Schweres mit Leichtigkeit meistern Was wir von Extremsportlern lernen können

Von Michele Ufer
Lorraine Huber, Freeride-Weltmeisterin 2017, mal in einem etwas anderen Renn-Outfit.

Lorraine Huber, Freeride-Weltmeisterin 2017, mal in einem etwas anderen Renn-Outfit.

Foto: Alexkaiser.at

Flow: Das gänzliche, selbstvergessenen Versinken in der Handlung, bei dem nur das Hier und Jetzt zu zählen und alles andere in Vergessenheit zu geraten scheint. Ein Moment, der gekennzeichnet ist durch das völlige Eintauchen in die und das Verschmelzen mit der Tätigkeit, bei dem man gefordert ist und dennoch die Dinge unter Kontrolle hat, bei dem die Handlungssteuerung intuitiv und wie auf Autopilot funktioniert, während alle störenden Reize ausgeblendet werden und die Dinge einfach zu fließen scheinen.

Flow wird in der Regel als sehr positiv und angenehm wahrgenommen. Das Gefühl, die Dinge völlig unter Kontrolle zu haben, die eigenen Fähigkeiten perfekt auszuschöpfen und mit Leichtigkeit eine Herausforderung zu meistern, führt zu einer tiefen Befriedigung und Zufriedenheit bis hin zu regelrechten Glücksgefühlen. Je öfter und intensiver wir Flow erleben, desto besser sind in der Regel auch unser allgemeines Wohlbefinden, unsere Gesundheit und die allgemeine Lebenszufriedenheit.

Aber in unserer Leistungsgesellschaft geht es oft nicht nur ums Wohlfühlen, sondern auch um Ergebnisse und Resultate. Wie sieht es da aus? Flow gilt aufgrund des starken Fokus, des großen Maßes an erlebter Kontrolle und des intuitiven Handlungsablaufs als hochfunktionaler Zustand. Da scheint es naheliegend, dass sich Flow positiv auf die Leistung auswirkt. Und wenn Menschen über persönliche Höchstleistung berichten, erzählen sie tatsächlich häufig von Zuständen des konzentrierten aber mühelosen Gelingens, wo Dinge "wie in Trance" ablaufen, wo selbst große Herausforderungen mit einer gewissen Leichtigkeit wie von allein und ohne darüber nachzudenken bewältigt werden.

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Ufer, Michele

Limit Skills: Die eigenen Grenzen respektieren, testen, überwinden - Tipps vom Experten für Sport- und Managementpsychologie - Erfolgsstrategien von ... Bergsteigern und weiteren Leistungsportlern

Verlag: Delius Klasing Verlag
Seitenzahl: 160
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Darüber hinaus wirkt sich Flow auch über Umwege auf die Leistung aus. Flow wird als ausgesprochen angenehm erlebt. Da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Zustand erneut angestrebt wird. Flow wird somit zu einer wichtigen Motivationsquelle, um sich immer wieder in entsprechende Tätigkeiten zu begeben. Wir lernen und können Schritt für Schritt unser Fähigkeitsniveau ausbauen. Diese kontinuierlichen Trainingseffekte wirken sich positiv auf das Leistungsvermögen aus. Das wissen wir alle.

Aber wie kommt man in den Flow?

Was viele aber nicht wissen, ist, wie man in den Flow kommt. Wie wir gesehen haben, gibt es gute Gründe, mehr Flow ins Leben zu bringen. Nur: Wie können wir das anstellen? Viele Sportler berichten, dass Flow bei ihnen eher zufällig auftritt und nicht oder kaum im Bereich ihrer Kontrolle liegt. Die Forschung und auch die Erfahrungen aus meiner Coachingpraxis zeigen jedoch eines sehr deutlich: Wie oft und intensiv wir Flow erleben, wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst, die wir selbst in der Hand haben.

Um in den Flow zu kommen, ist zunächst vor allem eines nötig: die virtuose Gratwanderung zwischen Angst und Langeweile. Was genau hat das zu bedeuten? Flow tritt lediglich in einem sehr begrenzten Bereich ein, wo sich die Schwierigkeit der Aufgabe und die eigenen Fähigkeiten in einer optimalen Balance befinden. Hieraus ergibt sich die Darstellung des sogenannten Flow-Kanals. Nur wenn wir uns innerhalb dieses schmalen Bereichs befinden, kann das Gefühl des selbstvergessenen, mühelosen Gelingens, der völligen Konzentration und des Verschmelzens mit der Tätigkeit entstehen. Dann befinden wir uns im "Tunnel". Zu wenig Stress - man könnte auch sagen zu viel Entspannung - ist also genauso wenig Flow-förderlich wie ein Zuviel an Stress. Wenn wir an Stress denken, hat das oft eher einen negativen Anstrich. Zu Unrecht, denn der eigentliche Sinn von Stress ist die Erhöhung unserer Leistungsfähigkeit. Insofern sind Stress bzw. Nervosität nicht per se schlecht. Die Dosis macht's.

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Ratgeber: Wie Sie ihr Denken in den Griff bekommen

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Das Streben nach immer mehr Flow kann aber auch zu einer permanenten, übermäßigen Ausschöpfung der eigenen Ressourcen führen. Da kommt die Regeneration schnell zu kurz. Übertraining infolge des Strebens nach Flow als einer der Gründe für erhöhte Verletzungsanfälligkeit?

Gut möglich. Darüber hinaus kann durch ein intensives Flow-Erleben, das ja unter anderem mit einem erhöhten Gefühl der Kontrolle bei gleichzeitigem Ausblenden von Umfeldinformationen und verringerter (Selbst-) Reflexivität einhergeht, die Risikowahrnehmung getrübt und die Gefahr der Selbstüberschätzung erhöht sein. Studien aus den Bereichen Klettern, Motorrad- und Kajak-Fahren zeigen dies eindrücklich: Je intensiver das Flow-Erleben, desto geringer ist das Angstniveau ausgeprägt und desto eher widersprechen Sportler in ihrem tatsächlichen Handeln den zuvor selbst formulierten Sicherheitsstandards. Bei risikoreichen Projekten kann Selbstüberschätzung oder ein mangelndes Gespür für die situativen Gegebenheiten schnell zu folgenschweren Fehleinschätzungen führen. Im Rahmen der Vorbereitung könnte eine Diskussion über die möglichen Tücken des Flows und wie man ihnen begegnen mag, gut investierte Zeit sein.

Lorraine Huber: Im Flow zur Freeride-Weltmeisterin

Das ist die Höhe: Für manche ein Alptraum, für Freerider ein Paradies

Das ist die Höhe: Für manche ein Alptraum, für Freerider ein Paradies

Mit dem Skifahren begann ich mit zweieinhalb Jahren. Mein Vater war Skilehrer, und ich wollte natürlich auch eines Tages Skilehrerin werden. Im Winter 2001/2002 wurde ich zur ersten Frau in Österreich, die den höchsten Grad in der Skilehrer- sowie Snowboardlehrer-Ausbildung erreichte. Kurz darauf absolvierte ich im jungen Alter von 23 die Skiführerausbildung und gründete mit meinem damaligen Freund die erste Freeride-Schule in Österreich - das Freeride Center Sölden. Meine Mutter sagte uns immer, wir können alles erreichen, was wir wollen. Aber es war immer von einer erfolgreichen Karriere zum Beispiel als Architektin die Rede, und nicht von einem Leben als Skilehrerin oder Freeriderin. Ich habe lange gebraucht und viel Mut aufbringen müssen, um mich von diesen gesellschaftlichen und familiären Erwartungen lösen zu können und wirklich das zu machen, was mein Herz begehrte.

Im Jahr 2004 ermutigten mich meine Skilehrer-Kollegen, den ersten Freeride-Contest zu fahren: der Red Bull Snowthrill on Kanin in Slowenien, den ich auf Anhieb gewann. Es waren nur drei oder vier Damen am Start. Die Freeride-Bewerbe steckten noch in den Kinderschuhen, und der Freeride-Sport ist auch noch heute männerdominiert. Danach winkten die ersten Ausrüster- und Sponsoring-Verträge, und ich machte meine ersten Erfahrungen als Athletin vor der Kamera.

In den folgenden Jahren gab es neben wunderschönen Erfolgsmomenten immer wieder Rückschläge. Schwere Verletzungen haben mich wiederholt zurückgeworfen, und oft habe ich mir in wichtigen Momenten selbst im Weg gestanden, war im Wettkampf zu nervös, habe mir selbst zu viel Druck gemacht und bin mitunter zu viel Risiko eingegangen. Oft zweifelte ich an mir. Eine komplexe Herausforderung Ein Freeride-Contest ist etwas anderes, als ein bisschen "abseits der Piste fahren". Die Starter dürfen die Bergflanke eines Wettkampfes 30 Tage vor dem Event nicht befahren bzw. zuvor noch nie gesehen haben. Sie besichtigen den Hang von gegenüber und suchen sich ihre "Line" meist mithilfe eines Fernglases.

Wenn der Tod mitfährt

Die Line soll so spektakulär, flüssig und kreativ wie möglich sein, und sie soll das vorhandene Gelände optimal nutzen. Eine gute Line beinhaltet mindestens drei bis vier Luftsprünge über natürliche Hindernisse und soll vom Start bis ins Ziel Spannung aufbauen. Man muss gut visualisieren können. Athleten müssen vor ihrem geistigen Auge die ausgesuchte Linie sowie das umliegende Gelände umdrehen, es aus der Fahrerperspektive visualisieren und einprägen können.

Fehler ziehen oft ernsthafte Konsequenzen nach sich. Ich brauchte etliche Jahre, um in diesem Bereich ein gutes Level zu erreichen. Vor allem in den frühen Contest-Jahren verlor ich öfter meine Orientierung oder fuhr an meinen Sprüngen vorbei, da ich sie von oben nicht rechtzeitig erkennen konnte. Einmal sprang ich an einem falschen Punkt ab und landete mit voller Wucht auf einer Steinplatte. Ja, Freeriden ist im Vergleich zu Tennis oder Fußball ein äußerst gefährlicher Sport.

Zwei tödliche Lawinenunfälle erschütterten die Freeride-Szene im Jahr 2016. Zunächst verstarb Estelle Balet, die amtierende Snowboard-Weltmeisterin, bei Dreharbeiten im Unterwallis in einer Lawine. Wenige Monate später verstarb die Profi-Freeriderin Matilda Rapaport in Chile, ebenfalls bei Dreharbeiten. Matilda zählte zu meinen guten Ski-Freundinnen. Ich konnte es kaum fassen, dass nun auch Matilda ihr Leben verloren hatte, und zwar genau bei der Tätigkeit, die auch zu meinem Ski-Alltag gehört. Ich war zutiefst betroffen, fand keine Freude mehr beim Skifahren und wollte keine größeren Touren im Gelände unternehmen.

Fehler? Sind wertvolles Feedback

Ein Sport mit hoher Konzentration: Der Freerider Loic Burri aus der Schweiz bei der Freeride World Tour

Ein Sport mit hoher Konzentration: Der Freerider Loic Burri aus der Schweiz bei der Freeride World Tour

Foto: Valentin Flauraud/ dpa

Ich saß meine Zeit mehr oder weniger ab und wartete, bis ich nach Kalifornien fliegen und fünf Wochen am Meer verbringen konnte, wo ich mein weiteres Training geplant hatte. Das Skifahren und die Berge waren schon so lange meine treibende Kraft im Leben, aber nun stellte ich alles infrage. Hätte ich die Gefahr erkennen können, die Matilda und Estelle zum Verhängnis geworden ist? Möchte ich dieses Risiko weiterhin eingehen? Bin ich bereit, mein Leben für das Freeriden aufzugeben? Was ist mir wirklich wichtig im Leben?

Die Zeit am Meer wirkte heilend für mich, ich brauchte Abstand von den Bergen. Ich war so oft wie möglich Wellenreiten. Zum Surfen hatte ich einen spielerischen Zugang. Ich war einfach glücklich, im Ozean zu sein und machte mir keinen Druck, etwas Besonderes können oder leisten zu müssen. Ohne Druck und mit viel Spaß machte ich rasche Fortschritte, und ich war glücklich. Genau diese Stimmung brauche ich für mein Skifahren, dachte ich mir. Skifahren macht mich glücklich und liegt mir sehr am Herzen, aber es war auch mit einer gewissen Schwere und das Gefühl, immer Leistung erbringen zu müssen, behaftet. Mein Ego hatte ein klares Selbstbild von Lorraine als Skifahrerin aufgebaut, dem es zu entsprechen galt.

Die Freiheit und Leichtigkeit, die ich in dieser Zeit in Kalifornien beim Surfen erfuhr, wollte ich auf mein Skifahren übertragen. Ich fing an, mich verstärkt auf den Lernprozess zu konzentrieren und viel weniger auf die Resultate. Solange ich mich weiterentwickele, ist alles gut. Fehler sind nicht als Rückschläge zu werten, sondern als Feedback. Ein Fehler kann als kleiner Goldklumpen mit wertvollem Feedback betrachtet werden und zeigt mir meinen nächsten Entwicklungsschritt auf. Im Prinzip definierte ich Erfolg für mich neu. Es geht nicht um Resultate, sondern um das Lernen. Damit konnte ich sehr viel anfangen. Der Druck reduzierte sich spürbar. Ich war freier, lockerer, und ich freute mich auf die bevorstehende Wettkampfsaison.

Fokus und Selbstvertrauen

Mein erster Contest-Lauf der Saison 2017 in Andorra verlief nicht nach Plan, ich kam als Vorletzte ins Ziel. Unten hatte ich mich verfahren, die obere Hälfte meiner Fahrt jedoch war sehr gut, und darauf lenkte ich nun meinen Fokus. Man darf sich auf der Tour nur sehr wenige Fehler leisten. Die Punkte der ersten drei Bewerbe entscheiden darüber, welche Athleten zum vierten Stopp nach Alaska fahren können. Da ich schon mein Streichresultat hatte, mussten nun zwei gute Fahrten her, um meinen Platz für Alaska und in weiterer Folge für das Finale sowie die FWT 2018 zu sichern. Ich schaffte es, dies alles auszublenden und mich auf mein Skifahren zu konzentrieren. Ich wollte eine flüssige Linie fahren und sämtliche Sprünge aktiv und mit Selbstvertrauen ausführen. Ich freute mich auf meine Fahrt. An diesem Tag feierte ich den zweiten Free World Tour-Sieg meiner Karriere. Mir kullerten die Tränen über die Wangen.

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Foto: Bernd Thissen/ dpa

Mein erster Sieg lag da drei Jahre zurück, seitdem hatte ich zwei Knochenbrüche erlitten und war immer wieder auf die Prüfung gestellt worden. Trotz des holprigen Starts hatte ich gelernt, konzentriert mit Wettkampfsituationen umzugehen. Ich war überglücklich. Den Wettkampf genießen

Nun hatte ich einen Lauf und landete bei jedem weiteren Contest auf dem Podest: 1. FWT Fieberbrunn, 2. FWT Haines Alaska, 3. Xtreme Verbier. Ich war endlich angekommen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, die Herausforderung meistern zu können. Ich hatte meine Strategie ausgearbeitet, die ganze harte Arbeit erledigt, meinen Körper sowie mein Material optimal vorbereitet, wichtige Erfahrungen gesammelt und vor allem gelernt, mich mental zu stärken. Mein erklärtes Ziel war nicht, Weltmeisterin zu werden.

Das Lernen mit allen Sinnen auskosten

Eine Frau, ein Fels, ein Sprung: Snowboarderin Estelle Balet beim "Xtreme de Verbier" im April 2016

Eine Frau, ein Fels, ein Sprung: Snowboarderin Estelle Balet beim "Xtreme de Verbier" im April 2016

Foto: Anthony Anex/ picture alliance / dpa

Die Resultate ergaben sich als Nebenprodukt von einem ganz anderen Fokus: während meiner Wettkämpfe in den Flow-Zustand zu kommen. Das Lernen sowie das Wettkampferlebnis mit allen Sinnen auszukosten, das war mein oberstes Ziel. Ich lernte bei jedem Wettbewerb dazu, jeder Start war eine wertvolle Gelegenheit, mein Können auszubauen und Flow zu erleben. Ich hatte endlich meinen Rhythmus gefunden, und am Ende der Saison war ich Weltmeisterin. Für mich fühlt sich das heute wie ein wertvoller Schatz an, den ich erleben durfte. Mein Leben ist nicht durch den Titel, sondern durch den ganzen Weg dorthin um ein Vielfaches reicher geworden. Ich bin vor allem sehr stolz darauf, dass ich nie aufgegeben habe. Obwohl mein Kopf immer wieder zweifelte, spürte ich tief im Inneren, wozu ich fähig bin. Mein Herz hat es immer gewusst, und ich hatte den Mut, meinem Herzen zu folgen.

Wenn ich nun zurückblicke, bin ich auch für die Tiefpunkte dankbar. An diesen Herausforderungen bin ich am meisten gewachsen. Jeder einzelner Rückschlag war ein wichtiger Baustein in meiner Entwicklung.

Du bist 2006 beim Fotoshooting selbst in eine Lawine geraten. Wie kam es dazu?

Die Schneedecke war für unser Fotoshooting nicht geeignet. Es sah nicht gut aus, und ich äußerte dem Bergführer meine Bedenken. Er gab mir Recht. Aber damals hatte ich noch nicht die Reife, diese Bedenken in der Gruppe zu äußern. Niemand sonst hat etwas gesagt, für sie war das okay, und sie waren ja auch Experten. Da dachte ich, es wird schon okay sein und bin los. Ich kam in eine enorme Lawine, die alle Schneemassen mitriss und die Steine freisetzte. Ich hatte ein riesen Glück, dass ich überlebte.

Was hast du daraus mitgenommen?

Seit diesem Erlebnis habe ich mir geschworen, konsequent auf mich zu hören, aber es gelang mir nicht immer. Ich musste es immer wieder lernen. Anfangs braucht man ja auch den Input von den anderen. Später, mit mehr Erfahrung und Reife, konnte ich besser zu mir selbst stehen und auf mich hören. Da ist mir das Abgrenzen immer leichter gefallen.

Wie findest du deine perfekte Linie?

Meine schönsten Momente sind die, in denen ich ganz leicht Bammel habe, wo ich die totale Sicherheit verlasse. Anspannung brauche ich, damit ich wach und fokussiert bin. Dieses Kribbeln im Bauch. Früher war ich oft zu weit draußen, hatte die Herausforderung zu hoch gesetzt und stürzte oft. Dann war es wieder zu wenig. Eine Challenge zu finden, die einen fordert, aber nicht zu sehr, das ist es.

Wie gehst du mit Angst um?

Angst ist ganz wichtig. Viele glauben, dass man als Freerider komplett angstbefreit ist. Um Gottes Willen! Da überlebst du nicht lang! Der Körper, der Kopf und das Bauchgefühl versuchen, dir da etwas mitzuteilen.

Harald Philipp: Der Mountainbike-Abenteurer über den perfekten Trail

Hochgefühl: Mountainbiking kann jede Menge Adrenalin freisetzen

Hochgefühl: Mountainbiking kann jede Menge Adrenalin freisetzen

Foto: DPA

Wie jeder Mountainbiker bin ich auf der Suche. Der perfekte Trail ist natürlich ein Mythos, denn er lässt sich nicht finden. Bei der zweiten Fahrt fehlt ihm bereits der Zauber - denn er wurde schon entdeckt. Die Freude liegt im Suchen und Entdecken. Das Finden und Ankommen ist immer nur eine Zwischenstation vor dem nächsten Abenteuer. Mountainbiken ist dabei so herrlich vielseitig, denn wir erfahren nicht nur Natur, wir befahren genauso viel Kultur!

Während man beim Klettern direkt am Fels und beim Skifahren im frischen Pulverschnee aufgeht, rollen wir Mountainbiker auf Wegen. Wege sind Zivilisation. Sie sind Einschnitte in die Natur, nicht die Natur selbst. Auf unseren Touren befahren wir Jägersteige, Wanderwege, Schmugglerrouten oder Schützengräben. Europa ist überzogen von einem engmaschigen Netz aus hinterlassenen Spuren von Handel, Tourismus und Krieg. Bike-Touren können kleine Lektionen sein: ein erfahrungsorientierter Unterricht in Geschichte und Geografie. Den Klassenraum teilen wir uns mit Wanderern und anderen Natursportlern.

Insbesondere bei zügiger Fahrt bekommen wir von der Landschaft zwar weniger mit als ein Fußgänger, aber vom Weg lernen wir mehr. Denn wir sind nicht nur auf den Wegen unterwegs, wir interpretieren sie neu. Der kleine Sprung hier, die erhöhte Kurve dort und der herrliche Rhythmus von Kehre zu Kehre - all das hat wahrscheinlich nicht einmal der Erbauer des Weges so gesehen wie wir. In den letzten 15 Jahren auf dem Mountainbike habe ich viele Trails gefunden, aber vor allem meine Suchkriterien verfeinert. Ich stehe auf Berge, und ich mag Sonne, Südhänge sind meine Freunde. Karstgestein ist ekelig, Schiefer und Schotter gefallen mir gut. Frühmorgens und spätabends sind die Trails einsamer und das Licht schöner. Esel und Maultiere bewegen sich offenbar ähnlich wie Mountainbiker, denn ihre Pfade eignen sich hervorragend für uns.

Video: Mountainbiken wie ein CEO

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Nicht zuletzt fügt sich ein kulturell gewachsener Weg besser in die Struktur des Geländes als Baggerschneisen in Skigebieten. Meist werde ich dort fündig, wo Menschen mal waren, aber jetzt nicht mehr sind. An Orten, an denen die Zeit stehengeblieben ist und nur noch der Moment zählt. In meinem Flow-Kanal bin ich zum Glück und leider niemals da, wo ich gestern war. Mit jedem kleinen Lernschritt verschiebt sich mein Können und damit auch meine Motivation, die eine, die richtige Herausforderung zu finden. Viele Wege gewinnen für mich an Spannung, wenn ich die Bremsen einen Moment länger offen lasse - andere werden einfach langweilig. Dafür reizen mich dann neue Trails, deren Befahrung ich zuvor für unmöglich gehalten hatte. Ein Spiel, das ich einige Jahre lang betrieben habe.

Doch jetzt stehe ich mit meinem Rad auf dem Bocchette-Klettersteig und fürchte mich vor meiner eigenen Courage. Unter meinem rechten Bremshebel erahne ich den Talboden - 700 Höhenmeter unter mir. Einen Fehler mache ich hier nur einmal und besser nie. Meine Höhenangst habe ich gut im Griff, doch das Schwindelgefühl lässt sich nicht völlig ausblenden. Blick nach vorn. Ich weiß, dass ich diesen Weg fahren kann. Und ich will ihn so sehr fahren, wie ich selten etwas gewollt habe. Er zieht mich an. Ein Jahr lang habe ich auf diesen Moment gewartet, doch plötzlich erscheint mir mein Vorhaben schrecklich dumm und reichlich naiv. Nach oben hin wird es in meinem Flow-Kanal ziemlich eng.

Sobald mein Bike losrollt, fühlt es sich besser an. Zuvor sah ich in meinen Gedanken einen Radfahrer am Abgrund, jetzt sehe ich nur noch einen fahrbaren Weg vor mir. Ich heize den Pfad trotzdem nicht so schnell entlang, als würde er sich durch einen Wald schlängeln. Obwohl ich in völliger Fokussierung den Abgrund nicht wahrnehme, spüre ich sehr wohl, dass er da ist. Ich freue mich. Meine Höhenangst hat mich nicht blockiert, ich besiege sie mit jedem gefahrenen Meter ein bisschen mehr. Der Weg wird schwieriger, und eine fiese Spitzkehre versperrt mir die Weiterfahrt. Fies, aber machbar, das weiß ich. Aber ich tue es nicht. Plötzlich sehe ich wieder den Radfahrer am Abgrund. Absteigen erfordert hier viel Mut - vor der Linse von Fotograf und Filmdrohne. Die größte Überwindung des Tages sind diese Wegmeter, auf denen ich mein Rad trage. Auf sie bin ich stolz.

Wie kann man sich den Bocchette-Trip genau vorstellen?

Den Aufstieg wandert man gemütlich mit den zusätzlichen 13 Kilogramm auf dem Buckel hoch, und daher dauert es länger als die Abfahrt. Wenn die Abfahrt anfängt, dann steigt auch die Spannung. Meistens entscheide ich dann relativ spontan, wo ich entlang fahre. Was bedeutet für dich eigentlich Grenze? Grenze ist nichts Fixiertes. Das hat was mit Komfortzone zu tun, die bei jedem unterschiedlich groß ist. Irgendwo gibt es so einen äußeren Rand, an dem man sagt, da ist jetzt gerade das Limit. Heute willst du nicht weiter gehen. Grenze sehe ich nicht als Mauer. Das klingt gleich so statisch. Es ist für mich viel mehr wie eine Seifenblase. Das ist viel wabbeliger und indirekter. Und genau diesen hauchdünnen Rand zu berühren, das finde ich geil.

Und warum ist Grenzerfahrung wertvoll?

Ich glaube, genau dort erlebst du den Flow. Wenn du genau dahin gehst, wo die Komfortzone gerade nicht mehr ist, aber die Angst auch noch nicht angefangen hat. Genau da muss man sich auf die Tätigkeit fokussieren, und gleichzeitig wird sie dann auch leichter. Weil man nichts anderes tut, nichts anderes im Kopf hat. Und in diesen Momenten spielt nichts mehr eine Rolle außer dem, was man gerade tut. Wenn man die ganze Zeit nur in der Komfortzone bleibt, dann ist man einerseits nicht voll bei der Sache, andererseits wird diese Blase auch zunehmend kleiner. Je öfter man an diese Ränder geht, wachsen diese auch. Mit jeder Grenzerfahrung gewinnt man ein kleines Stück Freiheit. Wenn man hingegen eine Grenzerfahrung hatte, einmal zu weit ging, dann rammt man durch diese Blase hindurch und es macht "peng"! Dann ist diese Blase weg.

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