fußballkultur. Wir müssen jetzt den Be- und den Nachweis liefern, dass das möglich ist."

Gerade die Saison 2020/21 wird eine unglaublich intensive Saison, da sie so anders ist. Es geht nicht mehr um das "zu Ende spielen" einer Saison, sondern um einen kompletten Restart, eine neue andersartige Saison und hier wird der Saisonstart für die ambitionierten Klubs wie die abstiegsgefährdeten Klubs mehr als richtungsweisend sein. Daher spielen nicht nur finanzielle Gründe eine Rolle bei der Öffnung der Stadien für Zuschauer in Zeiten der Pandemie.

Eine einheitliche Lösung muss her

Die Zuschauereinnahmen sind für viele Klubs der Bundesliga ein nicht unwesentlicher Bestandteil ihrer gesamten Umsatzerlöse. In Zeiten von Corona und dem Zuschauerausschluss fehlen diese Einnahmen selbstverständlich in den Kassen der Profiklubs. Indes scheint diese Lücke nicht unmittelbar durch eine teilweise Öffnung der Stadien für die Zuschauer zu schließen zu sein. Die bis zum Jahresende prognostizierbaren Umsatzeinbußen aus dem sogenannten Ticketing sind überschaubar. Vermutet werden kann, dass finanzielle Gründe für die Öffnung der Stadien für Zuschauer eher zweitrangig sind. Vielmehr sind es sportliche, aber auch gesellschaftliche Gründe, die die Öffnung bedingen. Um indes Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden, wären alle Beteiligten gut beraten, nach einer ligaweit einheitlichen Lösung zu suchen.

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der renommierten HHL Leipzig Graduate School of Management und ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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