Fahrradtest Möve Franklin Pro mit Cyfly-Antrieb Mehr Kick dank 100-teiligem Ingenieurs-Trick

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Fahrradtest Möve Franklin Pro: Mechanik-Vorteil für E-Bike-Verächter

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Beim Sprint dem Pulk aus Normalradlern davonziehen, ohne seinen Drahtesel alle paar Dutzend Kilometer an die Steckdose hängen zu müssen? Das dies auch mit purer Mechanik möglich ist, will ein Start-Up aus Thüringen zeigen. Möve Bikes hat in jahrelanger Tüftelarbeit eine Alternative zu herkömmlichen Fahrrad-Tretkurbeln entwickelt, die beim Antritt aus dem Stand eine deutlich bessere Kraftübertragung liefern soll.

Cyfly heißt der aus 100 Einzelteilen bestehende Pedalantrieb, den Möve Bikes Anfang September auf den Markt gebracht hat. Die Mechanik dahinter erklärt Möve-Chef Tobias Spröte, ein 37-jähriger studierter Maschinenbauer, mit so schönen Worten wie "Planetengetriebe" oder "Viergelenk". Für technisch weniger Versierte ist eine Sache entscheidend: Der Cyfly-Antrieb nutzt eine deutlich längere Pedalkurbel als herkömmliche Fahrradantriebe. Das bringt beim In-die-Pedale-Treten mehr Druck auf die Kette und damit eine höhere Beschleunigung. Damit die Kurbel nicht am Boden schleift, wird sie bei jeder Umdrehung mit einem Konstrukt aus Gelenken und Pendeln entsprechend umgelenkt.

Diese neue Form des Pedalantriebs hat Möve mit auf Fahrradmechanik spezialisierten Ingenieursbüros gründlich getestet. Das Ergebnis: In jenem Bereich, in dem beim Radeln die größten Tretkräfte wirken, bringt der Cyfly-Antrieb um ein Drittel mehr Drehmoment - und damit auch eine bessere Beschleunigung.

Soviel zur Theorie. Doch wie schlägt sich der neue Antrieb in der Praxis? Das hat manager-magazin.de in einem mehrwöchigen Praxistest erkundet. Möve startet erstmal mit nur einem Modell, das die Thüringer "Franklin" getauft haben - in Anlehnung an die Möven-Art mit den längsten Zugwegen. Das gibt es in den Varianten Pure und Pro, wir fuhren die zweite Variante, die inklusive Schutzblechen, Nabendynamo und einem kleinen Gepäckträger ausgeliefert wird.

Der Antrieb benötigt Eingewöhnung

Ungewohnt waren mit unserem in Weiß gehaltenen Testrad die ersten paar hundert Meter. Denn das vordere Kettenblatt ist nicht rund, sondern hat konstruktionsbedingt vier Abrundungen. Das sorgt dafür, dass sich die Kurbelei am Anfang ziemlich unrund anfühlt und an das Fahrgefühl mit den ovalen Biopace-Kettenblättern erinnert, die vor gut 20 Jahren ziemlich angesagt waren.

Eine zweite Eigenart des Antriebs trat erst nach mehreren Kilometern Fahrt zutage: Da er deutlich breiter ist als ein herkömmliches Kettenblatt samt Kurbeln und Pedalen, ist die Beinstellung geringfügig anders als bei einem herkömmlichen Bike. Bei mir sorgte die ungewohnte, aber nicht unangenehme Stellung für die Belastung anderer Muskelgruppen. Ich hatte den Eindruck, dass das Strampeln via Cyfly etwas stärker den oberen Quadrizeps belastete als ein herkömmlicher Antrieb.

Dafür kam ich aber mit dem Rad in einigen Situationen merklich schneller oder müheloser voran als mit meinem konventionellen, knapp 13 Kilogramm schweren Stadtrad. Beim Antritt an der Ampel machte sich das Drehmoment-Plus zwar nicht beim allerersten Pedaltritt bemerkbar, sondern erst nach drei oder vier Metern. Dann hatte ich kurzzeitig tatsächlich das Gefühl einer merklich stärkeren Beschleunigung - fast wie mit einem E-Bike.

Am deutlichsten trat die Tret-Erleichterung jedoch bei leichten Steigungen in Erscheinung. Wo konventionelle Radfahrer entweder zurückschalten oder deutlich kräftiger in die Pedale treten mussten, konnte ich mein Tempo ohne große Mühen oder Schalten halten. Da spürte ich auch kaum mehr, dass der Cyfly-Antrieb knapp zwei Kilo schwerer ist als konventionelle Tretmechanik von Shimano oder Sram.

Bei welcher Geschwindigkeit der Cyfly-Antrieb E-Bikes aussticht

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Schnelltester allerdings waren von ungewohnten Cyfly-Mechanik nicht gerade begeistert. "Fährt sich irgendwie unrund", lautete das Fazit einer Redaktionskollegin nach einer kurzen Runde. "Ich habe nicht gemerkt, dass es wirklich was bringt", meinte ein anderer. Tatsächlich muss man sein übliches Strampel-Verhalten etwas anpassen, wenn man den Zusatz-Kick des Cyfly-Antriebs nutzen will. Richtig gut funktioniert er, wenn Fahrer quasi wie beim Fußaufstampfen schwankend in die Pedale treten. Geübte Radfahrer machen mit ihren Beinen jedoch eher kreisartige Bewegungen.

Hat man sich an das In-die-Pedale-Stampfen gewöhnt, bringt die Cyfly-Pedalerie bei höheren Geschwindigkeiten einen großen Vorteil gegenüber Elektro-Fahrrädern: Die Mechanik riegelt nicht bei 25 km/h ab, wie es die batteriegestützten Drahtesel-Varianten tun. Wer mit dem Möwe 28, 30 oder 35 km/h fahren will, kann mit nur geringer Kraft-Zusatzanstrengung auf das gewünschte hohe Tempo beschleunigen und dieses dann leicht halten. Mit E-Bikes, die schnell mal über 20 Kilogramm wiegen und ab 25 km/h die Elektromotor-Unterstützung versagen, ist dieser Vorgang eher schweißtreibend.

Zur Entwicklung eines neuartigen Antriebs kam Spröte durch Zufall: Als er vor fünf Jahren sondierte, wie er die traditionsreiche DDR-Fahrradmarke Möwe wiederbeleben könnte, kam ein damals 80-jähriger Ingenieur auf ihn zu. Der hatte jahrzehntelang Getriebe für Industrieanwendungen gebaut und entwickelt. Privat interessierte er sich jedoch für kleinere Getriebe - und stellte die Funktionsweise des von ihm ausgetüftelten Fahrradantriebs mit einem Holzmodell vor.

Erstmal nur 2000 Fahrräder pro Jahr - zum hohen Preis

Knapp fünf Jahre lang benötigten Spröte und sein Team, um aus der Idee ein in Serie fertigbares Produkt zu machen. Die Komponenten für seinen Antrieb werden so gefertigt, dass sie auch den bei Autozulieferern üblichen Qualitätsanforderungen entsprechen. Zwei namhafte Zulieferer, die Getriebespezialisten Schaeffler und Mitec, sind als Kooperationspartner an Bord.

Den Rahmen und den Rest hat das Möve-Team dann "um diesen Antrieb rumgestrickt", wie es Spröte ausdrückt. Und das haben sie mit viel Geschick getan: Denn das Möve Franklin sieht sehr schick aus mit seinem puristischen Rahmen, dem schmalen Sattel und hübschen Details wie im Rahmen verlegten Bowdenzügen. Federgabeln für den Einsatz auf ruppigeren Untergründen bietet Möve nicht an - auch weil durch den Antrieb etwas andere Kräfte auf den Rahmen wirken als bei üblichen Bikes. Dafür wird das Rad mit Reifen ausgeliefert, die auch bei nur 1,5 bar Druckluft in den Schläuchen bestens laufen und damit kleinere Straßenunebenheiten gut wegdämpfen.

Vorläufig will Spröte, der bis vor kurzem Chef eines Ingenieurbüros war, nur 1000 bis 2000 Fahrräder pro Jahr in der Möve-Manufaktur in Mühlhausen bauen lassen. Ein Großteil der Teile kommt aus Deutschland, die Rahmen lässt Spröte aktuell in Tschechien fertigen. Doch die Rahmenfertigung soll demnächst nach Mühlhausen übersiedeln.

Spröte ist also sehr konsequent bei seinem Ansatz, deutsche Ingenieurskunst samt deutscher Wertarbeit anzubieten. Die Exklusivität der Räder und die Herstellung hierzulande haben ihren Preis: Das Testrad kostet im Handel knapp 4000 Euro. Eine Menge Geld also für ein Rad, das mit seinem ungewöhnlichen Antrieb doch knapp 16 Kilogramm wiegt.

Dafür sorgt das Franklin zumindest in der Stadt für erstaunte Blicke unter Passanten und Radfahrern. Die ungewöhnliche Pedalerie fällt ebenso auf wie die elegante Form. Das Möve-Rad dürfte also ein ideales Gefährt sein für betuchte Technikbegeisterte, die gerne Geschichten über ihr Zweirad erzählen - etwa von dessen Antrieb und seinem unbekannten Entwickler, von der Wiederbelebung einer Uralt-Radmarke und davon, wie komplizierte Mechanik auch rohem Batterie-Boost ein Schnippchen schlagen kann.

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