Dienstag, 2. Juni 2020

Fahrrad-Handel Wie man in Corona-Zeiten ein Fahrrad kauft

Kontaktlose Übergabe: Fahrradkauf in Zeiten von Corona
Patrick Pleul/dpa

Ostern und schönes Wetter - normalerweise Zeit für Ausflüge, volle Cafés und geselliges Beisammensein. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Von Ausflügen wird abgeraten - auch per Fahrrad zumindest nicht an beliebten Strecken.

Und dennoch, das Fahrrad ist mittlerweile für den einen oder anderen zur Alternative geworden, der sich zuvor mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegt hat. Wer in diesen Corona-Zeiten darüber nachdenkt, sich ein neues Fahrrad kaufen zu wollen, muss weiter mit Einschränkungen rechnen. Online-Händler sind weniger von der Krise betroffen als stationäre Händler. Aber auch diese haben Wege gefunden, ihre Kunden zu beraten.

"Ab sofort bieten wir Ihnen auch eine Online Videoberatung über WhatsApp an", schreibt Fahrrad-Fuchs in Groß-Gerau auf seiner Website. Der Betrieb zählt zu den stationären Fahrradhändlern, die schnell reagiert haben. Denn seit in Deutschland wie in Italien oder Spanien die meisten Ladengeschäfte geschlossen bleiben müssen, um die Weiterverbreitung des Coronavirus einzudämmen, haben auch die Fahrradläden ein Problem.

Haben sie eine angeschlossene Werkstatt, dürfen sie für Reparaturarbeiten zwar geöffnet bleiben, um bei Pannen die Mobilität der Menschen zu sichern. "Untersagt ist jedoch in fast allen Bundesländern der Verkauf im Ladengeschäft", sagt Dirk Sexauer, Geschäftsführer beim Verbund Service und Fahrrad (VSF), ein Verband, bei dem auch viele Fahrradhändler organisiert sind.

Online-Händler teils mit höherer Nachfrage

Während Online-Händler wie Canyon Bicycles in Koblenz beim Verkauf über ihre Webshops keine Einschränkungen oder wie bei Rose Bikes in Bocholt gar eine höhere Nachfrage vermelden, sind die Herausforderungen in den Fahrradläden riesig. Für viele Händler versiege derzeit die Haupteinnahmequelle, sagt Thomas Göbel, Brandmanager bei der deutschen Traditionsmarke Victoria, die ihre Fahrräder über den klassischen Fahrradhandel vertreibt.

Wer als einzelner Händler jetzt einfallsreich ist, kann sich über Wasser halten. Denn gerade im Frühling machen die Händler in der Regel ihr größtes Geschäft. Um in Zeiten von Corona den Verkauf von Fahrrädern zur Saison nicht ganz versiegen zu lassen, reagierten viele Händler kreativ, bestätigt Verbandschef Sexauer. So wie Fahrrad-Fuchs. "Die Krise ist auch eine Chance, neue Sachen auszuprobieren", sagt Geschäftsführerin Andrea Groll. Man müsse sich auf alles gefasst machen und flexibel sein.

Per Video-Chat zum Verkaufsgespräch

Seit Mitte März können sich Kunden virtuell per Videochat durch den Laden führen lassen. "Bei Interesse halte ich die Handykamera vor ein Detail des Fahrrads", sagt Groll. So könne sich der Kunde ein konkretes Bild machen, ohne selbst anwesend zu sein und bekomme im Messenger-Gespräch zudem einen persönlichen Eindruck vom Verkäufer. Ähnlich verfährt man bei Kettler Alu Rad in Köln, dessen Fachhandelspartner jetzt auch über Skype beraten. Die Krise zwingt den Handel in die virtuelle Realität.

Kunden, die sich fürs Frühjahr womöglich bereits schon ein Fahrrad ausgesucht haben und nun im Zweifel sind, ob es vorrätig ist und sie es überhaupt kaufen können, rät Sexauer zur einfachen Kontaktaufnahme mit dem Händler ihres Vertrauens per Anruf oder E-Mail. "Unsere Mitglieder sind alle erreichbar." Und steht das Rad in der richtigen Größe nicht im Laden, stehen zumindest die Chancen gut, es noch bestellen zu können.

Etwa Derby Cycle, einer der größter Fahrradhersteller Deutschlands mit den Marken Focus, Kalkhoff und Raleigh, hat die Produktion im Werk in Cloppenburg zwar auf Notbetrieb umgestellt. "Bis 17. April werden keine neuen Fahrräder produziert", sagt Sprecher Arne Sudhoff, "doch wir haben Fahrräder, wir sind lieferfähig." Denn die Räder fürs Frühjahr sind zumeist hergestellt und auf Lager. "Wenn die Zustellung klappt, kann der Händler das Rad sofort haben."

Auch bei Kettler ist die Versorgung offenbar gesichert: Bestellungen von Fahrrädern und E-Bikes seien jederzeit online über den örtlichen Fachhändler möglich und würden wie gewohnt bearbeitet, sagt Sprecher Ole Honkomp.

Probefahrt? Ja, aber sicher

Die empfohlene Probefahrt muss laut VSF-Chef Sexauer trotz allem nicht ausfallen. Die Übergabe könne ebenfalls kontaktlos unter Einhaltung von Hygienevorschriften realisiert werden. Teils würden Händler den Kunden das an üblichen Griffstellen wie Lenker und Sattel desinfizierte Rad vor die Haustür liefern und es dort mit einem Zahlenschloss sichern. Bei Kettler ist man bereits dazu übergegangen, auch bei Kauf "kontaktlos per Spedition" nach Hause zu liefern - und nicht mehr über den Umweg des Händlers.

Dagegen sind die Auswirkungen der Corona-Krise im Online-Handel derzeit gering - "noch", räumt Lisa-Marie Möllmann von Rose Bikes angesichts der ungewissen Zeiten allerdings ein. Der Versender generiert 80 Prozent seines Umsatzes online und ist deshalb weit weniger verletzlich als örtliche Händler. Nach wie vor müssen Kunden die passende Fahrradgröße anhand von Größenrechnern auf der Website anders als beim Händler vor Ort aus der Ferne in ermitteln.

Zwar hat auch Rose Bikes seine wenigen Stores geschlossen und Logistik und Produktion auf ein Mehrschichtsystem mit strengen Hygienevorschriften und Reinigungsintervallen umgestellt, "um Begegnungspunkte und Ansteckungsgefahren zu minimieren", sagt Möllmann. Doch das Online-Geschäft läuft teils besser als zuvor. "Die Online-Nachfrage wächst in dieser Zeit", sagt Möllmann. Und mit verzögerten Lieferzeiten sei nicht zu rechnen.

Auch bei Bike Components in Würselen, das über einen großen Webshop auch Kompletträder verschickt, läuft das Business as usual. Gleiches bei Canyon: "Unser Kerngeschäft ist praktisch gar nicht betroffen", sagt Sprecher Thomas Lewandowski. Fahrradfans könnten weiterhin uneingeschränkt Bikes und Zubehör bestellen. "Das gesamte Auftragsmanagement, die Produktion und die Lieferlogistik laufen ebenfalls uneingeschränkt." Weil Canyon über die behördlichen Vorschriften hinausgehende Hygienemaßnahmen mit Schutzmasken für die Belegschaft und Desinfektionsmitteln eingeführt habe, sei auch eine "Verunreinigung von Rad und Verpackungsmaterial ausgeschlossen".

Stefan Weißenborn, dpa

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